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Digitaler Widerstand
Diese Leute gehen Trump bei Twitter so richtig auf die Nerven

Diese Leute gehen Trump bei Twitter so richtig auf die Nerven
Wer dies auf seinem Bildschirm sieht, hat sich bei Donald Trump unbeliebt gemacht. FOTO: Screenshot Twitter
Wie können Trump-Kritiker sicherstellen, dass der Präsident sie nicht überhört? Sie antworten sofort auf seine Tweets. Einige haben das beinahe zum Beruf gemacht. Von Sebastian Dalkowski

Pastor Bishop Talbert Swan ist ein frommer Mann, aber fast jeden Tag macht er seinem Präsidenten in nicht gerade gottgefälligen Worten klar, dass dieser doch bitte schweigen möge. Er steht Donald Trump dabei nicht gegenüber, er ruft ihn auch nicht an, er antwortet einfach auf einen von Trumps Tweets. "SHUT UP TRUMP" schreibt er dann, denn Großbuchstaben deuten Lautstärke an. Manchmal schreibt er auch "SHUT UP TRUMP!!!".

Bishop Talbert Swan ist Pastor der Spring of Hope Church in Springfield, Massachusetts. Swan habe das Herz eines Schäfers und fühle sich verpflichtet, den Gotteskindern zu helfen, heißt es auf der Webseite der Kirche. Doch mittlerweile fühlt er sich auch verpflichtet, Trump gegenüberzutreten. "Er ist ein Rassist, der für alles steht, was in Amerika falsch läuft", sagt er unserer Redaktion. Als Trump einmal ankündigte, die Waffen gegen Nordkorea seien schon bereit, antwortete Swan ihm: "Sie riskieren also das Leben von Millionen, um zu zeigen, dass Sie ein harter Kerl sind? Sie sind ein dem Wehrdienst entgangener, wichtigtuerischer, narzisstischer, unsicherer, kleiner Mann." Das versahen 11.667 Menschen mit einem Herz, 5235 Menschen retweeteten die Antwort. Für die Antwort auf einen Tweet ist das ein sehr hoher Wert, selbst die meisten Ursprungs-Tweets kommen nicht auf solche Zahlen.

Wer ganz oben landet, wird von Hunderttausenden gelesen

Donald Trump ist ein Präsident, der seine Gedanken und Pläne bevorzugt twittert, statt sie in Pressekonferenzen zu verkünden. Er hat fast 40 Millionen Follower, bemüht sich dort nicht um eine diplomatische Sprache, regt sich auf, verspottet, lobt. Er verbringt so viel Zeit auf Twitter, dass Kritiker eine größere Chance haben, von ihm bemerkt zu werden, wenn sie auf seine Tweets antworten, und nicht, wenn sie auf eine Demo gehen. Wer zu denen gehört, die ganz oben stehen, wird nicht nur von Hunderttausenden anderen Usern gelesen, sondern möglicherweise auch vom Präsidenten. Swan ist deshalb längst nicht der einzige, der seinen Unmut über Trump regelmäßig unter dessen Tweets äußert. Aber er gehört wie die folgenden Personen zu jenem deutlich kleineren Kreis der Präsidenten-Kritiker, dessen Antworten regelmäßig weit oben landen. 

Danielle Bostick, 40, ist eine Lateinlehrerin aus Virginia, sie ist verheiratet, hat Kinder und zwei Hunde. Ihre Mission ist es eigentlich, über Kindesmissbrauch aufzuklären, weil sie selbst als Kind missbraucht worden ist. Doch nun hat sie ebenfalls eine weitere Mission: sich dem Präsidenten entgegenzustellen. "Trump ist der Inbegriff des abstoßenden Amerikaners", sagt sie. "Stellen Sie sich einen arroganten, Baseball-Mütze tragenden, Kaugummi kauenden Touristen in den Vatikanischen Museen vor, der laut redet, versucht, die Kunstwerke anzufassen und beleidigende Witze über andere Kulturen macht - diese Karikatur ist nun der Anführer der Vereinigten Staaten." Er marginalisiere Frauen, Minderheiten, Lesben, Schwule. "Ich sehe es als meine Bürgerpflicht an, Protest gegen ihn zu äußern."

Weil sie kurze Haare hat, wird sie als Lesbe beschimpft

Bostick hat die meisten Benachrichtigungsfunktionen auf ihrem Handy ausgeschaltet, aber wenn Trump etwas twittert, dann meldet es sich sofort. Sie weiß, dass sie dann nur wenige Minuten hat, um zu reagieren, denn landet ihr Kommentar nicht sehr weit oben, dann liest ihn kaum jemand. Sie sagt, sie verzichte darauf, seinen Verstand oder sein Aussehen anzugreifen, wie es andere tun. "Aber seine Ideen und Formulierungen sind so beleidigend, dass es sehr leicht ist, eine Antwort zu finden, die keine persönliche Attacke ist." Als Trump einmal schrieb, eine Umfrage, die ihm bloß 40 Prozent Zustimmung zuwies, sei völlig falsch, antwortete Bostick: "Mr. Präsident, tatsächlich mögen die Leute Sie nicht. Nicht die Umfrage ist falsch. Sie sind es, der nicht kompetent oder sympathisch ist." 6439 Menschen gefiel das.

