| 15.20 Uhr

Flüchtlinge am Eurotunnel
"Nach England – oder sterben"

Fotos: Ansturm auf den Eurotunnel in Calais
Fotos: Ansturm auf den Eurotunnel in Calais FOTO: afp, PH/vel
Calais. Ihr Ziel ist zum Greifen nah: Mehrere tausend Flüchtlinge harren seit Tagen am Eurotunnel in der französischen Hafenstadt Calais aus. Sie hoffen, nach Großbritannien zu gelangen - viele sind bereit, dafür jedes Risiko in Kauf zu nehmen. Es gab bereits Tote. Immer wieder kommt es zu Zusammenstößen mit der französischen Polizei.

Die Flüchtlinge versuchen, auf wartende Lastwagen oder auf Züge zu klettern, die auf dem Weg in den Tunnel sind. Ein lebensgefährliches Unterfangen. Nach Angaben des Tunnelbetreibers Eurotunnel sind in den vergangenen Wochen neun Menschen dabei ums Leben gekommen. "It's England or death", zitiert die britische "Daily Mail" einen Flüchtling, zu deutsch etwa: "Entweder nach England oder sterben".

Großbritannien will angesichts der chaotischen Lage in Calais härter gegen illegal eingewanderte Migranten vorgehen. Man werde sie ausweisen, "damit Leute wissen, dass dies kein sicherer Hafen ist", sagte Premierminister David Cameron am Donnerstag in Vietnam.

Fünf Gründe, warum Flüchtlinge nach Großbritannien wollen

Schon jetzt würden Gesetze verabschiedet, die das Bleiben erschwerten. Es müsse aber noch mehr geschehen. In der Nacht zum Donnerstag hatten erneut Flüchtlinge versucht, durch den Tunnel unter dem Ärmelkanal von Frankreich nach Großbritannien zu gelangen.

Wie die französische Nachrichtenagentur AFP berichtete, hätten sie mit den Sicherheitskräften Katz und Maus gespielt. Die Flüchtlinge hätten für etwa eine Stunde eine Ausfahrt für Personenwagen blockiert. Die Nutzer mussten einen anderen Weg nehmen.

Hoffnung lässt Flüchtlinge hohe Risiken eingehen

Fotos: So versuchen die Flüchtlinge, zum Eurotunnel zu gelangen FOTO: ap

Nach Schätzungen warten zwischen 3000 und 5000 Migranten in Calais auf eine Gelegenheit, nach Großbritannien zu kommen. In diesem Jahr hat Eurotunnel auf der französischen Seiten bereits 37 000 Versuche gezählt, die Grenze zu überqueren.

Es sind vor allem fünf Gründe, warum viele Migranten versuchen, um fast jeden Preis nach Großbritannien zu gelangen.

  • Asylkrise in Frankreich: Frankreichs Asylsystem wird heftig kritisiert. Bearbeitungszeiten sind lang und es gibt für weniger als die Hälfte der Asylbewerber Platz in Unterkünften. Deshalb sitzen selbst Asylsuchende mit legalen Papieren auf der Straße. Viele stellen dort daher erst gar keinen Asylantrag.
  • Wirtschaftliche Lage: Die Länder Südeuropas, wo viele Flüchtlinge als erstes ankommen, leiden unter hoher Arbeitslosigkeit. Auch Frankreich meldet immer wieder Höchstwerte. In Großbritannien liegt die Arbeitslosenquote mit 5,4 Prozent nur gut halb so hoch wie auf der anderen Seite des Ärmelkanals. Migranten hoffen, dort leichter Arbeit zu finden. Das es kein Meldegesetz gibt, hoffen viele auch, leichter als anderswo untertauchen und schwarz arbeiten zu können.
  • Asylbedingungen in Großbritannien: Im Vereinigten Königreich wurden im vergangenen Jahr 41 Prozent aller Asylanträge genehmigt, ein deutlich höherer Anteil als in Deutschland und Frankreich. Die Bearbeitungszeiten sind kürzer. Allerdings schafften es auch viel weniger Asylsuchende ins Land. Hilfsorganisationen wie das Rote Kreuz betonen, das britische Asylgesetz sei ebenso streng wie anderswo.
  • Sprachbarriere und Community: Vielen Flüchtlingen fällt es leichter, Englisch zu sprechen, als etwa Französisch zu lernen. Manche hoffen, dass Freunde, Familie oder Landsleute in Großbritannien ihnen helfen. In Ballungszentren wie London oder Birmingham gibt es bereits große afrikanische und arabische Gemeinschaften.
  • Unwissen: Vielen Migranten kennen die Asylregeln in der EU nicht und wissen nicht, wo sie Unterstützung finden können. Viel läuft über Mund-zu-Mund-Propaganda: Bei zahlreichen Flüchtlingen, mit denen der Secours Catholique sprach, waren Empfehlungen anderer Migranten ausschlaggebend für den Wunsch, nach Großbritannien zu gelangen.

Frankreich und Großbritannien müssten Hand in Hand arbeiten, um die Grenze zu schützen, sagte Cameron. Er spreche mit Präsident François Hollande regelmäßig über die Lage. Es sei "unglaublich wichtig", die Grenzkontrollen auf der französischen Seite des Kanals zu haben.

"Dass wir helfen können, diese Zäune zu bauen, in Sicherheit investieren, in Partnerschaft mit den Franzosen arbeiten, das hilft." Calais' Bürgermeisterin Natacha Bouchart hatte Großbritannien im Frühjahr vorgeworfen, sich zu wenig zu engagieren, da die Grenze auf französischem Boden sei.

(AFP)
Diskussion
Das Kommentarforum zu diesem Artikel ist geschlossen.