Neue Details im Fall Karadzic: "Dr. Dabic" trank seinen eigenen Urin
zuletzt aktualisiert: 10.08.2009 - 16:48Düsseldorf (RPO). Im Fall des ehemaligen Serbenführers Radovan Karadzic ist jetzt offenbar bizarres Material aufgetaucht. Bosnischen Medien zufolge haben die Ermittler des UN-Kriegsverbrechertribunals in Den Haag ein Video gesichtet, auf dem Karadzic einen ganzen Liter seines eigenen Urins trinkt. Über ein Jahr nach seiner spektakulären Verhaftung soll Karadzic im September der Prozess gemacht werden.
Mehr als ein Jahrzehnt war er untergetaucht – dann wurde der wegen Völkermordes gesuchte Radovan Karadzic in Belgrad verhaftet. Im September soll dem ehemaligen bosnischen Serbenführer der Prozess gemacht werden. Nach dem Willen von Serge Brammertz, Chefankläger des UN-Kriegsverbrechertribunals in Den Haag, soll sich Karadzic für Verbrechen verantworten, die in Bosnien und Herzegowina in den frühen Neunziger Jahren begangen worden sind.
Getarnt als Heilpraktiker "Dr. Dabic"
Im Juli 2008 waren Bilder um die Welt gegangen, die Karadzic kurz nach seiner Verhaftung mit langem wucherndem Vollbart und einem Haarzopf zeigten. Über Jahre hatte er in Belgrad als "alternativer Medizin-Guru" gearbeitet. Unter dem Namen "Dr. Dabic" war er als Heilpraktiker aufgetreten, hatte in Gesundheitsjournalen Artikel veröffentlicht und gelegentlich sogar Vorträge gehalten.
Ein Liter Urin gegen Impotenz oder Krebs
Die bizarre Seite seines Schaffens des "Dr. Dabic" haben jetzt offenbar Ermittler des UN-Kriegsverbrechertribunals zu Gesicht bekommen. Nach Berichten bosnischer Medien liegt den Ermittlern ein Video vor, auf dem Karadzic einen ganzen Liter seines eigenen Urins trinkt. "Dr. Dabic" empfahl Urin als Mittel gegen Impotenz, Prostatabeschwerden und Krebs. Andere Videos sollen Karadzic zudem zeigen, wie er extremen sexuellen Perversionen nachging. Die Ermittler, die das Material untersuchten, mussten sich bei dessen Anblick angeblich übergeben.
Viele Details der Flucht noch im Dunkeln
Trotz der Details, die von den Ermittlern Stück für Stück zusammengetragen werden, bleiben auch über ein Jahr nach seiner Festnahme noch viele Fragen zur jahrelangen Flucht des Radovan Karadzic unbeantwortet. Die Legenden ranken jedoch stetig weiter. So soll er sich zwischenzeitlich mit russischer Unterstützung in Weißrussland aufgehalten haben, sei von dort aber schon bald nach Serbien zurückgekehrt. Andere Quellen hatten berichtet, Karadzic habe gar in orthodoxen Klöstern Unterschlupf gefunden.
Was wusste Vojislav Kostunica?
Auch ist die Rolle des ehemaligen serbischen Regierungschefs Vojislav Kostunica bislang ungeklärt. Was wusste der Nachfolger Slobodan Milosevics über die verschiedenen Aufenthaltsorte Karadzics? Aus den fehlenden Mosaiken der Karadzic-Flucht könnten sich für die Ermittler wichtige Hinweise auf den Aufenthaltsort des ehemaligen Generals Ratko Mladic, dem letzten noch flüchtigen "großen" Kriegsverbrecher des Balkans, ergeben.
Verantwortlich für den Tod von 20.000 Menschen
Sollte es gelingen Mladic zu fassen, könnte dieser im Prozess gegen Karadzic eine wichtige Rolle spielen. Schließlich gehörte er über einen langen Zeitraum zu den militärischen Erfüllungsgehilfen des ehemaligen bosnischen Serbenführers. Das UN-Kriegsverbrechertribunal will Karadzic nachweisen, dass er die Verantwortung für den Tod von 12.000 Menschen trägt, die bei der Einnahme von Sarajevo gestorben sind. Auch für das Massaker von Srebenica, wo 1995 8000 muslimische Männer und Jungen umgebracht wurden, soll er verantwortlich sein. Außerdem wird der Chefankläger Brammertz Karadzic vor, ethnische Säuberungen in Bosnien befohlen zu haben.
"Dr. Dabic" ist jetzt wieder Staatsmann
Es wird sich zeigen, ob es dem Tribunal gelingt, Karadzic die Verantwortung für die Gräueltaten nachzuweisen. Der ehemalige "Dr. Dabic" gibt unterdessen wieder voll und ganz den souveränen Staatsmann. Wie seinerzeit auch Slobodan Milosevic will sich Karadzic selbst verteidigen. "Ich beabsichtige, mich selbst zu vertreten", erklärte er bereits bei seiner ersten Anhörung Ende Juli vergangenen Jahres. Ein Jahr später kündigte er bei einer Anhörung an, vor Gericht beweisen zu wollen, dass die Zahl der Opfer des Massakers von Srebrenica "um Tausende" zu hoch angegeben wurde. Er verlangte in Den Haag unter anderem den Zugang zu DNA-Untersuchungen.
Karadzic-Prozess kann bis 2013 dauern
Das Verfahren gegen Karadzic soll nach dem Willen der Richter beschleunigt werden. Bereits im Juli wiesen sie die Staatanwaltschaft an, die geplante Beweisführung vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien zu straffen und die Zahl der anzuhörenden Zeugen zu reduzieren. Dennoch kann sich der Prozess lange hinziehen. Chefankläger Brammertz und Tribunal-Präsident Patrick Robinson hatten bereits Anfang Juni im UN-Sicherheitsrat erklärt, dass der Prozess gegen Karadzic sich mit der erwarteten Berufung bis 2013 hinziehen könnte.
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