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Moskau
Die Russen ziehen ab

Moskau: Die Russen ziehen ab
Russische Kampfbomber stehen aufgereiht auf dem Stützpunkt Hamaimim. FOTO: ap
Moskau. Wieder gelingt Wladimir Putin ein taktischer Coup. Der Teilabzug der russischen Truppen aus Syrien eröffnet Russland neue diplomatische Spielräume und festigt seine Stellung. Von Klaus-Helge Donath

Die russischen Streitkräfte haben damit begonnen, den Rückzugsbefehl von Präsident Wladimir Putin aus Syrien umzusetzen. Die ersten Kampfflugzeuge seien gestern zu ihren teilweise 5000 Kilometer entfernten Heimatstützpunkten zurückgeflogen, teilte das russische Verteidigungsministerium mit. Der UN-Sondergesandte für Syrien, Staffan de Mistura, sprach von einem "wichtigen Schritt", der Hoffnungen für die Genfer Friedensgespräche nähre, die gestern wiederaufgenommen wurden.

Der Teilabzug aus Syrien kommt ebenso überraschend wie Ende September Moskaus massive Intervention aufseiten von Diktator Baschar al Assad. Selbst seine Minister hatte Putin offenbar erst in letzter Minute eingeweiht. Außenminister Sergej Lawrow wirkte nachdenklich. Noch vor einigen Tagen hatte er versichert, Russland werde Syrien erst verlassen, wenn der Kampf gegen den Islamischen Staat (IS) erfolgreich abgeschlossen sei. In Putins Erfolgsbericht wurde der IS gar nicht mehr erwähnt. Im Herbst war die Terrormiliz noch offiziell Anlassfür das Eingreifen gewesen.

Russland könnte jederzeit wieder eingreifen

Russland wird einen Teil der Luftwaffe abziehen, darunter die Hälfte seiner Bomber. Das neue Raketenabwehrsystem S-400 bleibt unterdessen vor Ort. Flughafen und Basis in der Nähe von Latakia und der Hafen in Tartus werden in vollem Umfang weiter betrieben. Sollte sich die Lage verschärfen, könnte Russland jederzeit wieder eingreifen. Der Leiter des Verteidigungsausschusses im Oberhaus des russischen Parlaments, Vikor Oserow, schätzte, dass 1000 Mann in Syrien blieben.

Immer wieder verblüfft der Taktiker Putin. Zu Hause bringen ihm die militärischen Erfolge Anerkennung ein. Es ist dem Kremlchef gelungen, Assad zu retten und die syrische Opposition so lange zu bombardieren, bis sie bereit war, sich mit mit dem Diktator an einen Tisch zu setzen.

Vor allem ging es Putin in Syrien aber um die Anerkennung als gleichwertiger Partner der USA. So oft wie in den letzten Monaten haben US-Außenminister John Kerry und sein russischer Kollege noch nie konferiert. Für Russland eine Aufwertung, zweifelsohne. Auch sandte er damit Signale an Autokraten in der arabischen Welt und im postsowjetischen Raum: Im Gegensatz zu Washington duldet Moskau keine Revolutionen und gibt auch seine Verbündeten nicht preis.

Assads Sturheit sorgt für Verärgerung

Der Kreml intervenierte im Herbst auch deswegen, weil er die Isolation nach dem Krieg gegen die Ukraine überwinden wollte. Der Rückzug könnte nun dazu beitragen, dass die Forderungen nach einer Aufhebung der Sanktionen auch ohne greifbare Gegenleistung Russlands wieder lauter werden.

Allerdings beinhaltet der russische Rückzug auch eine Warnung an den syrischen Diktator. Dass Assads Sturheit in Moskau für Verärgerung gesorgt hat, ist kein Geheimnis. So unterlief der syrische Präsident eine Übereinkunft zwischen Moskau und Washington, indem er einen eigenen Wahltermin ankündigte und die Friedensgespräche in Genf nach Kräften torpedierte.

Auch die Säuberung des noch nicht zurückeroberten Territoriums werden die Russen nicht mehr übernehmen. Auf eine blutige Bodenoffensive und das Risiko eines zweiten Afghanistan wollte sich der Kreml ohnehin nie einlassen. Zumal die Kosten des Syrien-Einsatzes von geschätzt täglich 2,5 Millionen Dollar zuletzt immer drückender wurden. Der Rückzug bedeutet daher aber auch: An der Bekämpfung des IS hat Russland kein Interesse mehr.

Quelle: RP
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