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Türkei
Folgt Erdogan Stalins Spuren?

Türkei: Folgt Erdogan Stalins Spuren?
Präsident Recep Tayyip Erdogan. FOTO: ap, TS
Ankara. Putsch und Gegenputsch in der Türkei führen zu schweren Kompetenzverlusten. Eine Analyse. Von Herbert Kremp

Der Militärputsch in der Türkei und der "Gegenputsch" Erdogans stürzen das wichtige NATO-Land in schwere administrativ-personelle Krisen. Massenentlassungen und -bestrafungen rauben dem aufstrebenden Staat einen erheblichen Teil seiner Kompetenz. Das Wort "Säuberung", gemünzt auf Armee, Justiz, Verwaltung und Bildung ist wörtlich zu nehmen. Für sein Ausmaß gibt es kein näheres Beispiel als die Dezimierung der politischen und militärischen Eliten in der stalinistischen Terror-Phase von 1937/38. Der Vergleich stimmt nicht in jedem Detail: Wir sprechen daher von Ähnlichkeiten, die dem Leser bewusst werden, wenn er sich mit dem folgenden Text beschäftigt. Er beruht auf intensiven Studien der russisch-sowjetischen Quellen.

Der "Gegenputsch" besteht nicht in einem simplen Rachefeldzug, sondern in einer endgültigen Trennung der Türkei von ihrem Gründer Mustafa Kemal Pascha (1881-1938), der nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches die Westorientierung des Landes 1918 mit revolutionsartigen Methoden erzwang. Garant der Trennung von Staat und Religion waren seitdem die Streitkräfte. Heute geht es in die Gegenrichtung - die islamische Restauration, als deren Initiator und Führer Präsident Recep Tayyip Erdogan (geb. 1954) gilt. Staats- und Systemumwandlungen dieser Art bedienen sich der Gewalt und sind auf Dauer, auf bündnispolitischen, wenn nicht gar weltpolitische Wandel bemessen.

Josef Stalin (1878-1953) bekämpfte eine Umsturzgefahr, die primär von Führern der Roten Armee und Anhängern des 1924 gestorbenen Lenin ausging. Der Woshd (Führer), wie Stalin preisend genannt wurde, glaubte nicht an den historischen Automatismus der Weltrevolution der Proletariate, sondern an den "Sozialismus in einem Lande", an die Modernisierung der Sowjetunion auf allen Gebieten und mit allen Mitteln der Gewaltpolitik. Stalin fürchtete nicht zu Unrecht die Opposition, die "Fünften Kolonnen", die Trotzkisten (sie beschuldigten ihn des Verrats an der Weltrevolution), die Kamenews und Sinowjews und wie sie alle hießen. Sie erinnerten ihn an die Strelitzen und Bojaren und den doppelten falschen Demetrius in der Zarenzeit. In der russischen Geschichte wimmelt es nur so von Verrat und wilden Aufständen.

Das Jahr 1937 war der Zenit des Terrors, der Revolution von oben, mit der Stalin als moderner Robespierre (1758-1794) die Opposition präventiv vernichtete. Die Reihen der Partei lichteten sich, die Nationalitäten des Landes litten (sie waren gefährliche "Fremde"), Millionen Kulaken - wohlhabendere Bauern - verfielen der Verfolgungsjagd, aus Ingenieuren wurden Saboteure, hunderttausende von Funktionären gerieten, ohne es zu wissen, auf Todeslisten, die von den Geheimdiensten mit Folter und Pistole "abgearbeitet" wurden, Millionen verschwanden in den Gulags bei tödlicher Arbeit. Besonders hart aber traf es die Armee.

Erfahrene Militärführer kamen ums Leben. In den sechs Rangstufen der Generalität von Heer und Luftwaffe verloren 55 Prozent des Bestandes von 1936 das Leben - drei von fünf Marschällen (Tuchatschewski, Blücher, Jegorow) 14 von 15 Armeekommandeuren, 100 von 195 Divisionskommandeuren, 220 von 406 Brigadekommandeuren, alle elf stellvertretende Verteidigungskommissare, die meisten Kommandeure der Luftwaffe und Marine, alle Kommandeure der Wehrbezirke, acht der Militärakademien, 110 Politgeneräle, last not least über die Hälfte des Kriegsrats beim Volkskommissar für Verteidigung. Eine Dunkelziffer bilden jene Offiziere, die bei scharfen Verhören und im Gulag infolge Folter, Krankheit und Selbstmord ihr Leben aushauchten.

