Inside USA: Ein Prozent für die Kunst
VON MICHAEL BRÖCKER - zuletzt aktualisiert: 12.08.2010 - 04:57Philadelphia ist eine Gratis-Freilichtgalerie. Kunst gibt es in der zweitgrößten Stadt der US-Ostküste umsonst und draußen. Mehr als 3000 Wandgemälde zieren Häuserfronten, alte Kamine und Lagerhallen - weltweiter Rekord. Hinzu kommt: Es gibt kaum einen öffentlichen Platz ohne eine Skulptur, eine Brunnen-Fontäne oder ein neumodisches Kunstwerk. Im Land des Kapitalismus war dafür Zwang notwendig.
Liebesbotschaften im Gang-Viertel
Graffiti-Sprayer gehören in Philadelphia einer aussterbenden Gattung der Pop-Kultur an. Die Stadt hat den illegalen Aktivitäten der Spraydosen-Hobbykünstlern den Garaus gemacht – mit einer kreativen Erziehungsmaßnahme.
Wird ein Graffiti-Sprayer von der Polizei erwischt, hat er nur zwei Optionen. Entweder er muss ins Gefängnis und kann dort höchstens noch Zahnpasta-Figuren an die Zellenwand klecksen. Oder – und das ist die 99,9-Prozent-Entscheidung der zumeist männlichen Jugendlichen – er lässt sich von örtlichen Künstlern ausbilden und malt unter Anleitung auf speziell freigegebenen Flächen. Das Ergebnis: "Murals", wie die freskenähnlichen Gemälde in der Landessprache heißen, an jeder Ecke der Stadt.
Urbane Phantasien, Alltagsszenen einer durch Kriminalität, Arbeitslosigkeit und Rassenstreit vernarbten Stadt, werden verarbeitet. In den trostlosen Ghetto-Vierteln, wo Drogen und Handfeuerwaffen den Tagesverlauf bestimmen, bilden die farbenfrohen Kunstwerke ein Kontrastprogramm. "Meistens geht es in den Werken um Liebe. Davon erleben die Bewohner dieser Viertel wenig", sagt Brian Campbell, Leiter des städtischen "Mural arts"-Programms. Einst als sechswöchiges Anti-Graffiti-Projekt 1984 erdacht, ist die Kollektion heute zum stadtplanerischen Vorbild für US-Metropolen wie New York und Washington geworden.
"Rocky" als Kunstfigur
Damit nicht genug. Philadelphias Regierende haben viele öffentliche Plätze zu kleinen Kunstausstellungen umfunktioniert. Per Gesetz. Seit 1959 bekommen Investoren städtische Grundstücke und Baugenehmigungen nur, wenn sie ein Prozent der Bausumme für öffentliche Kunst ausgeben. Das kann teuer werden. Sieht aber gut aus.
Weil der Investor über Künstler, Ort und Ausgestaltung frei entscheiden kann, ist das Stadtbild bunt und vielfältig. Verrückte, geheimnisvolle und skurrile Werke sind entstanden. Wie die Statue mit den LOVE-Buchstaben im Stadtzentrum. Der US-Popart-Künstler Robert Indiana widmete der Liebe ein Denkmal, ließ das "O" allerdings quer montieren, um die Brüche im menschlichen Miteinander zu demonstrieren. Pärchen aus aller Welt lassen sich vor den roten Buchstaben fotografieren.
Gleich nebenan hat der schwedische Objektkünstler Claes Oldenburg eine 13 Meter hohe, stählerne Wäscheklammer neben den Rathausturm setzen lassen. Die Aussage. Keiner weiß es so genau. Lokale Heroen wie der Gründervater der USA, Benjamin Franklin, oder General Reynolds, Militärstratege im Bürgerkrieg, werden an anderer Stelle mit üppigen Skulpturen, gerne zu Pferd, bedacht.
Das populärste Kunstwerk der Stadt wollten die Kulturschaffenden indes erst gar nicht haben. Am Fuß des Kunstmuseums erinnert eine Bronzestatue an die Filmfigur "Rocky". In dem Film spielt US-Schauspieler Sylvester Stallone den Boxer Rocky Balboa, der sich aus den Einwanderervierteln Philadelphias zum Champion hochkämpft. In seinen morgendlichen Joggingrunden rennt er regelmäßig die 72 Stufen des Museums hoch - seither wird dieser Ort nur "Rocky steps" genannt.
Die Museumswächter verbannten das Abbild des "banalen" Hollywoodstars einst in den Süden der Stadt. Erst nach massiven Protesten der Bevölkerung durfte die Figur 2006 wieder an den prominenten Platz zurück. Heute ist sie die meistbesuchte Touristenattraktion in Philadelphia.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum