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Besuch in einer verruchten Stadt: Die freundlichen Menschen von Isfahan

VON FLORIAN ELSEMÜLLER - zuletzt aktualisiert: 27.12.2010 - 17:50

Isfahan (RP). Unweit der prächtigen Metropole des einstigen Perser-Reichs betreibt das Mullah-Regime eines seiner streng abgeschirmten Nuklear-Labors. Teherans umstrittenes Atom-Programm hat den Iran international isoliert. Viele Iraner leiden unter dem schlechten Image ihres Landes. Ausländische Besucher nehmen sie dennoch mit großer Herzlichkeit auf. Dennoch bleiben die meisten Touristen einfach weg.

Mullah Yusuf kümmert sich in der Imam-Moschee von Isfahan um Reisende. Ausländer aus dem Westen sind aber freilich seltene Gäste.  Foto: RP, Florian Elsemüller
Mullah Yusuf kümmert sich in der Imam-Moschee von Isfahan um Reisende. Ausländer aus dem Westen sind aber freilich seltene Gäste. Foto: RP, Florian Elsemüller

Hier in der Wüste liegt hinter Abschussrampen für Luftabwehrraketen und Stacheldraht Irans bestgehütetes Geheimnis versteckt – und gleichzeitig das Stück Iran, das die Welt am besten kennt. Im weißen Kittel und mit Plastik-Schutzbrille verkleidet läuft Präsident Mahmud Ahmadinedschad hier an atomaren Brennstäben vorbei. Diese Fernsehbilder gehen jedes Mal um die Welt, wenn das Regime einen weiteren Schritt zu eigenen Atomkraftwerken demonstrieren will. Und zur Atombombe, wie die Vereinten Nationen befürchten.

Isfahan ist die Hauptstadt des iranischen Atomprogramms und gleichzeitig die prächtigste Stadt des alten Persiens, die bis zum heutigen Tag für Besucher einer der faszinierendsten Orte des Orients geblieben ist. Keine 20 Kilometer südlich des geheimen Forschungsreaktors fährt das Taxi in immer verwinkeltere Gassen. Auf einmal stoppt das Taxi. Was ist los? Als Journalist muss man vorsichtig sein. Bloß keine falsche Bewegung in Iran. Doch als Tourist wird man hier geliebt.

Lucine (25) ist zwar Christin, aber die Kleidervorschriften gelten auch für sie. Foto: RP, Florian Elsemüller

Für alle Besucher, die sich an die strengen Kleidervorschriften halten, ihre Hüften verdecken, ein Kopftuch über ihre Haare streifen und – Männer wie Frauen – ihre Beine bedeckt halten, ist Iran eine der angenehmsten Ecken des Nahen Ostens. Die Menschen sind freundlicher zu ihren Gästen als anderswo, das in Joghurt eingelegte Hammelfleisch schmeckt köstlicher, der Abfall wird hier von den Straßen gekehrt, und Autofahrer drücken viel seltener auf die Hupe.

Isfahan ist weltweit berüchtigt für seine Atom-Forschungsanlage. Aber Isfahan hat auch unschuldige Seiten: Der Imam-Platz erstreckt sich einen halben Kilometer lang durch die Innenstadt. Laut plätschert ein pompöser Springbrunnen in seiner Mitte, Kinder spielen entlang der Gärten, die den Platz umrunden. Auf den orientalischen Basaren im nördlichen Teil verkaufen Händler ihre süße Halwa, ihre Gewürze auf farbenprächtigen Haufen, oder Kopftücher. Schah Abbas I. ließ sich hier seinen Palast bauen und heute würdigt die Unesco diesen größten Platz seiner Art als Weltkulturerbe.

Die Bilder der Atomanlage von Isfahan ist inzwischen weltweit bekannt. Foto: AP, AP

In der Imam-Moschee an der südlichen Seite des Imam-Platzes betet Mullah Yusuf. Mosaike überziehen jede Wand, sogar die 28 Meter breite Außenkuppel. Mullah Yusuf ist 29 Jahre alt. Unter seinem weißen Turban steckt ein schlauer Kopf, er hat nicht nur den Islam studiert, sondern auch die anderen Weltreligionen. Yusuf ist der Touristen-Mullah von Isfahan. Hier in der Moschee kümmert er sich um Reisende, die meisten sind Pilger aus den Nachbarländern oder Iraner aus anderen Teilen des Landes, das so groß ist wie ganz Zentraleuropa.