Der sensationellste Fall, der im Ausland höchstes Aufsehen erregte, betraf den Chefstrategen Michail N. Tuchatschewski (1893-1937), der mit Charles de Gaulle und dem deutschen General Heinz Guderian zu den Erfindern der "tiefen Operation" mit kombinierten Panzer- und Luftstreitkräften gehörte, die im zweiten Weltkrieg zahlreiche deutsche Siege sicherten. Molotow, seinerzeit Regierungschef, unterstellte dem "äußerst gefährlichen Verschwörer Tuchatschewski und seiner "trotzkistisch-rechten Clique" die Vorbereitung des Umsturzes. In seinen Erinnerungen ("Molotow Remembers", Chicago 1993) behauptete er, der Kreml habe den "Tag des Umsturzes" gekannt, die militärische Revolte sei "in letzter Minute aufgeflogen" (was kein Zeugnis für Wahrheit sein muss).

Höchststrafen gegen Tuchatschewski und sieben weitere hohe Militärs wurden am 16. Juni 1937 verhängt und von einem Peleton im Hofe des Moskauer NKWD-Gebäudes in der Dserschinski-Straße 11 (vormals Lloyds Versicherungen) unter dem ohrenbetäubenden Lärm hochgedrehter Lastwagenmotoren vollzogen. Für Stalin war das Tableau nun geräumt. Er konnte die Führung der Streitkräfte neu besetzen, tat sich aber angesichts des selbsterzeugten Mangels an qualifizierten Führern schwer. Verteidigungskommissar Woroschilow soll er gefragt haben, "ob er noch Leutnants habe, die Divisionen führen können".

Selbst wenn dies erfunden ist, trifft es den Kern. Die Militärtschiska (russ.: Verfolgung) schwächte die Rote Armee, wie es sich unter anderem bei dem sowjetischen Angriff auf Finnland im November 1939 drastisch zeigte. In allen Regierungen und militärischen Stäben der damaligen Zeit entstand der Eindruck, die Sowjetunion sei für Jahre kaum noch kriegsfähig, auf jeden Fall nicht siegfähig. Vielleicht lassen solche Erinnerungen Erdogan von der Wiedereinführung der Todesstrafe Abstand nehmen. Der erfolgreiche deutsche Angriff schien in der ersten Phase vom Juni bis Dezember 1941 die Schwäche zu bestätigen, bevor dann in der Winteroffensive der Generäle Schukow, Konjew und Timoschenko auf der ganzen Breite der Front das Gegenteil sichtbar wurde. Unter Aufwand aller menschlichen und industriellen Kräfte widerlegte Stalin den Anschein der vorausgesagten Niederlage.

Alle haben sich in der Kraft Russlands getäuscht, natürlich auch in der Wirkung der gewaltigen amerikanischen Waffen- und Materiallieferungen, vor allem auf dem Gebiet der Transportmittel (Schienen und Lastwagen). Hitler war an der Aktion gegen die Rote Armee durchaus beteiligt. Als 1937 Gerüchte über den stalinistischen Terror nach Berlin drangen, wusste der Führer, dass in der Fälscherwerkstatt des Reichssicherheitshauptamtes (SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich) Dokumente über eine Agententätigkeit des Marschalls Tuchatschewski, angebliche Agentennummer S-G-UA-6-22, präpariert wurden.

Zugrunde lag eine paradoxe Hand-in-Hand-Arbeit der beiden Geheimdienste: Der NKWD hatte im Spätherbst 1936 gefälschte und echte Unterlagen über eine Militärverschwörung gegen das Stalin-Regime dem deutschen Sicherheitsdienst (SD) zugespielt. Die Deutschen fingierten einen verfänglichen Briefwechsel zwischen dem Marschall und deutschen Armeespitzen, in den man Unterschriften Tuchatschewskis aus der Zeit der deutsch-sowjetischen Militärkooperation (technische Zusammenarbeit mit der Dessauer Flugzeugfirma Junkers) einkopierte. Der Inhalt des Konvoluts betraf Pläne für einen Militärputsch, antikommunistische Restauration, Abtretung der Ukraine - in Zusammenarbeit mit der Reichspolitik, vor allem mit Generalstab und Gestapo.

Das Belegstück für diesen einmalig klingenden "Landesverrat" gelangte aus Berlin in die Hände des tschechoslowakischen Staatspräsidenten Beneš, der es am 26. April 1937 an Stalin weiterreichte. Dann ging es Schlag auf Schlag: Am 11. Mai berichtete die sowjetische Presse über die Ablösung Tuchatschewskis vom Posten des Ersten Stellvertretenden Volkskommissars für Verteidigung, seine Ernennung zum Befehlshaber des Wolga-Bezirks, ein Gang in die Isolation ohne zuverlässige, ihm verpflichtete Truppen. Am 26. Mai wurde er verhaftet.

Herbert Kremp ist Journalist und Publizist. Er war Chefredakteur der Rheinischen Post sowie der "Welt".

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