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Mariupol
Ein Leben an der Front

Mariupol: Ein Leben an der Front
Einwohner von Wostochni, einem Viertel von Mariupol, stehen vor einem zerstörten Gebäude. Die ost-ukrainische Hafenstadt wird von Separatisten bedrängt. FOTO: Laif
Mariupol. In der ost-ukrainischen Hafenstadt entscheidet sich, ob das Minsker Friedensabkommen hält. Die Menschen sind ausgezehrt von der ständigen Furcht vor Angriffen. Wer die Regierung in Kiew unterstützt, lebt gefährlich. Von Cedric Rehman

Manchmal ist es besser, in Mariupol den Mund zu halten. Ein Mann lehnt an einer Mauer im Viertel Wostochni und hält sein Morgenbier in der Hand. Als er hört, dass jemand etwas auf Englisch sagt, fängt er an zu keifen. Die Flasche schwenkt er in der Hand, als wolle er sie werfen. Die Englischlehrerin Margo Stachiw beschleunigt ihren Schritt und biegt um die Ecke in eine unbelebte Gasse. Sie blickt sich um. In der Straße sind kaum Fußgänger unterwegs, niemand ist in Hörweite. "Die Leute in Wostochni mögen keine Europäer", flüstert sie in der fremden Sprache.

Die Mauern der Wohnblocks rings herum tragen Narben wie Pockengesichter. Die Trümmer der "Grad"-Raketen, die im Januar auf dem Wochenmarkt in Wostochni eingeschlagen sind, haben sich wie glühende Nägel in den Beton gebohrt. Auf dem Markt selbst hinterließen sie an diesem Tag einen Sumpf von Blut und zerfetzten Gliedmaßen. Die Stadtverwaltung zählte 39 Tote. Die Menschen in Wostochni glauben aber bis heute, dass es viel mehr gewesen sind.

Mit fast 500 000 Einwohnern ist Mariupol die größte ukrainische Stadt am Asowschen Meer. Mehrere Stahlwerke machten sie zu Sowjetzeiten zu einem der bedeutendsten Industriezentren des Landes. Nun sind Gebiete östlich der von Regierungstruppen kontrollierten Stadt von prorussischen Separatisten besetzt. Die russische Grenze liegt etwa 50 Kilometer östlich von Mariupol. Die ukrainische Regierung befürchtet, dass die Aufständischen mit einer Einnahme der Hafenstadt einen Landkorridor zu der von Russland annektierten Halbinsel Krim anstreben könnten. Derzeit ist die Krim nur mit Flugzeugen und Schiffen vom russischen Festland zu erreichen.

Margo Stachiw lebt in einem Viertel von Mariupol, das direkt an Wostochni grenzt. Auch sie hört von ihrer Wohnung aus jeden Tag das Grollen der Geschütze und das Knattern der Maschinengewehre in der Ferne. Ihr Gehör, sagt sie, sei in den vergangenen Monaten sensibler geworden. Sie könne erkennen, ob die Front stagniert und Ukrainer und Separatisten sich nur gegenseitig beharken. Dann dreht sie oft die Musik einfach lauter. Vor wenigen Tagen musste sie aber an den Rucksack mit Dokumenten, Geld und Kleidungsstücken denken, den sie in einen Schrank gepackt hat und mit dem sie im Notfall irgendwohin flüchten möchte.

Stachiw gehört zur russischsprachigen Mehrheit in Mariupol. Aber sie spricht auch Ukrainisch. "Die russischen Medien sagen, dass die Europäer Komplizen der ukrainischen Faschisten sind. Also glaubt ihnen niemand ", sagt sie. Der Hass auf Europäer in ihrem Viertel tut der Englischlehrerin weh. Sie träumt davon, irgendwann nach Schottland zu reisen. Bisher hat sie es nur in die westlichen Nachbarstaaten der Ukraine geschafft: Polen, die Slowakei und Ungarn. Die ukrainischen Soldaten und erst recht die Kämpfer der Freiwilligenbataillone würden viele als Besatzer wahrnehmen. "Dabei waren es die Separatisten, die im Sommer Geschäfte geplündert haben", sagt sie.

"Vor dem Zweiten Weltkrieg war Mariupol eine ukrainische Stadt. Danach haben sich hier Menschen aus der ganzen Sowjetunion angesiedelt. Die meisten haben immer noch das Gefühl, dass nicht Russland, oder die Ukraine ihr Heimatland ist, sondern die UdSSR", sagt Max Nikolaenko. Seine eigene Familie stammt aus Russland, er spricht Russisch. Es erstaunt ihn nicht, dass viele Menschen in Mariupol weder ukrainisch bleiben wollen noch unter der Herrschaft der Separatisten leben möchten. "Viele hoffen, dass die russische Armee kommt und für Ruhe sorgt."

Der 30-jährige Ingenieur arbeitet für das Asowstal-Stahlwerk. Es gehört zum Metinvest-Imperium des Donezker Oligarchen Rinat Achtow. Nikolaenkos Gehalt ist in den vergangenen Monaten von umgerechnet 738 Euro auf 138 Euro geschrumpft. Asowstal bekommt keinen Nachschub an Eisenerz und Steinkohle aus den Gebieten der "Donezker Volksrepublik". Deshalb hat das Unternehmen seine Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt. Mariupols Metallarbeiter haben nun weniger Lohn in der Tasche, während der Krieg die Inflation antreibt und die Preise immer höher steigen lässt. Die Schwierigkeiten von Asowstal reißen die ganze Wirtschaft von Mariupol in den Abgrund.

Wie lässt sich eine Stadt verteidigen, die vielleicht gar nicht verteidigt werden will? "Budweiser" und "Sidori" stellen sich diese Frage nicht. Die beiden Kämpfer eines Freiwilligenbataillons nennen lediglich ihre Kriegsnamen, die sie auch über Funk kommunizieren. Eine Vorsichtsmaßnahme für den Fall, dass sie der anderen Seite in die Hände fallen. Sie haben Verwandte in den Separatistengebieten. Die Angst vor dem, was die "Donezker Volksrepublik" mit ihnen machen könnte, wenn sie herausfindet, dass jemand aus der Familie für die andere Seite kämpft, ist groß.

Ob die Menschen in Mariupol sie mögen oder nicht, ist den Männern egal. "Wer etwas gegen Leute hat, die unser Land verteidigen, soll doch nach Russland gehen", sagt "Budweiser". "Sidori" sieht es so: "Wenn ich Insekten im Haus habe und diese Insekten der Meinung sind, das sei ihr Zuhause, werde ich sie trotzdem vernichten."

Die Partisanen Mariupols haben ihre Zentrale in einem Kellergeschoss im Zentrum der Stadt. Maxim Swetlow ist der Kopf der Selbstverteidigungsbewegung, 200 Männer zählt er zu seiner einsatzbereiten Truppe. Warum er kämpfen will? "Die Russen sind unsere Brüder. Aber wenn mein Bruder mir vorschreiben will, wie ich zu leben habe, dann darf ich mich wehren", sagt der der russischstämmige Mann aus Mariupol.

Mit seiner Wut auf den großen Bruder ist der Partisan ziemlich allein in einer Stadt, die ihr Schicksal erwartet.

Quelle: RP
 
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