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Wahl des US-Präsidenten
Enttäuschte Liebe wird es mit Hillary Clinton nicht geben

Die politische Karriere von Hillary Clinton
Die politische Karriere von Hillary Clinton FOTO: afp, LARRY DOWNING
Neuss. Der gebürtige Neusser Michael Werz (51) lehrt Politik an der Georgetown University in Washington D.C. Ein Experteninterview zur US-Präsidentschaftswahl. Von Matthias Beermann

Herr Werz, wie erklären Sie sich, dass ein bizarrer Rechtspopulist wie Donald Trump bei vielen Amerikanern derartig gut ankommt?

Werz Donald Trump profitiert von weit verbreiteter Unsicherheit in der Bevölkerung: Stagnierende Realeinkommen über ein Jahrzehnt, militärische Engagements im Orient mit fragwürdigem Ausgang, das Desinteresse in Europa, China und Indien, einen Beitrag zu globaler Stabilität zu leisten - die Amerikaner fühlen sich allein gelassen mit den Problemen der Welt, und ein Teil der Bevölkerung kompensiert das mit reaktionärer Weltanschauung und undifferenziertem Geschrei am politischen Stammtisch. Allerdings muss man Trumps vermeintlichen Erfolg im Kontext sehen: Die 35 Prozent der registrierten Republikaner, die in den Vorwahlen abstimmen werden, übersetzen sich in nur acht oder neun Prozent der Bevölkerung.

Nach den Umfragen hat Hillary Clinton die mit Abstand besten Chancen, 2017 in Weiße Haus einzuziehen. Die beste Lösung für die USA?

Der gebürtige Neusser Michael Werz (51) lehrt Politik an der Georgetown University in Washington D.C. FOTO: imago stock&people

Werz Ja. Hillary Clintons erstaunlicher Lebensweg spiegelt zentrale amerikanische Motive - ihre Biografie atmet die Brüche, Widerstände und Kämpfe der Vereinigten Staaten während der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. In ihrem Lebensweg vom ländlichen Illinois über Arkansas, Washington nach New York spiegeln sich eine Vielzahl von sozialen, kulturellen und politischen Erfahrungen. Der Grundton ist allerdings immer der gleiche: politisches Durchsetzungsvermögen und das Durchbrechen traditioneller Schranken. Hillary Clinton musste sich die Schneisen auf dem Weg in Richtung Weißes Haus selbst schlagen. Ihre amerikanischen Erfahrungen haben sie mit Einsichten und Fertigkeiten ausgestattet, die sie (zum zweiten Mal) zur stärksten Kandidatin machen.

Und für Europa? Schätzt man Clinton hierzulande realistisch ein oder wird es wieder eine enttäuschte Liebe wie mit Obama?

Werz Die enttäuschte Liebe zu Obama lag ja nicht nur in der Selbststilisierung seiner Kampagne begründet, sondern auch in den realitätsunabhängigen Projektionen der Deutschen. Das ist bei Hillary Clinton alles anders. Ihre Kampagne ist eine Variation des Schröderschen "Wir wollen nicht alles anders machen, aber vieles besser". Das ist eine gute Voraussetzung, um die Erwartungen in vernünftigen Bahnen zu halten. Ich denke, das kommt in Deutschland auch so an.

Fotos: Das sind die Präsidentschaftskandidaten FOTO: dpa, lws hm ase

Was wird politisch bleiben aus zwei Amtszeiten Obama?

Werz Eine faszinierende demokratische Wahlgemeinschaft aus Minderheiten, Frauen, Bildungseliten und Einwanderern, die die Demokratische Partei auf Dauer mehrheitsfähig gemacht hat. Dazu kommen seine außenpolitischen Erfolge trotz der republikanischen Dauerblockade: der Klima-Deal mit den Chinesen im vergangenen Jahr und darauf aufbauend die erfolgreichen Pariser Klimaverhandlungen, das Transpazifische Freihandelsabkommen und die Neufokussierung der US-Politik auf den Pazifik, die Führung der internationalen Koalition gegen den Islamischen Staat, das Iran-Abkommen, die Normalisierung der Beziehungen zu Kuba, die zentrale Rolle der USA in der Unterstützung des Friedensprozesses in Kolumbien, der neue START-Vertrag zur Reduktion von Nuklearwaffen sowie die gemeinsam mit der EU durchgesetzten Sanktionen gegen Russland. In der Innenpolitik ragen die Gesundheitsreform, die strengen Klima- und Umweltgesetze sowie die Legalisierung von Kindern illegaler Einwanderer heraus. Alles in allem eine solide Bilanz.

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Quelle: RP
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