Afghanistan-Debatte: Droht eine Kopie des Irak-Krieges?
VON GODEHARD UHLEMANN - zuletzt aktualisiert: 10.09.2009 - 10:41Düsseldorf (RP). Ist der Krieg in Afghanistan gegen die radikalislamischen Taliban überhaupt noch zu gewinnen? Und wenn ja wie und mit welchen Mitteln? Droht Afghanistan nicht inzwischen zu einer Aktualisierung der Erfahrungen des Irak-Krieges zu werden, denen man sich am besten durch Abzug zu entziehen versucht?
Afghanistan ist ohne Zweifel zum Test und zur Belastungsprobe für Barack Obamas Außenpolitik geworden. Gleichwohl stellt der Einsatz dort auch den europäischen Lösungsansatz auf eine Probe, von der niemand weiß, ob er dem Druck am Ende standhalten kann.
In den USA wird der Afghanistan-Einsatz bereits als Obamas Krieg bezeichnet, auch wenn es sein Amtsvorgänger George W. Bush war, der nach den verheerenden islamistischen Terroranschlägen von al Qaida in New York und Washington mit einem Militäreinsatz das Taliban-Regime im Oktober 2001 von der Macht in Kabul vertrieb. Die Taliban waren die Gastgeber von Osama bin Ladens al Qaida gewesen.
Inzwischen kehren sie auf breiter Front zurück und versuchen, Afghanistan zu destabilisieren. Sie wollen nicht, dass sich demokratische Strukturen mit Hilfe der USA und deren Verbündeter verfestigen. Die Taliban und die al-Qaida-Kader hatten nach ihrer Flucht aus Kabul und Kandahar im Grenzgebiet zu Pakistan in unzugänglichen Stammesgebieten Zuflucht gefunden. Von dort werden heute ihre Offensiven in Afghanistan aber auch in Richtung der Zentralregierung Pakistans organisiert, die als Verbündete der USA gilt.
Deutscher Oberst belastet
Der Befehl zur Bombardierung von zwei durch die Taliban entführten Tanklastern war der Nato zufolge offenbar eine Fehlentscheidung. Der deutsche Oberst habe seine Kompetenz überschritten und die Lage falsch eingeschätzt, ergibt sich nach SZ-Informationen aus dem vorläufigen Bericht der Internationalen Schutztruppe Isaf zu dem Angriff bei Kundus, schreibt die "Süddeutsche Zeitung" unter Berufung auf hochrangige Nato-Kreise.
Barack Obama hatte schon vor der Übernahme der Präsidentschaft erkannt, dass Afghanistan nie ohne Pakistan zu befrieden sein wird. Sein Plan, US-Truppen aus dem Irak abzuziehen und nach Afghanistan zu verlegen, unterstreicht die Größe des Problems.
Der Kommandeur der US-Truppen am Hindukusch, General Stanley McChrystal, hat Obama in den vergangenen Wochen ein Lagebild gezeichnet, das nichts an Deutlichkeit vermissen lässt. Der General will angeblich zu der laufenden Truppenaufstockung um 21.000 Soldaten eine weitere um 40.000 Mann. Würde das gebilligt, dann hätte Obama demnächst fast 100.000 Mann dort unter Waffen.
Die Situation am Hindukusch gleicht sich der im Irak an. Einmarschiert waren die USA 2003 dort mit 130.000 Soldaten. In den Jahren danach eskalierte die Lage durch islamistischen Terror gegen die fremden Truppen und gegen die einheimische Bevölkerung. Die Europäer haben damals den US-Weg im Irak kritisiert und immer auf ihren Lösungsansatz in Afghanistan verwiesen.
Sie wollten dort genau wie die USA dem Land den Humusboden für Terroristen entziehen. Sie wollten das aber durch eine intelligente Vernetzung von Zivilaufbau und militärischer Absicherung tun. Sie wollten eben nicht auf eine militärische Lösung setzen.
Den Deutschen, die im weitgehend ruhigen Norden um Kundus herum ihre Aufbauarbeit leisten, war dieser Ansatz recht. In den letzten Monaten haben sie aber erkennen müssen, dass einige Offensiven der Taliban die Bundeswehr verstärkt in Kampfeinsätzen bindet und eine unangenehme Wahrheiten zutage fördert: Der weitgehend zivile Befriedungsansatz ist einem militärischen gewichen.
Die USA stellen heute rund zwei Drittel der ausländischen Truppen (42 Nationen) am Hindukusch und bestimmen weitgehend die Strategie der Nato dort. Die Europäer wurden immer mehr zur Hilfstruppe der USA. Europas Ansatz wird von Washington nicht negiert. Er wird aber nachgeordnet. Die USA sind besorgt, dass die Taliban auch in den ruhigeren Zonen des Nordens an Boden gewinnen.
Dem mit einer Intensivierung von Luftschlägen beizukommen, wird kritisch gesehen, weil durch Bombardements schon zu viele Zivilisten getötet und verletzt wurden und dadurch die Taliban Sympathisanten gewinnen konnten. Nach dem neuen US-Konzept sollen daher mehr Bodentruppen eingreifen.
So können der Kampf aus der Luft eingeschränkt und Zivilisten geschont werden. Das heißt aber höheres Risiko bei Kampfeinsätzen und mögliche Opfer unter Soldaten – auch bei der Bundeswehr. Es bedeutet aber auch, dass der europäische Ansatz weitgehend gescheitert ist.
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