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Kommentar zum US-Vorwahlkampf
Trump verrät Amerika

Donald Trump verrät Amerika: Kommentar zum US-Vorwahlkampf
Donald Trump treibt das Prinzip Popularität durch Provokation auf die Spitze. FOTO: ap
Meinung | Berlin. Pegida in Dresden würde ihn vermutlich einstimmig zum Chef wählen. Doch Donald Trump will Präsident der Vereinigten Staaten werden. Dass er mit jeder neuen bescheuerten Idee neue Unterstützung gewinnt, sagt nichts Gutes über die USA. Von Gregor Mayntz

Stromlinienförmig ausgegossene, wohltemperierte Konsenssoße mag komplizierten Gremienstrukturen das Leben erleichtern. Und auch das Publikum bevorzugt in der Regel, wenn sich die politischen Eliten nicht zerfleischen, sondern ohne Streitgetöse die Probleme lösen. Doch wer erst noch den Weg nach oben vor sich hat, kommt mit einem Ticket für den Schlafwagen nicht in der Öffentlichkeit an. Der muss auf sich aufmerksam machen. Diese Technik beherrschen auch in Deutschland viele Nachwuchspolitiker. Mit kalkuliertem Risiko gegen die eigene Partei aufbegehren, auf diese Weise Wellen entfachen, auf denen sich schneller und höher in die Ränge der bekannten Personen surfen lässt, das bringt mehr Aufmerksamkeit als das sanfte Eintauchen in einen stillen Themensee.

Popularität durch Provokation

Donald Trump beherrscht das Geschäft meisterlich. "So werden Sie erfolgreich", lautet einer seiner Bestseller. Und sein unbedingter Wille zum Erfolg liest sich aus einem anderen Trump-Buchtitel: "Gib niemals auf." Als er im Frühsommer die ohnehin schon breit gefächerte Riege der republikanischen Präsidentschaftskandidatur-Bewerbern um sich selbst als prominente wie schillernde Person erweiterte, liefen die Einschätzungen der Analysten mit 99:1 klar gegen ihn.

Doch von der krassen Außenseiter-Position hat er sich im Sommer auf Platz eins der Umfragen zu den Vorwahlen entwickelt – indem er das Prinzip Popularität durch Provokation auf die Spitze trieb. Kaum ist er vorübergehend auf Platz zwei abgesunken, geht er wieder in die Offensive und fordert nun den "totalen und vollständigen Stopp der Einreise von Muslimen in die Vereinigten Staaten, bis die Repräsentanten unseres Landes herausfinden können, was derzeit los ist".

Trump will Debatten bestimmen

Es ist die krude Mischung aus scheinbarer Klarheit (vollständiger Muslim-Einreisestopp) und nebulöser zeitlicher und sachlicher Begrenzung und Begründung (bis klar ist, was derzeit "los" ist), die auf Stimmungsmache statt Überzeugungsarbeit ausgerichtet ist. Derselbe Trump hatte noch im September "kein Problem" damit, einen Muslim in sein Kabinett oder als Vize an seine Seite zu holen, wenn er gewählt würde. Doch er suchte nach dem blutigen Anschlag von San Bernardino offenbar nach einer These, mit der er sich wieder krachend zur Geltung bringen konnte. Da schien es ihm auch völlig egal zu sein, dass er im Vorübergehen die Religionsfreiheit als wichtigen Verfassungszusatz der USA mal eben in die Tonne trat.

Trump treibt nicht die  ideologisierten Verschwörungstheoretiker voran, auch wenn er sich aus ihrem Themen-Reservoir bisweilen bedient. Auch ist er als Immobilien-Milliardär kein Verfechter des totalen Kapitalismus, will vielmehr die Reichen mehr zahlen lassen, um den Mittelstand zu entlasten. Aber er setzt auf die wachsende Zukunftsfurcht der alten, weißen Wohlhabenden – und darauf, dass diese Verunsicherung weite Teile auch der jüngeren Bevölkerung erfasst. Hier folgt Trump nicht irgendwelchen Parteiprogrammen oder ausgefeilten Konzepten, innerhalb derer er sich neu positioniert. Nein sein Programm heißt Trump: Ich gehe nicht auf aktuelle Debatten ein, ich will sie bestimmen.

"Gute Mauern machen gute Nachbarn"

Sein Wahlkampfslogan lautet "Amerika wieder groß machen" – wobei "great" auch für großartig steht. Derzeit handele es sich um ein "verkrüppeltes Amerika". Unter diesem Buchtitel beschreibt er die Wege aus der angeblichen Malaise. Durchaus zynisch zugespitzt, so wie er unter der Kapitelüberschrift "Gute Mauern machen gute Nachbarn" die Migration aus Mexiko mit einer durchgehenden Mauer an den Staatgrenzen stoppen und die Kosten dafür von der mexikanischen Regierung bezahlen lassen will.

Einst waren es die Republikaner, die Amerika und die "grand old party" mit ihrem Eintreten für Liberalität groß gemacht haben. Trump als Spitzenkandidat hätte diese Partei endgültig mit dem Etikett des genauen Gegenteils versehen. Kann ein Kandidat ein Land wirklich "großartig" machen, der es erst einmal gründlich spalten und seine Werte aufgeben will?

Trump wird von seinen Mitbewerbern als "gestört" oder "verrückt" bezeichnet. Auch seinen jüngsten Vorstoß kritisieren sie scharf. Trumps Taktik kann nur dann zum Erfolg führen, wenn die Situation chaotisch ist. Dazu trägt der Unternehmer selbst massiv bei. Je erfolgreicher er dabei ist, desto mehr muss man sich um den Zustand der USA sorgen.

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