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Merkel in Indien: Die Bundeskanzlerin im Auftrag der Deutschland AG

VON GREGOR MAYNTZ - zuletzt aktualisiert: 30.10.2007 - 18:34

Neu Delhi (RPO). Angela Merkel tritt in Indien als Chefin der Deutschland-AG auf. Sie wirbt für große Aufträge an deutsche Firmen und vereinbart ein anspruchsvolles Ziel: Binnen fünf Jahren soll der Handel zwischen beiden Ländern auf 20 Milliarden Euro glatt verdoppelt werden. Und auch politisch bahnt sich eine enge "strategische Partnerschaft" an.

Genau so sieht es wohl aus, wenn zwischen einer Frau und einem Mann das Eis gebrochen ist. Mögen sich Bundeskanzlerin Angela Merkel und Indiens Premierminister an diesem Dienstag in Neu-Delhi bereits vier Mal gesehen und zweimal lange miteinander gesprochen haben, als am Abend acht bilaterale Verträge unterzeichnet werden, hat Merkel kaum Blicke für die Unterschriften-Zeremonie. Angeregt plaudert sie mit dem Premier. Und auch der ist sichtlich angetan von seinem Staatsgast. Schließlich hat er sie bereits mit den Worten begrüßt, sie sei ein großer Staatsmann, ja mehr noch, ein Welt-Staatsmann.

Viel Lob von Indern

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Indien erwarte von Merkel, eine führende Rolle in der globalisierten Welt zu spielen. Das Lob kommt den Tag über auch aus vielen anderen indischen Mündern. Unwirsch zuckt sie mit dem Kopf, als sie von Journalisten nach der Wirkung einer solchen Häufung von grandiosen Komplimenten gefragt wird. Sie wolle es "mal für Deutschland insgesamt nehmen", lautet ihre Antwort. Allerdings werde sie selbst daraus "Kraft schöpfen, weitere Probleme zu lösen, wo immer sie auch auftauchen".

Merkel - die neue Super-Woman, die von Problem zu Problem fliegt, um eines nach dem anderen zu lösen, "wo immer sie auch auftauchen"? Nein, es ist die typische Kanzlerin-Ironie: Auf eine übersteigerte Formulierung noch eine draufsetzen. In Wirklichkeit kommt im Ablauf des Staatsbesuches in dem 1,1-Milliarden-Menschen-Land statt forschen Hoppla-Hopp-Auftrumpfens eher unermüdliches, bestimmtes Arbeiten an noch besseren Beziehungen zum Ausdruck.

Kleine und mittlere Unternehmen im Visier

So greift sie bei einem Wirtschaftsforum den Wunsch der Gastgeber sogleich auf, es sollten sich doch auch mehr kleine und mittlere deutsche Firmen für Geschäfte mit Indien interessieren. Sie verweist auf mitreisende Mittelständler in ihrer großen Wirtschaftsdelegation und fordert, sich auch jenseits der Zölle um konkrete Standards für Warenvorgaben und Geschäftsabwicklungen zu kümmern. Kleine Firmen könnten sich selten große Rechtsabteilungen leisten.

Und dann schlüpft die Kanzlerin in die Rolle von Deutschlands Chefverkäuferin. "Wir haben mit EADS und Airbus wunderbare Angebote zu machen", lautet ihr Kommentar zu der indischen Nachfrage nach Unterstützung für das Transportsystem. Und natürlich seien deutsche Firmen auch gerne bereit, "Schienen und Straßen zu bauen". Mit dem Wunsch nach "sauberer Energie" rennt der indische Handelskammerpräsident Suni Bhari Mittal bei der Kanzlerin offene Türen ein.

Genau deswegen wolle Deutschland die Entwicklungszusammenarbeit mit Indien neu ausrichten, stärker auf Projekte der Energieeinsparung, regenerativen Energiegewinnung und des Klimaschutzes insgesamt lenken. Die ganze Bandbreite von der Wissenschaft über Rüstungsprojekte bis zur Infrastruktur spricht Merkel immer wieder an. Und außer dem am Morgen gestarteten "Science-Express", der Dutzende indische Städte nun mit den Fähigkeiten Deutschlands vertraut macht, vereinbaren beide Seiten auch ein gemeinsames Forschungsprojekt.

