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Interview mit einer Albanerin
"Wer eine Arbeit hat, überlegt zweimal, ob er nach Deutschland geht"

Flüchtlingskrise  – Interview mit einer Albanerin
Ornela Bickert arbeitet als Reiseleiterin und Stadtführerin in Albanien. Sie sagt: "Ich komme im Monat durchschnittlich auf 500 Euro." FOTO: Bickert
Nur aus Syrien kommen noch mehr Asylbewerber als aus Albanien. Wir haben in Albanien angerufen und eine ganz normale Albanerin nach den Gründen gefragt: die 28-jährige Reiseleiterin Ornela Bickert aus der Hauptstadt Tirana. Von Sebastian Dalkowski

Warum kommen seit diesem Jahr so viele Albaner nach Deutschland? Im September waren es rund 6600, das sind 16,4 Prozent aller Menschen, die einen Asylantrag gestellt haben, und Platz 2 nach Syrien.

Ornela Bickert Das hat 2014 im Kosovo angefangen. Dort ist das Gerücht aufgekommen, dass es in Deutschland Arbeit gibt und man dort Asyl bekommen könne. Und von dort hat es sich über Nordalbanien in ganz Albanien verbreitet. Die Zahl der Kosovo-Albaner, die nach Deutschland kommen, sinkt allerdings seit Januar. Deshalb gehe ich davon aus, dass auch die Zahl der Albaner abnehmen wird.

Weshalb?

Viele Albaner haben gesehen, dass der Nachbar nach Deutschland gegangen und nicht zurückgekommen ist. Dann haben sie sich eben auch entschlossen, zu gehen. Aber im September sind die ersten Albaner zurück nach Albanien geschickt worden. Es hat in Deutschland einfach sehr lange gedauert, bis die Anträge geprüft waren, bis zu sechs Monate. Unser Innenminister hat mit Deutschland ein Abkommen getroffen, dass die Prüfung der Anträge nur noch einige Wochen dauert und die Albaner schneller zurückgeschickt werden. Außerdem war Angela Merkel im Juli in Albanien und hat klargemacht, dass es keine Chance auf Asyl gibt.

Dass so viele Albaner nach Deutschland kommen, hat ja mit der wirtschaftlichen Situation in Albanien zu tun.

Das stimmt. Deshalb gehen vor allem die, die keine Arbeit und deshalb nichts zu verlieren haben. Wer eine Arbeit hat, überlegt es sich zweimal, ob er nach Deutschland geht.

Wie schlecht ist denn die wirtschaftliche Situation in Albanien?

Albanien gehört zu den Staaten mit dem geringsten Pro-Kopf-Einkommen in Europa. Der Mindestlohn beträgt 160 Euro pro Monat, das Durchschnittseinkommen liegt bei 350 bis 400 Euro. Wer keine Arbeit hat, bekommt 30 bis 40 Euro pro Monat. Davon kann man auch in Albanien nicht leben.

Sie leben in Tirana. Wenn Sie die Stadt mit einer deutschen Großstadt vergleichen – wie groß sind die Unterschiede?

Tirana hat zwei Seiten. Ein Tirana ist sehr modern und könnte mit Großstädten in der EU mithalten, aber ein Teil am Rand von Tirana ist sehr rückständig.

Wie viel verdienen Sie im Monat?

Ich habe kein festes Einkommen, weil ich Reiseleiterin und Stadtführerin bin. Da bekomme ich 50 Euro pro Tag. 50 Euro pro Tag sind in Ordnung, aber ich habe nicht jeden Tag Arbeit. Im Winter habe ich wenig zu tun. Dann muss ich vom Ersparten leben. Ich würde sagen, ich komme im Monat durchschnittlich auf 500 Euro. Aber das ist besser als der Job, den ich davor hatte.

Wo waren Sie vorher?

In einem Geschäft für Unterhaltungs-Elektronik. Da habe ich 48 Stunden pro Woche gearbeitet und hatte eine Sechs-Tage-Woche. Das heißt, ich hatte nur einen Tag pro Woche frei. Irgendwann nerven die Kunden einfach. Das hat auch zu Konflikten im Privatleben geführt, weil jedes kleine Problem zu einem großen Problem wird. Und das alles für 220 Euro im Monat.

Konnten Sie davon leben?

Eigentlich nicht, weil schon die Miete 300 Euro betrug. Aber ich habe zusammen mit meinem Mann gelebt, der Deutscher ist. So konnten wir die Miete bezahlen. Mein Mann wohnt mittlerweile wieder in Deutschland. Meine aktuelle Wohnung kostet zwar nur noch 160 Euro, liegt aber am Stadtrand von Tirana. Viele Sachen sind in Albanien wahnsinnig teuer.

Was denn?

Lebensmittel. Die kosten überall viel, egal, in welchen Supermarkt man geht. Importierte Lebensmittel wie italienischen Parmesan kaufe ich fast nie.

Wenn ich nach Albanien kommen würde, wo würde ich die Armut sehen?

Dazu müssten Sie aufs Land fahren. Viele Dörfer wurden einfach von den Politikern vergessen. Es gibt dort kaum asphaltierte Straßen, nicht immer Strom, kaum Schulen und Krankenhäuser. In der Landwirtschaft werden noch Pferde eingesetzt.

Sie kommen ja auch vom Land und sind in einer kleinen Stadt aufgewachsen. Wie war das?

Sehr schwierig. Manchmal habe ich eine Stunde gebraucht, um zur Schule zu laufen. Deshalb sind viele Albaner nach Tirana gezogen. Seit 1990 ist die Einwohnerzahl der Stadt stark gestiegen.

Sie ziehen bald zu Ihrem Mann nach Deutschland. In welcher Branche würden Sie in Deutschland gerne arbeiten?

Leider wird mein Abschluss in Geografie in Deutschland nicht anerkannt. Deshalb würde ich gerne wie hier in der Tourismusbranche arbeiten, zum Beispiel als Reiseführerin.

Haben Sie keine Sorge, dass Sie als Putzfrau arbeiten müssen?

Das mache ich niemals. Vielleicht werde ich eine Ausbildung machen müssen, um meine Chancen zu erhöhen.

Was werden Sie am meisten vermissen, wenn Sie nach Deutschland ziehen?

Wenn sich Albaner mit Freunden treffen, dann sitzen sie stundenlang im Café. Die Deutschen haben schon nach einer halben Stunde keine Zeit mehr.

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