Afghanistan: Ein Staat versteckt sich
zuletzt aktualisiert: 18.08.2008 - 15:31Düsseldorf/Kabul (RPO). Heute ist afghanischer Unabhängigkeitstag. Vor einem Jahr feierten 40.000 Menschen ein buntes Fest. Heute finden die offiziellen Feierlichkeiten an einem geheimen Ort statt. Das Land ist zur Geisel der Angst vor dem Terror geworden.
Binnen eines Jahres hat sich die Lage in Afghanistan dramatisch verschlechtert. Nahezu täglich erreichen uns Meldungen über neue Anschläge. Die US-Armee verlor im vergangenen Vierteljahr so viele Soldaten wie noch nie seit dem Sturz des Taliban-Regimes im Oktober 2001. Die Regierung ist hilflos.
Am Unabhängigkeitstag wurden die Sicherheitsvorkehrungen im ganzen Land verschärft. Eigentlich gilt es etwas zu feiern. Es ist der 89. Jahrestag der Unabhängigkeit Afghanistans von britischer Kolonialherrschaft im Jahre 1919. Die Gegenwart sieht nicht einer großen Feier aus.
Das Land verschanzt sich. Präsident Hamid Karsai, die Offiziellen, die Würdenträger – heute treffen sie sich an einem geheimen Ort. Ein Staat feiert im Verborgenen. Um sie herum herrscht Alarmbereitschaft. Allein in der Hauptstadt Kabul sind mehr als 7000 Polizisten in Alarmbereitschaft Es ist die größte Sicherheitsoperation in Kabul seit dem Sturz der Taliban im Herbst 2001, heißt es.
Die Angst vor Anschlägen – sie ist allgegenwärtig.
Die Polizisten sollten Gebäude und Fahrzeuge in der Hauptstadt durchsuchen und so "jegliche Störmanöver des Feindes" verhindern, erklärte das Innenministerium. Vor Beginn der Feierlichkeiten warnte der Oberkommandierende der US-Streitkräfte in Afghanistan, Generalmajor Jeffrey Schloesser, vor möglichen Anschlägen.
Die Angst vor Anschlägen – sie ist allgegenwärtig. Und fürwahr: Sie ist berechtigt. Der Schrecken über den Anschlag auf Präsident Karsai sitzt noch immer in den Knochen. Im April entging er dem Tod nur knapp. Die Schüsse fielen auf einer Militärparade zur Feier des Sieges über die Sowjetunion. Talibankämpfer hatten sich in den vermeintlich bestens gesicherten Bereich hineingeschmuggelt und eröffneten mit Maschinengewehren, Granatwerfern und Panzerfäusten das Feuer.
Die Gewalt – sie ist heute wie im April allgegenwärtig.
Ein Blick in die Meldungen des Tages offenbart das Ausmaß.
An diesem Morgen starben neun Menschen. Ein Selbstmordanschlag vor einem US-Stützpunkt im Osten. Am Wochenende mussten 80 Menschen ihr Leben lassen. Ein Angriff von Aufständischen auf Kontrollstellen der Polizei, ein Bombenanschlag auf einen Konvoi, ein Überfall auf Nato-Fahrzeuge. Seit Beginn des Jahres wurden in Afghanistan mehr als 3200 Menschen getötet. Polizisten, Soldaten der Nato und der nationalen Armee, Zivilisten, Aufständische und auch Helfer.
Die in New York ansässige Organisation International Rescue Committee (IRC) hat in den vergangenen Tagen vier Mitarbeiter bei Angriffen der Taliban verloren, darunter drei Frauen. Die Gewalt mache die humanitäre Arbeit in der Region immer schwieriger, sagt der Leiter des Einsatzes.
Mittlerweile gilt Afghanistan als gefährlicher als der Irak.
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