Forschung: Was sind indische Bedürfnisse

Eines der ganz praktischen Art: Wissenschaftler sollen herausfinden, wie deutsche Firmen ihre Produkte noch besser auf indische Bedürfnisse ausrichten können. Schon die Fugger machten vor Jahrhunderten Geschäfte mit der indischen Region, erwähnt Merkel, und das Deutsche Reich baute Eisenbahn- und Telegrafenverbindungen auf. Vielleicht gelingt es, an diese Tradition anzuknüpfen. Die Zeichen stehen günstig: Schon die Verdoppelung des Handelsvolumens auf zehn Milliarden war binnen drei statt der veranschlagten fünf Jahre gelungen. Könnte das beim Sprung von zehn auf 20 Milliarden jährlich ein weiteres Mal glücken?

Allerdings ist sich Merkel auch im Klaren darüber, dass Deutschland nur einer von mehreren Wettbewerbern um indische Investitionen ist. Ein heißes Eisen ist in diesem Zusammenhang daher die innerindische Diskussion um das Angebot der Amerikaner zur nuklearen Zusammenarbeit. Singh will eine breite Mehrheit in der Bevölkerung dafür gewinnen. Doch der Widerstand ist beträchtlich. Kritiker befürchten, dass sich Indien im Anhang des Vertrages über atomare Unterstützung der USA zu sehr in seiner Souveränität einschränken lasse.

Natürlich will auch Merkel, dass es in der latenten Spannungslage auf dem Subkontinent Schritt für Schritt zu mehr Einbindung der Atommacht in Nichtweiterverbreitungssysteme kommt. Deshalb lässt sie nach den Gesprächen mit Singh auch ein "Interesse" Deutschlands daran durchblicken. Doch in der Delegation sind Hinweise auf Nebeneffekte des Atom-Deals zwischen Washington und Neu-Delhi zu hören.

Die Amerikaner verfolgten sicherlich ein dreifaches Ziel: Einbinden des Atompotenzials in internationale Kontrollmechanismen, daneben aber auch ein Instellungbringen Indiens gegen den größten potenziellen US-Herausforderer, die Volksrepublik China, und, sicherlich nicht zuletzt: einen ganz dicken Fuß in der Tür zur indischen Wirtschaft und zu indischen Aufträgen für amerikanische Firmen.

Grundwerte teilen und fördern

Deshalb wohl auch der Hinweis der Kanzlerin auf "Wettbewerber". Aufhorchen lässt daher am Abend eine von Indien und Deutschland verfasste "gemeinsame Erklärung". Gleich im zweiten von 18 Punkten verpflichten sich beide Staaten dazu, "universelle Werte wie Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechte und Grundfreiheiten einschließlich religiöser", zu teilen und zu fördern. Das Land der Dutzenden Millionen Christen und das Land der Hunderten Millionen Muslims betonen also gemeinsame Werte. Wenn das nicht auch ein kleiner Versuch ist, Indien an der Seite Deutschlands zu positionieren: zum Beispiel in Abgrenzung zu China. Merkel muss diese Absicht ständig durch den Kopf gehen, denn bei einem kleinen Pressegespräch widerfährt ihr der Lapsus, es sei "klar", dass Indien der "zweite" große Akteur in Asien sei. Ob Japan über diese Bemerkung sehr amüsiert ist?

Am Ende des Tages ist sich Merkel jedenfalls sicher, dass ihr Besuch dazu beitragen wird, die "strategische Partnerschaft" zwischen Deutschland und Indien weiter zu entwickeln. Mit Indiens Außenminister Pranab Mukherjee ist sie sich beispielsweise sofort einig, gemeinsamen Druck auf das Regime in Myranmar auszuüben. Die Gefangenen müssten frei gelassen, die Zusammenarbeit mit der Uno aufgenommen und ein Reformkurs eingeschlagen werden. Gleiche Interessen auch in Sachen UN-Reformen: Merkel und Singh sagen sich zu, einander gegenseitig "nachdrücklich" zu unterstützen, was einen Anspruch auf einen ständigen Sitz im Weltsicherheitsrat anbelangt.

Damit die deutsche Seite ganz gezielt daran gehen kann, die "ausbaufähige" Kooperation weiter zu entwickeln, macht sich die Kanzlerin auch ein Bild von den innenpolitischen Machtverhältnissen, spricht auch mit der Frau, die im Hintergrund die eigentlichen Fäden zieht: Sonia Gandhi, die Vorsitzende der erfolgreichen Kongresspartei gehört zu den selbstverständlichen Gesprächspartnern. Auch hier hat Merkel "offene Türen" gefunden. Und sie ist sich hinterher sicher, dass "Deutschland und Indien noch vieles schaffen können".

Quelle: RP

 
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