Auf ihre Antworten erhält sie häufig beleidigende Reaktionen, sagt sie. Was sie eher noch darin bestärkt, weiter gegen Trump zu protestieren. Denn seitdem der Präsident sei, hätten viel weniger Leute ein Problem damit, sich rassistisch und menschenfeindlich zu äußern. Sie wird beleidigt, weil Menschen sie wegen ihrer kurzen Haare für eine Lesbe halten, andere halten sie für eine Latina und fordern sie auf, nach Hause zu gehen. Sie ist Jüdin, äußert das aber selten, weil sie Angst vor antisemitischen Anfeindungen hat. Manchmal spielen Twitter-User darauf an, dass sie als Kind missbraucht worden ist. "Kein Mann hat Sie je angefasst, es sei denn, er war blind", schrieb ihr einer mal.

Der New Yorker Journalist und Videoproduzent Jules Suzdal, 27, hat mit seiner erfolgreichsten Antwort noch deutlich mehr Menschen erreicht als Bostick. Als Kim Jong Un einen Raketentest machte, fragte Trump, ob der Kerl nichts Besseres zu tun habe. Darauf erwiderte Suzdal: "Dass Sie TWITTERN, ob der Kerl nichts Besseres zu tun habe, ist der Gipfel der Ironie." Er erhielt dafür mehr als 50.000 Likes. Wann eine Antwort direkt unter dem Tweet landet, hängt von mehreren Faktoren ab. Geschwindigkeit, die Zahl der Likes und Relevanz spielen eine Rolle. Auch Trump-Anhänger wollen weit oben landen, um ihren Präsidenten zu verteidigen. Was auf den ersten Metern unter Trumps Tweets passiert, ähnelt einem Schlachtfeld.

"Viele, viele Kommentare über meinen Schnurrbart"

Auch Jules Suzdal macht sich Feinde. Leute haben Morddrohungen geschickt, seine Telefonnummer gepostet, die Adresse seiner Familie und "viele, viele Kommentare über meinen Schnurrbart". Die Polizei in seiner Heimatstadt wisse Bescheid, dass er im Visier seiner Gegner sei. Aber er macht weiter. "Ich bin fest davon überzeugt, dass Trump meine Antworten liest, sonst hätte er mich ja nicht blockiert."

Wer von Trump gesperrt wird, hat den Beweis, dass der mindestens einen Tweet gelesen haben muss, denn irgendeinen Auslöser muss es für diese Entscheidung gegeben haben. Der US-Präsident hat Dutzende Nutzer blockiert, einige von ihnen verkünden das fast stolz auf ihren Profilen. Stephen King ist der prominenteste. Auch Talbert Swan und Bostick hat es erwischt. Es gibt zwar Tricks, die Sperre zu umgehen – wer Trumps Tweets lesen möchte, muss sich bloß ausloggen – aber es macht Mühe, wenn man ihm antworten möchte. Sieben andere Blockierte haben am 11. Juli Klage gegen ihre Sperre eingereicht. Ihr Argument: Der Twitter-Account des Präsidenten sei ein so genanntes "public forum", ein Ort, der dem Staat gehört und der offen ist für Äußerungen. Eine Blockade würde ihre Rechte verletzen. Unter den Klägern sind ein Soziologieprofessor, ein früherer Wachsoldat in Guantanamo und ein ehemaliger Radrennprofi.

Der Arzt Eugene Gu gehört ebenfalls dazu. Auch durch seinen Widerstand gegen Trump hat er mittlerweile mehr als 57.000 Follower. In einem Artikel berichtete er kürzlich, welcher Tweet Trump dazu brachte, ihn zu sperren: "Cofvefe: derselbe Kerl, der seine Tweets nicht Korrektur liest, hat die Verantwortung für den Auslöser der Atombombe". Bürger davon auszuschließen, Trumps Äußerungen zu lesen, gefährde unsere Demokratie, unsere Freiheit und unsere Zukunft, schreibt er. "Unsere Gründerväter wären außer sich gewesen, wenn der Präsident einen amerikanischen Bürger davon abhalten könnte, seine Bekanntmachungen in einer Zeitung oder einem Buch zu lesen."

Die Arbeit wird Trumps eifrigsten Twitter-Kritikern nicht ausgehen. Kürzlich hatten sich Nutzer beschwert, dass der Präsident eine Kriegserklärung an Nordkorea getwittert habe. Die Kritik: Eine Kriegserklärung verstoße gegen die Nutzungsbedingungen. Doch Twitter wird Donald Trump auch in Zukunft nicht sperren oder auch nur einen Tweet löschen. Das Unternehmen erklärte, dass bei Tweets auch das öffentliche Interesse und der Nachrichtenwert berücksichtigt werden müssen.

 
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