Inside USA: Essen aus dem Lkw
VON MICHAEL BRÖCKER - zuletzt aktualisiert: 26.08.2010 - 19:30Mittags gibt es in Amerika Fast Food vom Straßenrand. Die silberfarbenen, mobilen Grillwagen gehören zum Stadtbild der US-Metropolen. In der Wirtschaftskrise boomen die kleinen Familienunternehmen.
Falafel, Steak-Sandwich, Salate, Crepes, Pizza, Bananenpudding oder Cupcakes, kleine süße Creme-Törtchen. Die Speisekarten der fahrbaren Grillwagen, die zu Hunderten Straßenkreuzungen amerikanischer Großstädte zieren, sind vielfältig.
Die „Food Trucks“ sind so etwas wie die mobilen Kantinen der modernen US-Geschäftswelt. In den Hochhaus-Schluchten der Metropolen New York, Chicago, Atlanta oder Philadelphia bieten sie von sechs Uhr morgens bis etwa zwei Uhr mittags ein schnelles, günstiges Mittagessen auf die „Hand“. Die meist auf einem kleinen Kohle-Grill im Fond des Kleinlasters zubereiteten Snacks sind in der Wirtschaftskrise angesagter denn je.
Ein Sandwich in zehn Minuten
Beim Anblick der abgasumwölbten Grillstationen rümpfen europäische Gourmet-Freunde gerne die Nase, spötteln über Hygienestandards und die Fast-Food-Vorliebe der Amerikaner. Doch das Essen aus den Rumpf-Restaurants am Straßenrand ist oft reichhaltiger und frischer als in benachbarten Restaurant-Ketten. Das hat neulich die Verbraucher-Organisation Change in einem Test festgestellt. Ein Ritterschlag für die Trucks.
„Wir verkaufen frisches, gutes Essen, etwas anderes können wir uns doch gar nicht erlauben“, sagt Stan Gus, Inhaber eines Sandwich-Wagens im Herzen des Geschäftszentrums von Philadelphia. „Damit verdiene ich meinen Lebensunterhalt. Wenn in einem der Bürotürme hier die Runde macht, dass meine Produkte ungenießbar sind, kann ich sofort dichtmachen.“
Jeden Morgen kauft der 55-Jährige mit seiner Frau Helen frische Zutaten, Salate, Gemüse und Fleisch auf dem örtlichen Farmers Markt ein. Saisonale Produkte werden berücksichtigt. Sandwiches in allen Varianten sind die Spezialität des griechischstämmigen Amerikaners, der seit 26 Jahren das mobile Familienunternehmen führt.
Zwischen 12.30 Uhr und 14 Uhr bildet sich regelmäßig eine meterlange Schlange vor „Gus’ Lunch Truck.“ Jede Order wird frisch zubereitet. Ein Hähnchenbrust-Sandwich (umgerechnet drei Euro) auf getoastetem Brot dauert dann etwa zehn Minuten. Mehr als eine Person kann in dem drei mal zwei Meter kleinen Imbisswagen nicht am Grill stehen.
500 Dollar pro Tag
Im Schnitt erwirtschaften die Gus’ rund 500 Dollar (400 Euro) pro Tag. In den vergangenen Monaten war es deutlich mehr. „Die Wirtschaftskrise bringt uns Kunden, die sonst in teure Restaurants gehen würden“, sagt Gus. Personalkosten hat er nicht. Abzüglich der städtischen „Miete“ für den Teilzeit-Parkplatz, Gewerbesteuern und den Einkauf der Lebensmittel bleibe „ausreichend zum Leben“ übrig, sagt er.
Die profitablen Lebensmittel-Lkw finden reichlich Nachahmer. Quer durch die USA verkaufen immer mehr Einwandererfamilien heimatliche Spezialitäten - von jamaikanischen Hühnchenspezialitäten über nigerianische Reisfladen bis hin zu österreichischer Eiskreme.
Der Vorteil: Die Suche nach einem Standort für ein Restaurant, umständliche Genehmigungsverfahren und horrende Mieten bleiben den Gastronomen erspart. Eine Lizenz als „mobiler Essensverkäufer“ ist in der Regel einfach zu bekommen. Zwei Mal pro Monat werden die Trucks vom Gesundheitsamt überprüft. Widerstand von offizieller Seite gibt es kaum noch - die kulinarischen Kleinlaster sind ein Teil der amerikanischen Kultur geworden. Der „Food Truck Race“, ein zur besten Sendezeit ausgestrahlter Fernseh-Wettstreit der Lkw-Köche ist ein Quotenrenner in den USA.
Sogar Spitzenköche nutzen neuerdings die Straße als Vertriebsort. Als Roy Choi den Posten als Chefkoch des Nobelhotels Beverly Hilton in Los Angeles verloren hatte, gründete er eine Food-Truck-Firma. Seine koreanisch-mexikanischen Tacos (zwei Dollar) genießen an der Westküste Kult-Status. Umsatz im vergangenen Jahr: zwei Millionen Dollar.
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