Eklat auf Weltwirtschaftsforum: Erdogan und Peres glätten die Wogen
zuletzt aktualisiert: 30.01.2009 - 15:05Istanbul/Davos (RPO). Der gestrige Eklat auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos hat rund um den Globus für Aufsehen gesorgt. Jetzt bemühen sich der türkische Premierminister Recep Tayyip Erdogan und Israels Staatspräsident Schimon Peres, die Wogen zu glätten.
Erdogan stellte am Freitag in Istanbul klar, dass seine Kritik sich nicht gegen Israel, gegen die Israelis oder gegen die Juden gerichtet, sondern allein gegen die israelische Regierung gerichtet habe. "Wir sind gegen Antisemitismus", sagte er. "Wir üben keine Pauschalkritik."
Es sei ihm um die konkrete Situation des israelischen Militäreinsatzes im Gazastreifen und um die vielen zivilen Opfer gegangen. Während seiner Rede verbat sich der türkische Premier anti-israelische Sprechchöre seiner Anhänger. Erdogan hatte am Donnerstagabend wutentbrannt eine Podiumsdiskussion mit Peres beim Weltwirtschaftsforum in Davos verlassen. Dabei habe er seine "menschlichen Gefühle" über das israelische Vorgehen zum Ausdruck gebracht, sagte Erdogan. Bei ihrem Engagement im Nahen Osten gehe es der Türkei allein darum, zum Frieden in der Region beizutragen.
Auch von Peres kamen versöhnliche Signale. Das hitzige Wortgefecht während der Podiumsdiskussion werde die Beziehungen zwischen Israel und der Türkei nicht belasten, versicherte er. Peres hatte die israelische Offensive im Gazastreifen ungewöhnlich emotional verteidigt und dabei auch mehrmals Erdogan direkt angesprochen.
Peres sagte am Freitag, seine Äußerungen seien eine Reaktion auf die wiederholte Kritik am israelischen Militäreinsatz gewesen. "Israel ist eine Demokratie. Es kämpft gegen eine der gefährlichsten terroristischen und diktatorischen Gruppen", sagte der 85-jährige Friedensnobelpreisträger mit frustriertem Unterton. "Plötzlich gilt es als humanitär, Diktatoren zu unterstützen, Terror zu unterstützen, den Tod unschuldiger Menschen zu unterstützen."
Wortgefecht am Vorabend
Am Donnerstag waren Peres und Erdogan in einer Gesprächsrunde aufeinandergetroffen. Das Thema hatte es in sich, denn es ging um die israelische Offensive im Gaza-Streifen. Peres verteidigte das Verhalten der Israelis nachdrücklich, wofür er vom Publikum Zustimmung erhielt, und sprach Erdogan mehrmals direkt an.
Erdogan entgegnete, der Applaus für Peres' Ausführungen stimme ihn "sehr traurig". Er halte es für falsch, Aktionen zu beklatschen, bei denen es viele Tote gegeben habe, sagte er mit Blick auf die mehr als 1300 Todesopfer durch die israelische Offensive, darunter zahlreiche Kinder.
Peres verwies dagegen auf die von der Hamas auf Israel abgefeuerten Raketen. "Was würden Sie machen, wenn jede Nacht zig Raketen auf Istanbul abgefeuert werden würden?", fragte er rhetorisch. Israel habe auf niemanden schießen wollen, "aber die Hamas hat uns keine Wahl gelassen", ergänzte Peres. Der türkische Regierungschef bat danach den Moderator, "Washington Post"-Kolumnist David Ignatius, noch einmal das Wort ergreifen zu dürfen, und dieser antwortete angesichts der fortgeschrittenen Zeit: "Nur eine Minute."
An Peres gewandt, sagte Erdogan: "Sie sind älter als ich. Ihre Stimme ist zu laut." Dies sei ein Ausdruck des schlechten Gewissens. "Sie töten Menschen", warf Erdogan dem israelischen Staatschef vor. "Wenn es ums Töten geht, damit kennt ihr euch gut aus." Als der Moderator dem türkischen Ministerpräsidenten das Wort abschneiden wollte, fuhr Erdogan ihn an: "Unterbrechen Sie mich nicht. Sie lassen mich nicht sprechen."
Abrupter Abgang
Dann machte Erdogan sich abrupt auf und ließ neben Peres und Ignatius sowie den anwesenden UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon verdutzt zurück. Dem Generalsekretär der Arabischen Liga, Amr Mussa, schüttelte er noch die Hand. Mussa verteidigte Erdogans Verhalten: Er habe "gesagt, was er zu sagen hatte, und ist dann gegangen. Das ist alles. Er hatte Recht."
Später betonte Erdogan, er sei nicht wegen des Streits mit Peres so erzürnt gewesen, sondern weil er nicht ausreichend Gelegenheit gehabt habe, auf die Äußerungen des israelischen Staatschefs einzugehen. Dieser habe 25 Redezeit gehabt, er selbst aber nur zwölf Minuten. "Ich habe in keinster Weise die israelische Bevölkerung, Präsident Peres oder das jüdische Volk angegriffen", sagte er auf einer Pressekonferenz. Er habe explizit erklärt, dass Antisemitismus ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit sei.
Bei der Rückkehr in die Türkei wurde Erdogan ein Empfang bereitet, wie ihn ansonsten höchstens die türkische Fußball-Nationalmannschaft bekommt. Etwa 5.000 Menschen erwarteten ihn, schwenkten türkische und palästinensische Flaggen. Nach Medienberichten wurden eigens Busse gechartert, die Demonstranten zum Flughafen brachten. Auf Plakaten wurden Parolen wie "Willkommen zurück, Eroberer von Davos" oder "Welt, schau auf unseren Ministerpräsidenten" hochgehalten. Es gab allerdings auch antiisraelische Sprechchöre.
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