Der indische Computer-Spezialist geht lieber in die USA: Die "Blue Card" kommt - wo bleiben die Fachkräfte?
zuletzt aktualisiert: 23.10.2007 - 17:52Berlin (RPO). Mit einem Schnellverfahren für hochqualifizierte Einwanderer - "Blue Card" genannt - will die EU-Kommission mehr Fachkräfte aus Asien und Afrika nach Europa locken. Die gehen aber viel lieber in die USA. Warum ist das so?
Die Wirtschaft jammert seit Monaten, jetzt will die EU-Kommission mit einer "Blue Card" zehntausende Fachkräfte in die europäischen Länder locken. Ingenieure, Informatiker und Techniker aus Ländern wie Indien oder China sollen hier den Fachkräftemangel überwinden helfen.
Doch nach Deutschland zieht es die hochqualifizierten Experten etwa aus Indien gar nicht so sehr: Zu unattraktiv sind nach Ansicht von Experten die Bedingungen für Spitzenkräfte. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wird sich nächste Woche in Indien selbst ein Bild von der boomenden Wirtschaft machen können.
In Deutschland fehlten im vergangenen Jahr nach Schätzungen 165.000 Spezialisten. Hochqualifizierte können zwar bereits nach Deutschland kommen, wenn sie ein Stellenangebot haben. Voraussetzung ist teilweise aber ein jährliches Mindesteinkommen von rund 85.000 Euro.
Erleichterungen beschlossen
Für Maschinen- und Elektroingenieure aus den zehn neuen mittel- und osteuropäischen EU-Staaten beschloss das Kabinett zwar bereits Erleichterungen, ebenso für ausländische Uni-Absolventen. Die "Blue Card" stößt in Berlin dennoch auf Vorbehalte, denn die Bundesregierung setzt zuerst auf nationale Fachkräfte.
Für den Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom) sind die Bedingungen für ausländische Fachkräfte völlig unzureichend. "Es ist nicht gerade so, dass ausländische Arbeitnehmer in Deutschland mit offenen Armen empfangen werden", kritisiert ein Bitkom-Sprecher.
Die Sprache sei eine Barriere, deutsche Zuzugsregelungen seien unattraktiv, besser seien die Bedingungen insbesondere in den USA, Australien, Singapur, Großbritannien - oder Indien. Alle großen IT-Firmen hätten in Indien inzwischen Entwicklungszentren aufgebaut und auch indische IT-Firmen seien am Markt. "Die indischen Fachkräfte finden auch dort gute Jobs." Für sie sei entscheidend, wo sie die beste Perspektive hätten. Nötig sei in Deutschland daher neben dem Daueraufenthalt auch etwa eine Arbeitserlaubnis für Ehepartner.
Mäßig attraktive "Green Card"
Als mäßig attraktiv gilt im Rückblick die so genannte "Green Card", die ab August 2000 eigens für den IT-Bereich in Deutschland geschaffen wurde. Im Zuge der "Green Card" kamen vom Jahr 2000 bis 2004 etwa 18.000 IT-Kräfte nach Deutschland, darunter 5740 aus Indien. Doch mussten die Spezialisten nach fünf Jahren in der Regel das Land wieder verlassen. 2006 lebten 34.000 Inder in Deutschland, 6000 weitere sind eingebügert. Die wenigsten von ihnen haben einen gesicherten Aufenthaltsstatus, nur rund ein Fünftel von ihnen haben eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis.
Die Bundesregierung müsse darüber nachdenken, wie die Zuzugsbedingungen für Hochqualifzierte besser gestaltet werden könnten, fordert auch der Migrationsforscher Klaus Bade. "Deutschland ist in Konkurrenz mit Silikon Valley und muss deshalb attraktiver werden." Der Nachweis eines Jahreseinkommens von 85.000 sei "dramatisch zu hoch".
Gleichzeitig solle die Kanzlerin bei ihrer Reise nach Indien aber auch klarmachen, dass die Bedingungen in Deutschland nicht so schlecht sind. Der Vorsitzende der deutsch-indischen Parlamentariergruppe, Josef Winkler (Grüne), regt zudem an, Merkel solle sich für einen Uni-Austausch und für mehr Deutschkurse einsetzen. In Indien gingen jährlich 200.000 Hochqualifizierte von den Unis ab. Dieses Potenzial müsse erschlossen werden.
In den Herkunftsländern wird die Jagd nach Hochqualifizierten längst als Problem und Konfliktpotenzial erkannt: Während die befristeten Aufenthaltsmöglichkeiten für Arbeitskräfte immerhin zu einem Know-How-Rückfluss geführt hätten, seien inzwischen viele Industrieländer bereit, Uni-Absolventen dauerhaft aufzunehmen, stellte Professor Binod Khadria unlängst bei einer Konferenz der Konrad-Adenauer-Stiftung in Neu Delhi fest. Für Indien sei dies auch mit schweren Nachteilen verbunden: "Inzwischen sind schätzungsweise 380 wichtige Lehrpositionen an den sieben Technologie-Instituten des Landes nicht besetzt."
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