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Frankreich
Terrorgruppe war bereit für zweite Welle

Frankreich: Terrorgruppe war bereit für zweite Welle
Nach einer stundenlangen Schießerei suchen Beamte in Saint Denis nach Spuren. FOTO: afp, vel
Saint Denis. Die französische Polizei hat wenige Tage nach der verheerenden Terrorserie in Paris womöglich einen weiteren Anschlag verhindert. Bei einem stundenlangen Einsatz fielen 5000 Schüsse.  

Bei einem dramatischen, von heftigen Schusswechseln begleiteten Anti-Terror-Einsatz in der Nähe von Paris nahmen Spezialkräfte am Mittwoch acht Verdächtige fest. Mindestens zwei weitere Terrorverdächtige kamen ums Leben, wie die Staatsanwaltschaft mitteilte. Unklar blieb zunächst, ob der mutmaßliche Drahtzieher der Anschläge vom Freitag, Abdelhamid Abaaoud, unter den Getöteten ist. Staatsanwalt François Molins sagte, Abaaoud sei nicht unter den Festgenommenen. Die Identität der stark verstümmelten Toten sei noch nicht geklärt. Die "Washington Post" sowie der französische Sender RTL berichten indes, Abaaoud sei tot.

Als Spezialkräfte eine Wohnung in Saint-Denis nördlich der Hauptstadt stürmten, sprengte sich eine Frau in die Luft. Ein Mann wurde von Schüssen und Granaten tödlich verletzt. Die Gruppe in der Wohnung sei bereit gewesen zeitnah erneut zuzuschlagen, sagte Molins. Die Polizei habe bei der Erstürmung 5000 Schüsse abgegeben. Mehrere Straßenzüge waren abgesperrt, bis zu 20.000 Menschen saßen in ihren Wohnungen fest.

Nach der Absage des Länderspiels Deutschland gegen die Niederlande in Hannover sagte Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU): "Die Bedrohungslage für Europa und auch für Deutschland ist ernst - wirklich ernst." Nach allem, was bisher bekannt sei, seien die Attacken in Paris das Ergebnis oder Teil einer ersten koordinierten Anschlagsserie der Terrormilliz Islamischer Staat (IS) auf dem Kontinent. Vermutlich seien es nicht die letzten gewesen, sagte er bei der Herbsttagung des Bundeskriminalamtes (BKA).

Paris-Gedenken: Eiffelturm und Riesenrad leuchten in Düsseldorf FOTO: David Young

Die französische Polizei hatte aus abgehörten Telefonaten Hinweise erhalten, dass sich Abaaoud in der Wohnung in Saint-Denis aufhalten könnte. Der meistgesuchte Islamist Belgiens, der für den IS in Syrien gekämpft haben soll, hat marokkanische Wurzeln. Er lebte früher in der Brüsseler Islamistenhochburg Molenbeek.

Seit der Mordserie am vergangenen Freitag kam es in Frankreich zu 414 Hausdurchsuchungen, wie Innenminister Bernard Cazeneuve mitteilte. 64 Personen wurden vorläufig festgenommen, 60 kamen in Polizeigewahrsam. 118 Menschen wurden unter Hausarrest gestellt.

Die Bundesregierung und die deutschen Sicherheitsbehörden verteidigten die kurzfristigen Absage des Fußballspiels. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte, die Sicherheitsbehörden hätten eine verantwortliche Entscheidung getroffen.

BKA-Präsident Holger Münch erklärte: "Diese Absage war unvermeidlich, weil es einen ernstzunehmenden Hinweis auf einen geplanten Anschlag gegeben hat." Der rheinland-pfälzische Innenminister Roger Lewentz (SPD), betonte, es gebe aktuell keine konkreten Terrorhinweise für andere Orte in Deutschland. Die Bedrohung in Hannover sei "sehr isoliert" gewesen. Die Deutsche Fußball Liga erklärte, die Bundesliga-Spiele am Wochenende sollten stattfinden.

Stadion in Hannover evakuiert FOTO: ap, PRO

Die Polizei fahndet auch noch nach dem 26-jährigen Franzosen Salah Abdeslam, den die französischen Ermittler für einen der Attentäter halten. Außerdem könnte nach Informationen aus Ermittlerkreisen möglicherweise noch ein weiterer Terrorist entkommen sein.

Festnahme in Rumänien

Wie erst jetzt bekanntwurde, hatte die ungarische Polizei am vergangenen Samstag den britischen Islamisten und Hassprediger Abu Izzadeen in einem Schnellzug auf dem Weg nach Rumänien festgenommen.
Der 40-Jährige und ein weiterer 44-jähriger britischer Islamist waren aufgefallen, weil sie keine gültigen Reisedokumente vorweisen konnten, berichtete das Portal blikk.hu. Sie hatten in Großbritannien Haftstrafen wegen Terrorunterstützung verbüßt und waren unter der Auflage entlassen worden, das Land nicht zu verlassen.

Auch in Syrien geht Frankreich massiv gegen die IS-Terrormiliz vor, die sich in einer nicht verifizierten Mitteilung zu der Blutbad vom Freitag bekannt hatte. Bei Luftangriffen französischer Jets und Flugzeugen anderer Nationen auf die nordsyrische IS-Hochburg Al-Rakka wurden in den vergangenen drei Tagen mindestens 33 Extremisten getötet. Zudem gebe es Informationen über weitere Opfer, erklärte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Familien hochrangiger IS-Anführer seien wegen der Angriffe aus Al-Rakka gebracht worden.

In Zusammenarbeit mit den USA wolle die Türkei nun auch die rund 100 verbleibenden Kilometer der Grenze zum Nachbarland Syrien schließen, sagte US-Außenminister John Kerry dem Fernsehsender CNN. Es geht um einen Abschnitt, der auf syrischer Seite unter IS-Kontrolle steht.

Flugzeuge von Air France umgeleitet

Zwei Flugzeuge der französischen Fluggesellschaft Air France wurden nach anonymen Drohungen umgeleitet. Eine Maschine sei in Los Angeles gestartet und auf dem Weg nach Paris auf einen Flughafen in Salt Lake City gelotst worden, teilte der Flughafen mit. Eine zweite Maschine mit 298 Menschen an Bord war von Washington nach Paris aufgebrochen, musste aber im kanadischen Halifax wieder landen. Es handelte sich in beiden Fällen um einen Fehlalarm.

Die IS-Terrormiliz will den russischen Passagierjet über dem Sinai mit einer Bombe zum Absturz gebracht haben, die in einer Getränkedose versteckt war. In der aktuellen Ausgabe des IS-Internetmagazins "Dabiq" zeigen die Extremisten ein Bild des angeblichen Sprengsatzes.

Auch die schwedische Sicherheitspolizei sieht eine erhöhte Terrorbedrohung für das eigene Land. Sie hob die Warnstufe von "erhöhte Bedrohung" (3) auf "hohe Bedrohung" (4) an. Es ist die zweithöchste Gefahrenstufe auf der Skala.

(csi/dpa)
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