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Gipfel in Schottland: Die nordirische Autonomie nimmt neuen Anlauf

VON FRANK HERMANN - zuletzt aktualisiert: 10.10.2006 - 18:49

London (RP). Alt genug ist er, um langsam weise zu werden. Ian Paisley zählt achtzig Lenze, sein dünnes Haar ist schlohweiß, die einst so einschüchternde Donnerstimme kippt schnell ins Heisere, wenn er sie hebt, um markige Sprüche zu klopfen.

Tatsächlich gibt es Anzeichen, dass mit dem Alter auch so manches Feindbild verblasst. Diese Woche traf sich der Reverend erstmals offiziell mit dem Vertreter einer Kirche, die er noch vor kurzem als Verein irregeleiteter Romanisten abkanzelte. Für seinen Gastgeber, Sean Brady, den katholischen Erzbischof der Kleinstadt Armagh, fand Paisley hinterher Worte, die in seiner Skala als höchstes Lob gelten dürfen. „Es war ein sehr guter und nützlicher Meinungsaustausch“, schmeichelte er.

Was für ein Wandel für einen Mann, der den Pontifex einst als Antichristen beschimpfte! 1988, als Johannes Paul II. zum Europaparlament reden wollte, schrie der Presbyterianerpfarrer den Papst förmlich nieder. „Ich verstoße Sie als den Antichristen“, brüllte er, ehe ihn Ordner des Saales verwiesen. Auch als Politiker hat Paisley den Katholiken stets gründlich misstraut, wobei man immer wusste, dass das Religiöse nur der Vorwand für beinharte Machtproben war. Ulster den Protestanten, Ulster bleibt britisch, Ulster gibt niemals nach – das war, kurz gefasst, das Credo des bigotten Würdenträgers.

Ab Mittwoch wird ein Luxushotel in St. Andrews, dem schottischen Golfparadies, erleben, ob sich der alte Poltergeist endlich mit der Realität aussöhnen kann. Unter britisch-irischer Ägide nehmen die Streithähne Nordirlands Anlauf, um der sanft entschlafenen Autonomie neues Leben einzuhauchen. Paisley spielt dabei die Schlüsselrolle.

Seit einer Regionalwahl vor drei Jahren bildet seine Democratic Unionist Party (DUP) die stärkste Kraft der ehemaligen Bürgerkriegsprovinz. Mit demagogischem Geschick profitierte sie von der Skepsis, die das Lager der Protestanten nach dem Friedensschluss von 1998 befiel. Viele zweifelten, dass es er der katholisch-republikanischen Untergrundarmee IRA ernst damit war, all ihre Waffen zu verschrotten. Zugleich steht Paisley bis heute symbolisch dafür, wie schwer sich jemand tut, der glaubt, die Macht gepachtet zu haben und sie auf einmal mit den Underdogs teilen soll.

Underdogs, Außenseiter, Aussätzige, das waren lange Zeit die Linksnationalisten der Sinn Fein, deren Spitzenleute Gerry Adams und Martin McGuinness als Paten der IRA galten. Inzwischen sind sie zweitstärkste Partei. Ergo kann die Selbstverwaltung nur funktionieren, wenn Paisley bereit ist, Adams als Partner eines Allparteienkabinetts zu akzeptieren. Bis dato beharrt der greise Geistliche jedoch auf seiner Parole, dass er mit Terroristen nicht spricht.

Gibt er sich einen Ruck? Markiert St. Andrews den Durchbruch? Immerhin, sein wichtigstes Argument ist dem „Mister Never-Never-Never“, wie sie Paisley auch nennen, abhanden gekommen. Nach langem Zaudern hat die IRA wirklich abgerüstet. Vor wenigen Tagen bestätigten neutrale Beobachter, dass sie keine Mitglieder mehr rekrutiert und ihre für Bombenbau und Waffenschmuggel zuständigen Einheiten aufgelöst hat. Damit können sich protestantische Hardliner nicht mehr darauf hinausreden, dass die katholischen „Wölfe im Schafspelz“ den Olivenzweig nur vortäuschen, während sie das Gewehr schussbereit hinterm Rücken verstecken.

Aber der Teufel steckt im Detail, im Procedere. Allein vom Ablauf her erinnert so ein Nordirlandgipfel an die mühselige Pendeldiplomatie, wie man sie vom Nahostkonflikt kennt. Diskrete Vermittler werden über die Hotelflure huschen, um Postboten zu spielen, von Paisley zu Adams eilend und wieder zurück. Das optische Signal, das Hoffnung verheißt, hat man in London bereits genau definiert. Falls sich die beiden Widersacher zu einem gemeinsamen Gruppenfoto gesellen, liegt eine Sensation in der Luft.

Hintergrund:

  • Die Autonomie Nordirlands zerbrach im Oktober 2002, nachdem bekannt geworden war, dass die IRA im Belfaster Parlament einen Spionagering betrieb. Seitdem wird die Provinz wieder direkt von London verwaltet. 
  • Bei Neuwahlen im November 2003 verdrängten die Hardliner die Moderaten. Paisleys Democratic Unionist Party (DUP) gewann bei den Protestanten mehr Sitze als die zuvor dominierende Ulster Unionist Party von David Trimble. Bei den Katholiken rückte Sinn Fein an Stelle der sozialdemokratischen SDLP auf Platz eins. 
  • London und Dublin haben den Streithähnen ein Ultimatum gesetzt: Bis zum 24. November 2006 müssen sie einen Kompromiss schließen, sonst soll die Selbstverwaltung endgültig auf Eis gelegt werden.


 
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