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Transporte gelangen nicht ins Land
Die Lage in Nepal wird dramatisch

Kathmandu . Grundnahrungsmittel, Benzin, Medikamente - alles wird knapp: Nepal sitzt derzeit auf dem Dach des Himalaya wie ein Boot auf dem Trockenen. Die einzige Straße aus China ist nach dem verheerenden Erdbeben vom April und den folgenden Erdrutschen dicht.

Über die Straßen aus Indien kommen wegen einer inoffiziellen Blockade kaum Güter. Öl-Pipelines gibt es nicht. Und Flugzeuge können keine schweren Ladungen transportieren, weil sie in Nepal wegen des fehlenden Kerosins nicht auftanken können.

"Ich weiß einfach nicht mehr, was wir machen sollen", sagt Nirmala Rai, die in Nepals Hauptstadt Kathmandu eine kleine Garküche betreibt. Sie habe versucht, Nahrungsmittel zu kaufen, aber nicht einmal Instant-Nudeln bekommen. Der Gasvorrat gehe zur Neige. "Ich habe aufgehört, Essen zu servieren, das lange kochen muss", sagt sie.
Es kommen kaum Kunden, da es für Privatautos kein Benzin gibt.

Seit fast zwei Wochen kommen überlebensnotwendige Güter nicht mehr in das kleine Land, das eingequetscht zwischen den Riesen China und Indien liegt. Tausende Lastwagen stehen auf indischer Seite und warten darauf, die Grenze überqueren zu können. In ihren Laderäumen verrotten Obst und Gemüse, während die Preise auf den Märkten in die Höhe schnellen. Kathmandu sagt, Indien lasse die Güter nicht durch. Neu Delhi hingegen erklärt, die Transportunternehmer wollten nicht fahren, weil es auf nepalesischer Seite gewalttätige Proteste gibt.

In der Grenzregion lebt die Volksgruppe der Madhesi, die seit langem für mehr politische Mitsprache kämpft. Als das Parlament in Kathmandu am 20. September eine neue Verfassung verabschiedete, in welcher die Madhesi-Gebiete gesplittet und mit Siedlungsgebieten anderer Ethnien zu Bundesstaaten zusammengefügt wurden, eskalierte die Gewalt. Mindestens 47 Menschen starben in den vergangenen Wochen bei Straßenschlachten mit Polizisten.

Die Situation ist völlig verfahren. Viele Menschen in Nepal glauben, Indien unterstütze mit der Blockade den Kampf der Madhesi, die kulturell und ethnisch Menschen in Nordindien gleichen. In einem ungeschickten Schachzug wollte Neu Delhi die Verfassung in letzter Minute noch zugunsten der Madhesi ändern lassen, und schickte deswegen einen Sonderbeauftragten nach Nepal. Dieser musste jedoch unverrichteter Dinge wieder abziehen - und Indien beglückwünschte Nepal nach der Verkündung der Verfassung nicht einmal.

Die Anti-Indien-Stimmung ist so aufgeladen, dass Fernsehanstalten in Nepal keine indischen Sender mehr zeigen. Dabei versteht sich Indien traditionell als großer Bruder des Himalaya-Staates; die Grenze ist offen, Bürger brauchen kein Visum. Als Premierminister Narendra Modi im vergangenen Jahr in Kathmandu war, wurde er noch mit tosendem Applaus gefeiert, weil er seine Rede in Nepalesisch begann.

Nun spricht der nepalesische Botschafter in Indien von einer "sehr ernsthaften Lage". Die Menschen in Nepal gerieten langsam in Panik. Viele Menschen trauen sich nicht mehr in die wenigen Busse, die noch unterwegs sind - aus Angst, keine Luft zu bekommen oder vom Dach zu fallen. In Teilen des Landes gehen die Medikamente aus. Schulen sind geschlossen. Und die EU macht sich Sorgen über die Lage der Erdbebenopfer, zu denen keine Verpflegung gefahren werden kann.

Nepal, das zu den 20 ärmsten Staaten der Welt gehört, hatte nach dem Beben im April eigentlich auf eine Wiederbelebung der so wichtigen Tourismusindustrie gehofft. Doch nun müssen manche Urlauber mit ihrem Gepäck zum Flughafen laufen. Der Tourismus-Bus-Betreiber Sunil Shrestha sagt, er könne einfach kein Benzin finden. "Das ist so ein Elend, denn jetzt ist gerade Tourismus-Hauptsaison", klagt er.

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(dpa)
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