Jemen ist eine Brutstätte des Terrors: Die dritte Front
VON MATTHIAS BEERMANN UND KARIM EL-GAWHARY - zuletzt aktualisiert: 04.01.2010 - 13:51Düsseldorf/Kairo (RP/RPO). Nicht mehr im Irak oder Afghanistan sondern verstärkt im Jemen sammelt das Terrornetzwerk al Qaida jetzt seine Kräfte. Seit dem vereitelten Flugzeuganschlag von Detroit scheint US-Präsident Barack Obama nun entschlossen, den Kampf aufzunehmen. Seine Generäle bereiten sich schon länger darauf vor. Im Jemen erwartet sie ein Land im Zerfall.
Die Lage im Jemen verschärft sich: Am Wochenende kam Amerikas oberster Militär-Befehlshaber im Kampf gegen den Terror, General David Petraeus, zu einem Blitzbesuch in die Hauptstadt Sanaa und sprach mit Präsident Ali Abdullah Salih. Kurz darauf schlossen die amerikanische und die britische Botschaft in Sanaa ihre Pforten – wegen der Gefahr von Terroranschlägen. Am Montag machte auch Frankreich die Türen dicht. Die japanische Botschaft in Sanaa schloss vorübergehend ihre Visa-Abteilung, die deutsche Botschaft hingegen setzte ihren Geschäftsbetrieb fort.
Spätestens seit dem knapp vereitelten Flugzeuganschlag von Detroit scheint US-Präsident Barack Obama fest entschlossen, die Stützpunkte des Terrornetzwerks al Qaida im Jemen intensiver zu bekämpfen. Bisher waren die Amerikaner schon mit Ausbildern vor Ort, um die jemenitischen Sicherheitskräfte im Kampf gegen die Islamisten zu unterstützen. Außerdem flossen Millionen von Dollar an Militärhilfe. Jetzt könnte es erstmals auch zu direkten amerikanischen Luftschlägen kommen. Angeblich haben US-Spezialisten mögliche Ziele schon längst ausgekundschaftet.
Ein Land ohne Staatsgewalt
Der instabile Jemen, dessen schwache Zentralregierung kaum Kontrolle über die entlegenen und unzugänglichen Berggebiete ausübt, hat sich in den vergangenen Jahren immer mehr zu einem Rückzugsgebiet für militante Islamisten entwickelt. Die Radikalen leben dort, ähnlich wie in Afghanistan, zum Teil unter dem Schutz einzelner Stämme. Nachdem die Sicherheitskräfte im benachbarten Saudi-Arabien in den vergangenen Jahren immer mehr die Schrauben angezogen hatten, haben viele der dortigen Kämpfer im Jemen eine neue Heimat gefunden.
Auch aus Afghanistan und dem Irak sollen viele Kämpfer eingesickert sein. Ihre Organisation nennt sich "al Qaida auf der arabischen Halbinsel". Vor einem Jahr ging sie aus der Verschmelzung der jemenitischen mit der saudischen al Qaida hervor. Ihr Anführer ist der Jemenit Nasser al-Wahischi. Er war Osama bin Ladens Sekretär im Afghanistan-Krieg und soll weiter Kontakt zu ihm haben. Weil Jemens Regierung vordringlich damit beschäftigt war, schiitische Rebellen im Norden und eine Separatistenbewegung im Süden zu bekämpfen, blieben die Qaida-Aktivisten lange Zeit relativ unbehelligt. Das dürfte sich jetzt ändern, nachdem die USA und Großbritannien zur Verschärfung des Anti-Terrorkampfs im Jemen aufgerufen haben.
Angst vor dem zweiten Afghanistan
In den USA befürchtet man allerdings, dass der Jemen zu einem zweiten Afghanistan werden könnte. "Der Irak war der Krieg von gestern, Afghanistan ist der heutige Krieg, und wenn wir keine Vorkehrungen treffen, dann wird der Jemen der Krieg von morgen", sagte der demokratische Senator Joseph Lieberman. Am Sonntag verkündete John Brennan, Anti-Terror-Berater der US-Regierung, nachdrücklich über die US-Fernsehkanäle die Botschaft: Die USA werden keine Truppen in den Jemen entsenden.
Dabei mischen US-Militärs offensichtlich bereits seit längerem direkt im Jemen mit. Der US-Fernsehsender CBS zitierte Sebastian Gorka, einen Experten für Sondereinsätze der US-Armee, der auch jemenitische Militärs trainiert. Er behauptet, dass die letzten Boden- und Luftangriffe gegen al-Qaida-Positionen von US-Militärs geleitet wurden. "Das wurde von den USA mit Unterstützung der jemenitischen Regierung durchgeführt", sagt Gorka. Es soll sich dabei um Angriffe mit Cruise-Missiles in Kombination mit Einheiten am Boden gehandelt haben. Bei den Angriffen sollen nach offiziellen Angaben 60 Militante getötet worden sein. Unklar ist, ob es auch zivile Opfer gegeben hat. Das jemenitische Parlament forderte inzwischen eine Erklärung von der Regierung.
Gewalt und Gegengewalt
Es wird wohl nicht die letzte US-Operation im Jemen bleiben. "Alle, die an dem Attentatsversuch an Weihnachten beteiligt waren, müssen wissen, dass sie zur Rechenschaft gezogen werden", drohte Präsident Barack Obama. Auch der demokratische Senator Arlen Specter sprach davon, dass man Angriffe auf jemenitische Ziele erwägen müsse. Der Jemen entwickle sich zu einer "Brutstätte für Terroristen", und das verlange nach präventiven Maßnahmen, erklärte er. Zunächst wollen die USA und Großbritannien verstärkt der Regierung in Sanaa helfen, aus eigener Kraft al Qaida zu bekämpfen. So soll etwa eine Sondereinheit der jemenitischen Polizei zur Terrorabwehr finanziert werden.
Im Jemen werden inzwischen skeptische Stimmen zu dem wachsende US-Militärengagement immer lauter. Der oppositionelle Parlamentsabgeordnete Schawqi Al-Qadhi nannte einen solchen Schritt "ein Desaster". Wenn die USA darauf bestünden, Truppen zu senden, würde dies dazu führen, dass sich die Jemeniten al Qaida zuwendeten. "Dann", so befürchtet der Abgeordnete, "kann die Terrororganisation ihre gewalttätigen Aktionen als einen Kampf gegen ausländische Truppen verkaufen."
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