Mord am Industrieminister: Erste Unruhen im Libanon
zuletzt aktualisiert: 22.11.2006 - 06:30Beirut (RPO). Die Ermordung des anti-syrischen Industrieministers Pierre Gemayel hat im Libanon erste Unruhen ausgelöst. Im Heimatort des 34-Jährigen östlich von Beirut zerstörten Anhänger die Autos von pro-syrischen Politikern. Ähnliche Vorfälle wurden auch aus der Hauptstadt selbst gemeldet. Führende Politiker riefen die Bevölkerung zur Ruhe auf.
Gemayel war zuvor von Unbekannten in seinem Auto in einem Vorort von Beirut erschossen worden. Der anti-syrische Fraktionschef Saad Hariri machte Syrien für das Attentat verantwortlich. Damaskus wies dies vehement zurück. Angesichts der ohnehin angespannten Lage im Libanon rief das Attentat international Entsetzen hervor.
Augenzeugen berichteten, der Politiker habe seinen Wagen selbst gefahren, als drei Männer ihn stoppten und das Feuer eröffneten. Sie hätten ihm in den Kopf geschossen. Die Fahrerseite war von Kugeln durchlöchert. Der Minister wurde nach Angaben aus Sicherheitskreisen schwer verletzt ins nahe gelegene Krankenhaus von Dora gebracht, wo er kurz darauf seinen Verletzungen erlag. Bei dem Anschlag wurde auch ein Leibwächter getötet.
Gemayel war maronitischer Christ und gehörte dem anti-syrischen Lager im Libanon an. Der 34-Jährige war der Sohn des ehemaligen Präsidenten Amine Gemayel und der Neffe des 1982 ermordeten Staatschefs Beschir Gemayel. Im Libanon löste der Anschlag auf den bekannten Politiker Panik und Wut aus. Die libanesische Armee verstärkte umittelbar nach dem Attentat ihre Truppen in Beirut. Die Fernsehsender unterbrachen nach Bekanntwerden der Nachricht ihr Programm, um klassische Musik zu spielen.
Vor dem Krankenhaus St. Joseph, in das sein Leichnam gebracht wurde, versammelten sich hunderte Anhänger, die Sprüche gegen die von Syrien und dem Iran unterstützte schiitische Hisbollah skandierten. Im Christenviertel Aschrafieh verbrannten Gemayel-Sympathisanten Porträts des Oppositionsführers Michel Aoun. In Dschbeil im Norden von Beirut zündeten andere Gruppen zündeten Reifen an. In Bickfaya, dem Heimatort der Familie Gemayel, blockierten Anhänger die Straßen und zerstörten Autos von Mitgliedern der Syrischen Nationalpartei (PSNS). Auf das Büro des anti-syrischen Parlamentsministers Michel Pharaon feuerten Unbekannte Schüsse ab.
Führende libanesische Politiker riefen die Bevölkerung zur Ruhe auf. Amine Gemayel, der von 1982 bis 1988 Präsident war, appellierte an die Anhänger, sich nicht zu unbedachten Taten hinreißen zu lassen. Regierungschef Fuad Siniora sagte: "Wir werden nicht zulassen, dass die Mörder über das Schicksal des Libanon bestimmen." Der pro-syrische Präsident Emile Lahoud rief die gespaltene Bevölkerung zum Dialog auf.
Der Sohn des ermordeten libanesischen Ex-Ministerpräsidenten Rafik Hariri, Saad Hariri, beschuldigte Libanons Nachbarland Syrien, hinter der Tat zu stecken. "Sie tun das, was sie geschworen haben zu tun, sie wollen alle freien Menschen im Libanon töten", sagte er auf einer Pressekonferenz in Beirut. Dem US-Nachrichtensender CNN sagte er: "Wir glauben, dass Syrien da überall seine Finger im Spiel hat."
Syrien wies diese Anschuldigung vehement zurück. Damaskus sei "empört über diese furchtbare Tat", erklärte die syrische Botschaft in Washington. Es sei kein Zufall, dass der Mord an Gemayel am Tag der UN-Entscheidung über das Hariri-Tribunal verübt worden sei. "Es ist offensichtlich, dass sich immer, wenn die Welt auf den Libanon blickt, ein furchtbares Verbrechen ereignet, damit Syrien angeklagt werden kann." Die Hisbollah erklärte, der Mordanschlag auf Gemayel sei der Versuch, "den Libanon ins Chaos und in einen Bürgerkrieg zu stürzen".
Der UN-Sicherheitsrat sprach sich am Abend in New York für die Einsetzung eines internationalen Tribunals ausgesprochen, vor dem die Verantwortlichen für den Mord an dem libanesischen Ex-Regierungschef Rafik Hariri zur Rechenschaft gezogen werden sollen. Hariri war im Februar 2005 bei einem Bombenanschlag getötet worden.
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