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Die Causa Nordkorea
Die Welt braucht mehr Gesprächskanäle

Februar 2016: Kim Jong Un freut sich über Raketenstart
Februar 2016: Kim Jong Un freut sich über Raketenstart FOTO: afp, jyj/tbr
Meinung | Berlin. Die Dauer-Provokationen Nordkoreas sind brandgefährlich – und haben mehr mit Europa zu tun als wir glauben. Nur wenn sich die Großmächte zusammenschließen, kann die Gefahr gebannt werden. Von Gregor Mayntz

Wer vom täglichen Versagen des Kommunismus bei der Grundversorgung der Bevölkerung mit Nahrung, Bildung und Gerechtigkeit ablenken will, der muss auch in einem totalitären System ab und zu eine Bedrohung von außen inszenieren, um das Volk angesichts eklatanter Not hinter dem höheren Ziel der Abwehr vermeintlich vernichtender Gefahren beisammen zu halten. Das ist eine Erklärung für das zunehmend irrationale Vorgehen von Diktatur Kim Jong Un in Nordkorea. Eine andere hängt mit der Erkenntnis zusammen, dass ein Land aufhört, sich als Spielball von Groß- und Hegemonialmächten zu fühlen, wenn es in den Kreis der Nuklearwaffenstaaten eingetreten ist. Mag es dagegen auch noch so viele Gegenbelege geben, subjektiv greifen verunsicherte Regime gerne nach diesem tückischen Status-Strohhalm.

Im Falle Nordkoreas kommt hinzu, dass sich das Regime einer wenig ersprießlichen Debatte in der Nachbarschaft ausgesetzt sieht, die sich vor allem um die Frage dreht, wann denn Nordkorea kollabiert und wer unter welchen Voraussetzungen davon profitieren wird. Wenn sich das Land nicht öffne, werde es wirtschaftlich nicht überleben können, sobald China als Notversorger ausfalle. Wenn es sich aber öffne, werde es politisch nicht überleben können, weil sich dann die Propaganda des Regimes als einziges Lügengebilde entpuppe. Eine solche aussichtslose Perspektive macht irrationale Trotzreaktionen nachvollziehbar.

Können wir uns darauf zurückziehen, dass wir rund um Syrien und die Ukraine und die Flüchtlingskrise gerade Wichtigeres zu tun haben, als uns um die spätpubertären Muskelspiele eines schrankenlosen Jung-Diktators kümmern zu müssen? Das würde nur funktionieren, wenn die Nummer mit den Langstreckenbombern und den Atomwaffen tatsächlich ein paar Nummern zu groß für die Steinzeitkommunisten wäre. Geheimdienste scheinen dieser Auffassung zuzuneigen. Doch verlassen kann man sich darauf nicht, und auch die hochgerüstete und zu Aggressivität neigende nordkoreanische Armee kann schon auf konventionellem Wege die Region in den Abgrund reißen.

Zudem führt über den Iran, dessen eigenes Atombombenprogramm nur auf die Zeitschiene gesetzt und nicht zerstört werden konnte, eine direkte Spur von der konspirativen Zusammenarbeit der iranischen und nordkoreanischen Atomwissenschaftlern zu den akuten Krisen und Kriege nahe Europas. Die Hauptakteure der Probleme im Fernen wie im Nahen Osten, sind weitgehend identisch. Rund um die koreanische Halbinsel belauern sich China, Russland und die USA. Rund um Syrien verhindern die gegensätzlichen Interessen von China, Russland und den USA ein Ende des Bürgerkrieges mit mittlerweile fast einer Viertelmillion Todesopfern.

Wenn nun die USA in Südkorea eine Raketenabwehr aufbauen und damit den Druck auf Russland und China erhöhen, damit diese Nordkorea in die Schranken weisen, verändern sie zugleich auch die Möglichkeit, in Syrien zu einer Verständigung zu kommen. Die Intervention Russlands an der Seite des mordenden Assad-Regimes ist auf der anderen Seite zugleich eine Ansage für mögliche Entwicklungen in Nordkorea und anderen Staaten. Die Rolle des Irans ist in Nordkorea verdeckt, in Syrien nur halb verdeckt – und in beiden Fällen Teil des Problems und nicht Teil der Lösung.

Deshalb war es falsch, nach der Ukraine-Krise den Nato-Russland-Rat faktisch einzustellen. Gerade jetzt braucht es Formate permanenter Konsultationen. Und deshalb wäre es auch richtig, einen Nato-China-Rat ins Leben zu rufen. Angesichts wachsender Provokationen rund um den Globus ist die Erfolgsaussicht zwar auf Sicht gering. Aber wie sonst soll eine Verständigung auf den Weg kommen, wenn nicht durch reden?

Quelle: RP
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