Verwicklungen zwischen Afghanistan, Pakistan und Indien: Ein Krieg mit vielen Fronten
zuletzt aktualisiert: 09.10.2009 - 19:50Kabul (RPO). Die internationalen Bemühungen um Frieden in Afghanistan sind kompliziert. Der Selbstmordanschlag auf die indische Botschaft in Kabul am Donnerstag hat deutlich gemacht, dass es sich bei diesem Konflikt um einen einzigen Krieg mit vielen Fronten handelt. Sie reichen von den Schlachtfeldern Afghanistans bis in die zersplitterte politische Landschaft Pakistans und tangieren lebenswichtige Interessen Indiens wie der USA.
Die Interessen der Handelnden sind so unterschiedlich: Die USA wollen verhindern, dass Al Qaida wieder in Afghanistan Fuß fasst. Pakistan, mit dem Erzrivalen Indien im Osten, glaubt eine freundlich gesonnene Regierung im Westen zu brauchen, vorzugsweise eine ohne enge Beziehung zu Indien. Indien wiederum sucht Verbündete in der Region und Zugang zu Zentralasien mit seinen Öl- und Gasvorkommen.
Zu Beginn des neunten Kriegsjahrs steht US-Präsident Barack Obama vor der Frage, entweder den Kampf in Afghanistan auf die Al-Kaida-Verbündeten unter den Taliban zu konzentrieren oder auf vermehrte Raketenangriffe und Kommandounternehmen gegen Al Kaida in Pakistan zu verlegen. In jedem Fall muss sich Washington mit der Tatsache auseinandersetzen, dass es weder in Afghanistan noch in Pakistan Sicherheit gibt, so lange das jeweils andere Land nicht zu Stabilität findet.
Keine Lösung ohne den Nachbarn
Kämpfer bewegen sich ungehindert über die Grenze und tauchen beiderseits bei den Paschtunen unter. Locker mit den afghanischen Taliban verbündete pakistanische Stammesangehörige überfielen Nachschubtransporte für die Nato-Truppen. Im Frühjahr stießen pakistanische Taliban bis auf 100 Kilometer vor Islamabad vor und konnten erst nach Wochen von den Streitkräften zurückgedrängt werden.
"Eine tragfähige Afghanistan-Strategie kann nicht gesondert sein von dem, was in Pakistan geschieht", mahnt der frühere Pentagon-Experte Anthony Cordesman. "Zugleich ist klar, dass die Zukunft Afghanistans eine kritische Rolle dabei spielt, Pakistans Sicherheit zu definieren." Auch Indien droht Gefahr von muslimischen Extremisten, die jahrelang vom pakistanischen Militär für den Kampf im umstrittenen Kaschmir gepäppelt wurden.
Die Verwicklungen wurden bei dem Anschlag in Kabul am Donnerstag deutlich, bei dem mindestens 17 Menschen getötet und fast 80 verletzt wurden. Die Taliban bekannten sich im Internet dazu, ohne den Angriff auf die Botschaft näher zu begründen. Der indische Botschafter Jayant Prasad machte Leute verantwortlich, "denen die Freundschaft zwischen dem afghanischen und dem indischen Volk nicht gefällt".
Das Außenministerium in Kabul erklärte, der Anschlag sei "von jenseits der afghanischen Grenzen geplant und ausgeführt" worden, von denselben Gruppen, die für den Anschlag auf die indische Botschaft im Juli 2008 mit mehr als 60 Toten verantwortlich gewesen seien. Damals hatte die afghanische Regierung dem pakistanischen Geheimdienst ISI die Schuld gegeben.
Wettlauf um Einfluss
Das pakistanische Außenministerium verurteilte den Anschlag umgehend. Ein Sprecher wies Spekulationen über eine Verwicklung Pakistans als "ungeheuerlich" zurück und betonte, jeglicher Terrorismus könne nur die Entschlossenheit verstärken, "diese Bedrohung auszulöschen".
Seit dem Sturz der Taliban wetteifern Pakistan und Indien in Afghanistan um Einfluss. Aus Indien flossen in den letzten zehn Jahren fast 1,2 Milliarden Dollar für Vorhaben wie ein neues Parlamentsgebäude, Straßen und Kraftwerke. "Pakistan betrachtet Indiens wachsenden Einfluss in Afghanistan als Bedrohung für seine eigenen Interessen in der Region", schrieb der Experte Jayshree Bajoria vom Council on Foreign Relations. "Afghanistan ist für Indien von strategischer Bedeutung ... weil es das Tor ist zu zentralasiatischen Staaten mit reichen Energievorkommen wie Turkmenistan und Kasachstan."
Ein Report einer Pakistan-Arbeitsgruppe unabhängiger amerikanischer Fachleute bezeichnete Afghanistan voriges Jahr als "neues Schlachtfeld für indisch-pakistanische Feindseligkeiten". "Die fortdauernde Ambivalenz Pakistans den Taliban gegenüber wurzelt zum Teil in seiner Sorge, dass Indien es durch verstärkten Einfluss in Afghanistan einzukreisen versucht", schrieben die Experten. "Pakistanische Sicherheitskräfte kalkulieren, dass die Taliban die beste Chance bieten, dem Einfluss Indiens in der Region entgegenzuhalten."
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