Obama verkündet Afghanistan-Strategie: Die Angst vor einem zweiten Vietnam
VON FRANK HERRMANN, WASHINGTON - zuletzt aktualisiert: 01.12.2009 - 21:02Washington (RPO). In West Point, dem Heiligen Gral amerikanischer Militärtradition, wird Barack Obama am Dienstag verkünden, um wie viele Soldaten er die Truppe in Afghanistan aufstocken will. Beobachter erwarten viel Symbolik und Antworten auf eine der drängendsten außenpolitischen Fragen: Wann ziehen sich die Amerikaner aus Afghanistan zurück?
Festungsgleich auf einem Plateau überm Fluss Hudson thronend, ist die Akademie so etwas wie der Heilige Gral amerikanischer Militärtradition - 1802 gegründet, also uralt nach den Maßstäben der Neuen Welt. Zu denen, die sich hier als Kadetten quälten, zählten politische Schwergewichte wie Dwight Eisenhower.
Barack Obama wird lange nachgedacht haben, bevor er die Academy als Kulisse aussuchte, um seinen Kurs in Afghanistan zu skizzieren. Mit der Wahl West Points will er nach Darstellung seiner Berater klarmachen, dass er die "Boys in Uniform" nicht verheizt, sie nicht in einen Sumpf schickt, in dem sie immer tiefer versinken. Gezielt streut sein Pressestab das Wortpaar von der "exit strategy", einer Strategie, deren geistige Väter sich vorher genau überlegen, wie sie wieder herauskommen aus dem Konfliktknäuel.
In jedem Fall wird es ein rhetorischer Drahtseilakt höchsten Schwierigkeitsgrads. Als Antikriegspräsident wurde Obama gewählt, nun muss er seinen skeptischen Landsleuten erklären, warum er Krieg führt, weshalb er die Präsenz am Hindukusch ausbaut, statt sie zu verringern. Hinter ihm liegen drei Monate intensiven Nachdenkens, neun Sitzungen seines Küchenkabinetts im bunkergleichen "Situation Room", zahllose Informationslecks und heftiger Streit.
Drei Monate ist es her, dass Stanley McChrystal, höchster US-General in Kabul, die Entsendung von 40.000 zusätzlichen Soldaten empfahl, um die Rebellion der erstarkenden Taliban in den Griff zu bekommen. Obama wird wohl unter dieser Zahl bleiben, eine Art Mittelweg favorisieren. Von 30.000 GIs ist die Rede, womit das Gesamtkontingent auf rund 100.000 Mann anwachsen würde.
Doch es ist nicht so sehr die Kontroverse um konkrete Ziffern, die dem Hoffnungsträger zu schaffen macht. Sein größtes Problem ist, dass er bei seiner eigenen Hausmacht rapide an Rückhalt verliert. 56 Prozent aller Demokraten und 43 Prozent aller unabhängigen Wähler glauben nicht länger an den Sinn des Krieges; sie wollen die Soldaten heimholen. Es ist die gleiche Klientel, die den Senkrechtstarter aus Chicago ins Oval Office beförderte. Und noch stärker als die statistischen Momentaufnahmen der Meinungsumfragen fällt ins Gewicht, welche Mahnungen sich der Präsident anhören muss.
Die afghanische Armee habe die Hauptlast zu tragen, verlangt Carl Levin, ein alter Hase, der den Streitkräfte-Ausschuss des Senats leitet. "Der Schlüssel zum Erfolg ist eine afghanische Truppenaufstockung, keine amerikanische." Karl Eikenberry, Washingtons Botschafter in Kabul, hält die Regierung Hamid Karsais allerdings für zu korrupt, als dass sie ein seriöser Partner sein könnte. Neue Truppen, warnte der Diplomat in einem der Presse zugespielten Memorandum, würden die Abhängigkeit Karsais von Amerika nur noch verstärken. Und dass sich Osama Bin Laden wahrscheinlich in Pakistan versteckt, schwächt Obamas Argument, wonach der Feldzug in Afghanistan die richtige Antwort auf den 9/11-Terror ist, nachdem der im Irak die falsche gewesen war.
Manche erinnern an John F. Kennedy, der sich gegen seine Generäle stellte, als die den Konflikt in Vietnam eskalieren wollten – mit Worten, die heute fast prophetisch klingen. "Die Kapelle wird spielen, die Massen werden jubeln. Nach vier Tagen ist alles vergessen. Dann wird man uns sagen, dass wir zusätzliche Einheiten schicken sollen. Es ist wie bei einem Drink. Die Wirkung verfliegt, und du brauchst einen neuen." Nancy Pelosi wiederum bezweifelt, dass sich die USA ein kostspieliges Militäraufgebot in der Ferne überhaupt leisten können. Es verschlinge Geld, "das wir dringend zu Hause brauchen", warnt die Vorsitzende des Repräsentantenhauses.
Nach Schätzungen des Weißen Haus wären für dreißigtausend Soldaten in dem asiatischen Land etwa 30 Milliarden Dollar pro Jahr zu veranschlagen. Angesichts klaffender Haushaltslöcher suchen Abgeordnete schon jetzt fieberhaft nach Wegen, wie der Posten finanziert werden soll. David Obey, ein Demokrat aus Wisconsin, schlägt eine Kriegssteuer vor, ein Prozent Aufschlag bei Normal-, fünf Prozent bei Besserverdienern.
Ähnlich hat Lyndon B. Johnson während des Vietnamabenteuers an der Steuerschraube gedreht. Nein, ein zweites Vietnam stehe nicht zur Debatte, beschwichtigt Robert Gibbs, Obamas Sprecher. "Wir sind schon das neunte Jahr in Afghanistan. Weitere acht oder neun Jahre werden wir dort nicht bleiben."
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