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Eskalation im Rebellengebiet
Russland fordert UN-Sondersitzung zu Syrien

Eskalation in Syrien: Russland fordert UN-Sondersitzung
Dieses von der regierungskritischen Aktivistengruppe Ghouta Media Center zur Verfügung gestellte Bild zeigt Syrer, die in den Trümmern eines zerstörten Hauses in Ghuta nach Überlebenden suchen. FOTO: Ghouta Media Center/AP/dpa
Damaskus/New York/Berlin. Seit sieben Jahren tobt in Syrien ein blutiger Bürgerkrieg. Innerhalb kurzer Zeit eskalierte der Konflikt gleich an zwei Fronten. Russland schlägt eine Sondersitzung des UN-Sicherheitsrates vor.

Die schweren Angriffe auf das syrische Rebellengebiet Ost-Ghuta haben weltweit die Sorge vor einer weiteren Eskalation des Konflikts verschärft. Russland schlug für Donnerstag eine Sondersitzung des UN-Sicherheitsrates zur Lage in Ost-Ghuta vor. "Das ist notwendig angesichts der Sorgen, die wir heute gehört haben", sagte der russische UN-Botschafter Wassili Nebensja am Mittwoch in New York. Dabei könnten alle Seiten ihre Standpunkte vortragen, sagte er der Agentur Tass zufolge.

Allein am Mittwoch kamen bei Luftangriffen und Artilleriebeschuss auf die Region nahe Damaskus mindestens 27 Zivilisten ums Leben, wie die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte berichtete. Nach diesen Angaben warfen Regierungskräfte auch Fassbomben ab. Das eingeschlossenen Gebiet in der Nähe der Hauptstadt Damaskus erlebt eine der schlimmsten Angriffswellen seit Beginn des Bürgerkriegs vor fast sieben Jahren. Syrische Eliteeinheiten hatten eine Bodenoffensive auf Ost-Ghuta angekündigt.

Der UN-Hochkommissar für Menschenrechte, Said Raad al-Hussein, verurteilte scharf die Gewalt gegen die Rebellenhochburg, in der 400.000 Zivilisten eingeschlossen sind. "Stoppt die ungeheuerliche Vernichtung in Ost-Ghuta", sagte er in Genf.

Bundesregierung spricht von "Massaker"

Die Bundesregierung verurteilte die Offensive der syrischen Armee als "Feldzug gegen die eigene Bevölkerung". Regierungssprecher Steffen Seibert forderte in Berlin Syriens Machthaber Baschar al-Assad auf, das "Massaker" in der Region zu beenden. Ein Sprecher des Auswärtigen Amtes sagte: "Das Grauen von Aleppo droht sich nun wenige Kilometer von Damaskus entfernt zu wiederholen." Bei den Angriffen auf Ost-Ghuta wurden in den vergangenen Tagen Aktivsten zufolge fast 300 Zivilisten getötet.

Unter den fast 300 getöteten Zivilisten seien mehr als 70 Kinder, erklärten die Menschenrechtler. Mehr als 1500 Menschen seien verletzt worden. Aktivisten meldeten rund 3000 Angriffen seit Sonntag. "Unsere Leichenhäuser sind voll, unsere Gräber können keine weiteren Körper aufnehmen", sagte der Aktivist Abu Ahid. Ärzte ohne Grenzen (MSF) berichtete, seit Sonntag seien 13 Kliniken, die von der Hilfsorganisation in der Region unterstützt werden, angegriffen und zerstört oder beschädigt worden. Insgesamt zählte MSF alleine in den unterstützten Krankenhäusern 237 Tote und knapp 1300 Verletzte.

2016 hatte die syrische Armee den Osten der nordsyrischen Stadt Aleppo über Monate mit heftigen Luftangriffen bombardiert. Dabei wurde vor allem der Osten Aleppos massiv zerstört.

Kreml weist Vorwürfe zurück

Angesichts der Eskalation in Ost-Ghuta zeigte sich UN-Generalsekretär António Guterres "zutiefst beunruhigt". Besonders die Folgen für die Zivilbevölkerung machten ihm Sorgen, sagte sein Sprecher Stephane Dujarric in New York. Regierungssprecher Seibert appellierte an Syriens Verbündete Iran und Russland, auf Machthaber Assad einzuwirken. "Ohne die Unterstützung dieser beiden Verbündeten wäre das Assad-Regime militärisch nicht da, wo es heute ist", sagte er.

Regierungstreue syrische Medien meldeten am Mittwoch, auch russische Flugzeuge flögen Luftangriffe auf Ost-Ghuta. Kremlsprecher Dmitri Peskow wies jedoch Vorwürfe entschieden zurück, Russland sei am Tod von Hunderten Zivilisten in dem Gebiet beteiligt. "Das ist haltlos, völlig unklar, auf was die Vorwürfe basieren", sagte Peskow.

Ost-Ghuta gehört zu den letzten Gebieten des Bürgerkriegslandes, die noch unter Kontrolle von Rebellen stehen. Dominiert wird die Region von islamistischen Milizen. Sie ist seit Monaten von Regierungstruppen eingeschlossen. Helfer berichten von einer dramatischen humanitären Lage.

Situation im Nordwesten weiter angespannt

Die Lage im Nordwesten des Bürgerkriegslandes, wo seit dieser Woche syrische Regierungstruppen die Kurden im Kampf gegen die Türkei unterstützen, blieb indes angespannt. Ein Kurdensprecher berichtete von heftigen Zusammenstößen. Bei türkischem Artilleriebeschuss auf die Stadt Afrin wurden sechs Menschen verletzt, darunter vier Kinder, wie die Menschenrechtler meldeten. Die Türkei hatte vor rund einem Monat eine Offensive auf Afrin begonnen.

Das Gebiet wird von der Kurdenmiliz YPG kontrolliert. Die Türkei sieht in ihr den syrischen Ableger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK und bekämpft sie. Am Dienstag waren syrische Regierungstruppen in das Gebiet eingerückt, die die Kurden im Kampf gegen die Türkei unterstützen sollen. Aus syrischen Militärkreisen hieß es, am Mittwoch hätte weitere Kämpfer das Gebiet erreicht.
Insgesamt sollen jetzt bis zu 500 Regierungsanhänger in Afrin sein, bei denen es sich offiziell ums "Volkskräfte" handelt.

Drohungen aus der Türkei

Die Türkei drohte Unterstützern der YPG in Nordsyrien bei deren Kampf gegen die vorrückenden türkischen Streitkräfte Konsequenzen an. Wer die YPG unterstütze, stehe auf der Seite der "Terrororganisation" und werde "für uns zu einem legitimen Ziel", sagte der Sprecher von Präsident Recep Tayyip Erdogan, Ibrahim Kalin, am Mittwoch in Ankara.

Russland rief als Verbündeter Syriens alle ausländischen Mächte zu Friedensgesprächen mit der Regierung von Machthaber Baschar al-Assad auf. Die territoriale Einheit und Souveränität Syriens müsse gewahrt bleiben.

(oko/dpa)
 
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