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Dalai Lama wirft China "Völkermord" in Tibet vor: Droht Boykott der Olympischen Spiele?

zuletzt aktualisiert: 16.03.2008 - 16:11

Dharamshala (RPO). Der Dalai Lama hat im Rahmen der Ausschreitungen in Tibet deutliche Worte an die Regierung Chinas gerichtet. Das geistliche Oberhaupt der Tibeter bezeichnete das gewaltsame Vorgehen gegen Demonstranten in Tibet als "Völkermord". Es soll bereits 80 Tote geben. Inzwischen werden erste Stimmen laut, die einen Boykott der Olympischen Spiele in China fordern.

Außenminister Frank-Walter Steinmeier telefonierte am Sonntag mit seinem chinesischen Amtskollegen Yang Jiechi und forderte dabei "größtmögliche Transparenz" über die Geschehnisse in der zu China gehörenden Region.

In dem rund einstündigen Telefonat am Sonntagmorgen bat Steinmeier seinen Amtskollegen zudem darum, die Sicherheit deutscher Staatsangehöriger und Touristen zu gewährleisten. Wie das Auswärtige Amt weiter mitteilte, unterstrich der SPD-Politiker die große Sorge der Bundesregierung über die jüngsten gewaltsamen Auseinandersetzungen in Tibet.

Merkel erklärte, "Gewalt - egal von welcher Seite - führt zu keiner Lösung der offenen Fragen". Sie forderte China zum Dialog mit dem religiösen Führer der Tibeter, dem Dalai Lama, auf. Die Bundesregierung unterstütze den Anspruch der Tibeter auf religiöse und kulturelle Autonomie. Sie verfolge zugleich eine "Ein-China-Politik" und wende sich gegen alle separatistischen Bestrebungen, erklärte sie.

Mehrere Grünen-Politiker forderten, die Olympischen Spiele als Druckmittel gegen China einzusetzen. Der parlamentarische Geschäftsführer der Fraktion, Volker Beck erklärte der AP, die olympische Bewegung müsse auf internationale Beobachter und ein Ende der Repression in Tibet dringen.

Absage der Spiele bei zweifelhafter Sicherheitslage

Der Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag, Peter Danckert (SPD), sagte, sollte die Sicherheit der Sportler nicht mehr gewährleistet sein, müsse man über die Absage der Spiele nachdenken. "Aber eine solche Entwicklung sehe ich derzeit noch nicht", sagte er der "Saarbrücker Zeitung".

Auch FDP-Chef Guido Westerwelle hält nichts von einen Boykott der Spiele. Er sagte dem Berliner "Tagesspiegel": Die Olympischen Spiele in Peking können einen Wandel durch Annäherung unterstützen, deshalb ist es aus heutiger Sicht richtig, sie nicht zu boykottieren."

Der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, Thomas Bach, sagte dem "Tagesspiegel", er glaube, dass die internationale Aufmerksamkeit für die Spiele eine friedliche Lösung in Tibet eher befördern würde

"Herrschaft des Terrors"

Peking übe eine "Herrschaft des Terrors" in der Himalaya-Region aus, sagte das geistliche Oberhaupt der Tibeter, der Dalai Lama, am Sonntag am Sitz der tibetischen Exilregierung im indischen Dharamshala. In China wurden bei neuen Protesten laut Augenzeugenberichten mindestens sieben Tibeter von der Polizei erschossen. In der tibetischen Hauptstadt Lhasa war die Lage äußerst angespannt. Laut der Exilregierung wurden 80 Menschen bei den Protesten getötet, chinesische Behörden sprachen dagegen von zehn Todesopfern.

Die Tibeter würden als "Bürger zweiter Klasse" behandelt, sagte der Dalai Lama. China forciere den Massenzuzug von ethnischen Chinesen, den Han-Chinesen, nach Tibet, um so die Tibeter zu einer Minderheit in ihrer Heimat zu machen. Peking wisse, dass es den Tibetern nicht um Unabhängigkeit gehe, sondern um eine Autonomie. Zugleich bekräftigte der Friedensnobelpreisträger von 1989 seine Haltung des absoluten Gewaltverzichts: "Gewalt ist schierer Selbstmord." Auch einen Boykott der Olympischen Sommerspiele in Peking lehnte der Dalai Lama ab, forderte aber eine internationale Untersuchung der jüngsten Vorfälle.

Teilnahme überdenken

Die Exil-Tibeter in Deutschland forderten dagegen, die "ganze Welt" müsse jetzt eine Teilnahme an den Olympischen Spielen überdenken. Ihr Vorsitzender Lhanzom Evelding sagte der "Bild am Sonntag": "Das beste wäre, die Spiele in ein Land zu verlegen, in dem die Menschenrechte geachtet werden."

Der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung Günter Nooke (CDU) wandte sich gegen einen Boykott der Spiele, forderte im "Tagesspiegel" vom Montag aber, den Druck auf China zu erhöhen. Der Vizepräsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Thomas Bach, sagte dem "Tagesspiegel am Sonntag", er gehe davon aus, dass "gerade die internationale Aufmerksamkeit wegen Olympia eine friedliche Lösung in Tibet eher befördern" werde.

"80 nicht identifizierte Leichen"

Am Sonntag kam es in China erneut zu Gewalt. Bei Protesten in der Stadt Ngawa in der an Tibet grenzenden Provinz Sichuan wurden mindestens sieben Tibeter erschossen, wie eine Mitarbeiterin der Menschenrechtsgruppe Free Tibet Campaign unter Berufung auf Augenzeugen sagte. Das in Indien ansässige Tibet Zentrum für Menschenrechte berichtete von 13 Toten.

Auch die tibetische Exilregierung stützt sich bei ihren Angaben zu den "bestätigten" 80 Toten in Tibet auf Augenzeugenberichte. "Wir haben 80 nicht identifizierte Leichen", sagte ein Sprecher der Exilregierung. Mehr als 70 weitere Menschen seien verletzt worden. Ähnliche Angaben machte ein enger Vertrauter des Dalai Lama unter Berufung auf Angehörige und Rettungskräfte.

In der tibetischen Hauptstadt Lhasa waren auch am Sonntag Schüsse zu hören, wie Ausländer berichteten. Er habe Gewehrschüsse gehört, sagte ein ehemaliger US-Marineinfanterist, der für die regierungsunanhängige Hilfsorganisation Volunteer Medics Worldwide in Tibet arbeitet, am chinesischen Flughafen Chengdu. "Der schlimmste Tag dürfte der Samstag gewesen sein, als es völlig chaotisch war", sagte Gerald Flint. Eine US-Studentin berichtete ebenfalls von Schüssen in den vergangenen drei Tagen. Der Nachrichtensender CNN zeigte patrouillierende Sicherheitskräfte.

US-Außenministerin Condoleezza Rice rief China zu Zurückhaltung auf. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International (ai) forderte eine unabhängige Untersuchung. In Washington, Berlin, Den Haag und anderen Städten wurde gegen die gewaltsame Niederschlagung der Proteste in Lhasa demonstriert.

Am Freitag waren tagelange Proteste in der Altstadt von Lhasa gewaltsam eskaliert. Anlass der Proteste ist der 49. Jahrestag eines Aufstandes in Lhasa gegen die chinesischen Besatzer. Tibet wird seit dem Einmarsch der chinesischen Armee 1950 von Peking regiert. Nach dem fehlgeschlagenen Aufstand flüchtete der Dalai Lama nach Indien. China lehnt eine Autonomie der Himalaya-Region strikt ab.

Quelle: afp2

 
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