Taliban wollen "Chaos herbeiführen": Drohungen zur Stichwahl in Afghanistan
zuletzt aktualisiert: 28.10.2009 - 18:51Kabul/Washington (RPO). Die islamistischen Taliban wollen nach Einschätzung westlicher Geheimdienste bei der Stichwahl in Afghanistan "Chaos herbeiführen". Sollte ihnen das am 7. November, dem Wahltag, gelingen, würde "der Westen blamiert und völlig ratlos über die weitere Entwicklung Afghanistans dastehen", erklärte ein CIA-Vertreter am Mittwoch nach dem verheerenden Angriff der Taliban auf das Gästehaus der UNO im Herzen der afghanischen Hauptstadt Kabul. "Das war unser erster Angriff", teilte ein Taliban-Sprecher mit.
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) verurteilte den Anschlag auf das Schärfste. Die UNO sei ein neutraler Sachwalter der Interessen der gesamten Staatengemeinschaft und setze sich weltweit für Frieden und Entwicklung ein. "Ein Anschlag auf die Vereinten Nationen ist somit ein Angriff auf uns alle", erklärte Merkel.
Die Taliban drohten derweil mit weiteren "vernichtenden Anschlägen mitten in Kabul geben", sollte an der Stichwahl zwischen dem amtierenden Präsidenten Hamid Karsai und seinem Herausforderer Abdullah Abdullah festgehalten werden. Schon beim ersten Wahlgang am 20. August hatten die Taliban mit brutalen Angriffen auf Wahllokale und Wähler versucht, die Präsidentenwahl zu boykottieren. Sie hatten in einer Erklärung den Urnengang angesichts der massiven Wahlfälschungen besonders durch Karsai als "Lachnummer, einen Witz und eine Schande" bezeichnet.
Übereinstimmend zeigten sich die CIA-Agenten und auch Vertreter anderer westlicher Geheimdienste "äußerst besorgt" darüber, dass es den Taliban-Kämpfern trotz aller Sicherheitsvorkehrungen am Mittwoch gelungen ist, zum UNO-Haus in der Innenstadt Kabuls vorzudringen und mehrere UNO-Mitarbeiter zu töten. Der Stadtteil Schar-e-Now galt bisher als sicher. Er ist besonders als Wohnviertel bei Ausländern beliebt. Die Taliban feuerten auch Raketen auf das Luxushotel "Serena", das sich in der Nachbarschaft des Präsidentenpalastes befindet. In dem Hotel steigen viele Ausländer ab.
Die Geheimdienstler wiesen in Kabul auf die "parallele Terrorentwicklung" in Afghanistan, im Irak und in Pakistan hin. Die Taliban würden in beiden Ländern jetzt nach einer neuen Strategie vorgehen. Die Angriffe von Al-Qaida und den Taliban sollen offensichtlich aus den "breiten Landstrichen" in die Städte, vor allem in die Hauptstädte, verlegt werden. So hatten in der vergangenen Woche Selbstmordattentäter die Internationale Islamische Universität und ein Gericht in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad angegriffen.
Damit sollte die "pakistanische Nation ins Herz getroffen und noch mehr Panik im Land verbreitet werden", erklärte Al-Qaida. Sie wolle so die Bevölkerung "total verunsichern, um möglichst bald die Macht in Pakistan zu übernehmen", erläuterten die Geheimdienstexperten in Kabul. Der neue Taliban-Chef in Pakistan, Hakimullah Mehsud, setzt nicht mehr alle seine Männer ein, um die Stammesgebiete zur afghanischen Grenze zu schützen. Er schickt sie nach den Informationen der westlichen Geheimdienste zunehmend in die Städte Pakistans, um Angst und Schrecken in der Bevölkerung zu verbreiten.
Am vergangenen Wochenende gelang es Kämpfern der Al-Qaida-Filiale im Irak, an allen irakischen Sicherheitskontrollen vorbeizukommen und im politischen Zentrum von Bagdad ein Blutbad anzurichten. Al-Qaida verkündete den "Beginn der zweiten Phase" des Kampfes gegen die "amerikanischen Besatzer" des Irak, nachdem diese sich weitgehend aus den Städten zwischen Tigris und Euphrat zurückgezogen haben.
Für Afghanistan hat der Anführer der Taliban, Mullah Omar, nach den jüngsten Erkenntnissen von CIA ebenfalls den "Angriffskrieg vor allem in den Städten" angeordnet. Omar war schon der Taliban-Chef, als diese von 1996 bis 2001 Afghanistan beherrschten. "Wir werden jetzt die Feinde besonders in den Städten angreifen, weil sie sich hier weniger wehren können als bei den Auseinandersetzungen draußen im Land", soll nach den Informationen der Geheimdienste die neue Parole von Omar lauten.
Trotzdem sehen die Geheimdienstexperten weiter "uneingeschränkte Gefahren" für die ISAF-Truppen in allen Landesteilen Afghanistans. So hätten die Taliban nach dem Luftangriff auf die von ihnen entführten beiden Tanklastwagen am 4. September nahe des Bundeswehrlagers im nordafghanischen Kundus wieder ihre Kräfte "auffrischen können", war aus den Geheimdienstkreisen in Kabul zu hören. "Wir rechnen bald mit neuen Attacken gegen die deutschen Soldaten. Die Taliban haben, nachdem sie sich erst einmal zurückziehen mussten, Rache geschworen", berichteten Angehörige des afghanischen Geheimdienstes NDS in Kabul.
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