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Flüchtlingskrise
In Schweden kippt die Stimmung

Flüchtlinge: In Schweden kippt die Stimmung, Flüchtlingsheime brennen
In Schweden steigt die Zahl der Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte. FOTO: afp, blr / JMN/bb
Stockholm. Schweden erwartet in diesem Jahr 190.000 Flüchtlinge – mehr als doppelt so viele wie die 74.000 Menschen, mit denen lange gerechnet worden ist. Die Stimmung im sonst flüchtlingsfreundlichen Land beginnt zu kippen. Brandanschläge erschüttern das Land. Von André Anwar

Schwedens Flüchtlingszahlen explodieren: Das nur 9,6 Millionen Einwohner zählende Land erwartet in diesem Jahr bis zu 190.000 Flüchtlinge - mehr als doppelt so viel wie zunächst angenommen. Noch im Juli hatte die Einwanderungsbehörde mit 74.000 Neuankömmlingen gerechnet.

Von den nun erwarteten 190.000 Menschen sollen 33.000 unbegleitete Kinder und Jugendliche sein. Zuvor war man von nur 12.000 Minderjährigen ausgegangen. "Die gegenwärtige Flüchtlingssituation ist aus europäischer und schwedischer Perspektive beispiellos", sagte Anders Danielsson, Chef der Einwanderungsbehörde.

Belastung wird zu groß

Für 2016 wird mit einem Rückgang auf bis zu 170.000 Asylbewerbern gerechnet. Für die kommenden beiden Jahre benötigt die Einwanderungsbehörde nach eigener Schätzung umgerechnet zusätzliche 70 Milliarden Kronen (7,4 Milliarden Euro), um die Menschen zu versorgen. Das Aufnahmesystem funktionierte bislang gut, ist aber äußerst strapaziert. Erstmals werden derzeit trotz des bevorstehenden Winters auch Zeltplätze für 35.000 Flüchtlinge errichtet. Bislang konnte man noch alle in festen Unterkünften unterbringen.

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Schweden nimmt damit pro Kopf weiter mehr Flüchtlinge auf als jedes andere EU-Land. Laut der EU-Statistikbehörde Eurostat kamen im Vorjahr 7,8 Asylerstbewerber auf 1000 Einwohner. Im absolut gesehen größten Aufnahmeland Deutschland kamen 2,1 Erstanträge auf 1000 Einwohner.

Bislang Zustimmung

Schwedens Asylregelungen sind besonders großzügig. So gibt es lebenslange Aufenthaltsgenehmigungen für Syrer. Die schwedische Staatsbürgerschaft gibt es schon nach vier Jahren. Die Familienzusammenführung ist großzügig ausgestaltet. Jeder anerkannte Asylbewerber nimmt am sogenannten Etablierungsplan teil. Zwei Jahre lang bekommt ein Asylant dann einen persönlichen Integrationsberater. Umfassende Sprachkurse, Berufspraktika und Schulungen werden vermittelt. Dazu gibt es knapp 6500 Kronen im Monat plus Wohngeld im Bedarfsfall.

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Trotz des großen Flüchtlingsstroms war die Mehrheit der Schweden bislang laut Umfrage für die Aufnahme der Flüchtlinge. Dazu haben auch die Medien beigetragen, die einschließlich rechtsgerichteter Boulevardzeitungen offen für die Solidarität gegenüber den Flüchtlingen werben und entsprechend aus den Kriegsgebieten berichten.

Flüchtlingsheime brennen

Doch der Unmut wird größer. Die breite Koalition aus Linksparteien und bürgerlichen Parteien, die für eine großzügige Aufnahme eingestanden sind, bröckelt inzwischen. Die bürgerliche Opposition hat in den vergangen Tagen einen Kurswechsel eingeleitet, der die Regeln für die Aufnahme verschärfen soll. Eine Einschränkung der Familienzusammenführung und auch die Vergabe von befristeten Aufenthaltsgenehmigungen wie auch eine Selbstversorgungspflicht werden nun immer offener diskutiert.

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Die rechtspopulistischen Schwedendemokraten kritisieren, dass die Mehrausgaben für Flüchtlinge fast ausschließlich über Kürzungen bei der schwedischen Entwicklungshilfe bezahlt werden. Der Rest des Budgets ist nicht betroffen. Man könne viel mehr Menschen in Heimatländern mit dem gleichen Geld helfen, als den wenigen relativ wohlhabenden Flüchtlingen, die nach Schweden kommen, so der Tenor der Schwedendemokraten. Auch gemäßigtere Organisation kritisieren die Kürzungen in der Entwicklungshilfe.

Seit über einer Woche brennen täglich auch Flüchtlingsunterkünfte in Schweden. Zumeist noch unbewohnte. Verletzte gab es nicht. Einige Gemeinden wollen nun die Adressen von Unterkünften geheim halten. Die Polizei sagt, dass sie nicht alle Heime beschützen kann. In Schweden gibt es über 8000 einzelne Unterkünfte.

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