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Islamist Iyad Ag Ghaly will Scharia einführen
Der "Löwe der Wüste" herrscht in Timbuktu

Bei den Dogon in Mali
Bei den Dogon in Mali FOTO: tmn
Bamako. Inmitten der unübersichtlichen Lage im Norden Malis hat sich einer als der neue starke Mann entpuppt: Iyad Ag Ghaly, der mit seiner Islamisten-Gruppe Ansar Dine ("Verteidiger des Glaubens") nunmehr die historische Wüstenstadt Timbuktu kontrolliert.

Vertraute und Feinde beschreiben den einstigen Tuareg-Führer als ebenso undurchsichtige wie charismatische Persönlichkeit, die seine Ziele immer mal wieder ändert. Kämpfte er früher für die Unabhängigkeit seines Nomadenvolks, so will er heute vor allem eines: die Herrschaft der Scharia, des strengen islamischen Rechts.

Nach dem Militärputsch am 22. März in der Hauptstadt Bamako nutzte Ghaly die Gunst der Stunde. Im Windschatten der Tuareg-Rebellen der noch relativ jungen Nationalen Befreiungsbewegung von Azawad (MNLA) übernahmen er und seine Mudschahedin der Ansar Dine nach und nach die Kontrolle über die wichtigsten Städte im Norden des westafrikanischen Landes.

Dabei verfuhren sie stets nach dem gleichen Muster: Bei der Eroberung der Gebiete ließen sie der MNLA und ihren teils noch vom einstigen libyschen Machthaber Muammar al-Gaddafi ausgerüsteten Kämpfern zunächst den Vortritt, nahmen dann aber de facto die Zügel in die Hand.

"Ich will die Scharia"

"Ich will keine Unabhängigkeit, ich will die Scharia für mein Volk", sagt Ghaly. Auch die einseitige Unabhängigkeitserklärung der MNLA vom Karfreitag lehnt er ab. In Timbuktu, der "Perle der Wüste", ist die Scharia bereits Realität: Frauen müssen sich verschleiern, Diebe damit rechnen, dass ihnen die Hände abgehackt werden.

Dabei waren Ghalys Träume vor rund 20 Jahren gar nicht so weit entfernt von den heutigen Forderungen der MNLA. Wütend über das Leid seiner von der Regierung im südlichen Bamako benachteiligten Tuareg spielte er eine führende Rolle beim großen Aufstand des Nomaden-Volkes in den 90er Jahren. 1990 befahl er als Chef der damaligen "Volksbewegung von Azawad" (MPA) den Angriff auf eine Militärgarnison im östlichen Ménaka. Dies gilt bis heute als Beginn der Revolte.

Mit seinen rund 50 Jahren hat Ghaly schon viele Rollen eingenommen. Geboren wurde der Spross des Ifora-Stamms in Kidal nahe der Grenze zu Algerien. Die Männer in seiner Familie waren Nomaden und Viehzüchter, er selbst liebte in seiner Jugend Kamelrennen. Später zog es ihn nach Libyen und Algerien, wo er als Mechaniker und Verwaltungsbeamter arbeitete.

So schnell, wie er 1990 den Kampf gegen Bamako aufnahm, beendete er ihn auch wieder: Als einer der ersten Tuareg beteiligte er sich 1991 an den Friedensverhandlungen unter algerischer Vermittlung. Nach dem Ende der Rebellion wurde Ghaly Geschäftsmann - und verschwand jahrelang aus der Öffentlichkeit.

Das änderte sich mit dem Erstarken des Terrornetzes El Qaida im Maghreb (Aqmi) um die Jahrtausendwende. Als deren Vorläufer mit ersten Geiselnahmen in der Sahel-Region von sich Reden machten, baten ausländische Geheimdienste Ghaly um Vermittlung. Aber schon damals beschrieben US-Diplomaten den Tuareg in ihren Depeschen als "undurchschaubar" und "unberechenbar".

Ungefähr in dieser Zeit setzte Ghalys religiöse Radikalisierung ein: Nach Angaben von Vertrauten ging er nach Pakistan, fand dort zu seinem "wahren Glauben". Heute trägt der eher schmächtige Mann einen langen schwarzen Bart als Zeichen seiner Autorität. Seine Umgebung respektiert und verehrt ihn: Der Rat des "Löwen der Wüste", wie er genannt wird, ist gefragt, ihm geht der Ruf des allwissenden Kenners der Sahelzone voraus.

Wie wichtig Ghaly heute noch sein Volk ist, lässt sich schwer sagen. Seinen Bruch mit der MNLA machte er Ende März deutlich. In Timbuktu zeigte er sich offen an der Seite algerischer Aqmi-Führer. Und im Radio predigte er: "Alle, die nicht auf Allahs Pfaden wandeln, sind Ungläubige."

 

(AFP)
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