Gewalt und Proteste in Ägypten: "Entweder sie sterben oder wir"
zuletzt aktualisiert: 03.02.2012 - 12:26Kairo (RPO). Die Lage in Ägypten spitzt sich weiter zu. Am Abend lieferten sich Tausende Demonstranten Straßenschlachtern mit der Polizei. Ein Gebäude der Steuerbehörden direkt gegenüber des Innenministeriums stand in Flammen. Die Menschen fordern den Rückzug des Übergangsrates. Aber die Fronten sind derzeit völlig verhärtet.
Angaben zur Brandursache wurden nicht gemacht, Sicherheitskreisen zufolge waren aber kurz zuvor Unbekannte in das Gebäude eingedrungen. Am frühen Freitagabend lieferten sich tausende Demonstranten vor dem Innenministerium weiter gewaltsame Auseinandersetzungen mit der Polizei. Bei den Zusammenstößen waren im Verlauf des Tages in Kairo nach Ärzteangaben zwei Demonstranten an Tränengas erstickt, das die Sicherheitskräfte gegen die Demonstranten einsetzte.
Die Bilder erinnern an das vergangene Jahr, an die Zeit des politischen Umsturzes. Demonstranten auf dem Tahrir-Platz in Kairo und gewaltsame Zusammenstöße - inzwischen den dritten Tag in Folge. Alles eine Reaktion auf die verheerende Randale im Stadion von Port Said. "Wir wollen Revanche", sagt einer der Beteiligten.
74 Menschen waren bei der Fußball-Randale ums Leben gekommen, hunderte verletzt worden. Viele Demonstranten geben dem Militärrat die Schuld daran, dass es so weit gekommen ist. Denn nach Augenzeugenberichten griffen die Sicherheitskräfte nicht ein, als Anhänger und Spieler des Vereins Al Ahly angegriffen wurden - jene, die auch bei der Revolution vom vergangenen Februar in der ersten Reihe standen.
Und so entläd sich der Zorn nun schon den dritten Tag in Folge. In der Stadt Suez sollen die Protestierenden versucht haben, eine Polizeiwache zu Stürmen, in Kairo wurden erneut Dutzende Menschen verletzt, als eine Demonstration in Richtung Innenministerium ausartet. Demonstranten werfen Steine und Flaschen, die Sicherheitskräfte reagieren mit Tränengas.
"Der Rat muss gehen"
Ganz vorn mit dabei sind auch wieder die Ultras von Al Ahly, so wie vor einem Jahr. Sie haben Kampferfahrung mit der Polizei - und das nutzen sie auch auf den Straßen. Viele der Demonstranten tragen Al-Ahly-Flaggen, wie Sky News berichtet. "Wir wollen Revanche", sagt einer von ihnen dem Sender. "Entweder kommt es so, dass das Militär zurücktritt oder wir übernehmen von uns aus die Macht."
Eine Frau mit vom Tränengas geröteten Augen sagt, sie habe sich den Protesten angeschlossen, um sicherzugehen "dass sie uns nicht töten werden". "Wenn wir nicht hier wären, würden sie Menschen töten", sagt sie Sky News und zeigt auf das Innenministerium.
"Sagt es laut, der Rat muss gehen", skandiert die Menge laut CBC News. Andere rufen "Kommt runter von euren Balkonen. Tantwai tötet unsere Kinder." Und ein Ultra macht deutlich, dass er nicht so schnell aufgeben will. "Entweder sie werden sterben oder wir", sagt er dem Sender.
Es ist eine Stimmung aus Aggression und Gewalt gerade vonseiten der Ultras, die sich derzeit in Ägypten abspielt, aber noch ist sie offenbar auf wenige Plätze beschränkt. Die Reporterin Sue Turton von Al Jazeera berichtet, dass die Demonstranten damit begonnen haben, die Blockaden vor dem Innenministerium zu entfernen. "All das findet in direkter Nachbarschaft zum Tahrir-Platz statt, aber im Rest von Kairo läuft alles normal", sagt sie dem Sender.
"Das hat nichts mit dem Fußballspiel zu tun"
Doch der Unmut über den Militärrat ist nicht nur bei den Ultras groß. Viele Ägypter sind enttäuscht über den Fortgang der Revolution. Die Wirtschaft liegt am Boden, und dem Militär werden Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen. Immer wieder war es in den vergangenen Wochen daher zu Demonstrationen und zu Zusammenstößen mit der Polizei gekommen. Das Land scheint nicht zur Ruhe zu kommen.
"Das ist kein Sportunfall, das ist ein Militärmassaker", rufen die Protestierenden denn auch laut der Zeitung "Egypt Independent". "Wir alle verstehen, dass das, was da passiert ist, nichts mit dem Fußballspiel zu tun hat", sagte der 21-jährige Rasha Ibrahim der Zeitung. "Wir protestieren heute, um dem Militärrat zu sagen, dass das ihr Ende ist. Ihr werdet gehen. Sie haben zu viele Menschen getötet."
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