Yusuf hilft schwierige und pikante Fragen zu klären, die die Gläubigen nicht in ihrer Heimat-Moschee tragen wollen, familiäre Dinge, ob ein Mann auch Verwandte heiraten kann, oder wie eine Frau die Scheidung einleiten könnte. Dann schreibt Yusuf seine E-Mail-Adresse auf ein Stückchen Papier und bittet darum, alle Sorgen an ihn zu schicken. Europäer sprechen Mullah Yusuf fast nie an. Dabei mag er gerade das. Was denken sie über Iran, will er dann wissen. „Habt keine Angst vor uns“, ist seine Botschaft an alle, die Iran meiden.

Yusuf und seine Mullah-Kollegen sind seit der islamischen Revolution vor gut 30 Jahren dafür verantwortlich, dass die religiösen Regeln der Scharia Eingang in die Gesetze Irans gefunden haben, dass eine Flasche Rotwein im Reisegepäck eine Straftat ist, dass Frauen ständig ein Kopftuch tragen müssen. Weigern sie sich, dann droht eine Geldstrafe, beim zweiten Mal schon Gefängnis.

Auch Lucine, 25 Jahre alt, muss ihre langen braunen Haare unter einem Kopftuch verbergen, doch für sie ist das besonders schlimm. Lucine gehört zu einer Minderheit in Iran: den Christen, sie ist Armenierin. Seit neun Monaten arbeitet Lucine ohne einen Tag Pause für ihre Gemeinde der Vank-Kathedrale. Diese größte und wichtigste Kirche Isfahans schmückt sich mit den farbenprächtigsten Wandgemälden aus dem frühen 18. Jahrhundert, die viele Reisende je gesehen haben.

Das Leben Jesu ist darauf zu sehen und in detaillierter Darstellung die grausame Folter, die Märtyrer erleiden mussten. In den Jahren nach der islamischen Revolution entschieden sich tausende iranische Christen auszuwandern. Lucine und die anderen Armenier, die in Iran geblieben sind, konnten sich ein Privileg bewahren: den Rotwein, den sie für religiöse Zwecke nutzen dürfen – und für andere Gelegenheiten auch.

In den üppig bewässerten Gärten, die sich an die Ufer des Zayandeh-Rud-Flusses schmiegen sitzen junge Iraner mit Laptops und Wasserpfeifen im Gras. Andere haben einen Grill aufgestellt, der Duft von Kebab und Apfel-Tabak steigt durch die Luft. Unter ihnen sitzen auch Majid und seine Frau auf einer bunten Picknick-Decke, mit Safran gekochter Reis und Hühnchenfleisch in Tupperdosen dazu.

Majid weiß, wie verhasst Iran in der Welt heute ist und das kränkt seinen persischen Stolz. Dabei können Reisende gerade in Isfahan unfassbare Gastfreundschaft erleben. Eine Frau steht auf der belebten Madani-Straße. Unter ihrem Tschador, dem Umhang, den religiöse Frauen tragen, lässt sich nicht erahnen, dass sie schwanger ist.

Doch sie trägt ihre Ultraschall-Bilder in der Hand und zeigt sie stolz umher, jedem, der sie sehen will, mag er noch so fremd wirken. So wie das Geheimnis dieser Frau, so öffnen sich die Herzen der Iraner für Fremde. Sie helfen beim Einkauf im Supermarkt, erklären, übersetzen und wollen sogar die Rechnung für Fremde begleichen.

Im vergangenen Jahr kamen 1,5 Millionen Ausländer nach Iran, die meisten von ihnen Araber und Afghanen auf Pilgerreise, aus Deutschland kamen nur 5000. „Und dabei sind die Deutschen noch am mutigsten. Sie bleiben am längsten und kommen mit den größten Gruppen“, sagt Masoud Abdollahi, seit 16 Jahren ist er Reiseleiter. Er weiß, dass die Hotels der Stadt eigentlich ausgebucht sein sollten.

Doch als die Iraner im Juni 2009 ihren Präsidenten wählten, fühlten sich Hunderttausende betrogen, als Ahmadinedschad als klarer Gewinner hervorging. Auf den Straßen Teherans protestierten sie. Das Regime schlug hart zurück. Bei den Unruhen verloren nach Angaben der Opposition mindestens 72 Menschen ihr Leben. In den Monaten danach verhängte das Regime zehn Todesstrafen gegen Oppositionelle, zwei starben bereits im Januar durch den Strang.

In solch ein Land will kaum noch jemand kommen. 70 Prozent der Touristen stornierten ihre Reise.

Quelle: RP

 
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