Staatschef muss vor Gericht: Frauen werden Berlusconi zum Verhängnis
VON PHILIPP STEMPEL - zuletzt aktualisiert: 15.02.2011 - 13:50Düsseldorf (RPO). Die Staatsanwaltschaft aus Mailand macht kurzen Prozess. Italiens skandalumwitterter Ministerpräsident Silvio Berlusconi muss in einem Schnellverfahren vor Gericht. Gekaufter Sex mit einer Minderjährigen und Amtsmissbrauch lauten die Vorwürfe. Die Schlinge zieht sich zu. Es sind insbesondere Frauen, die alles daran setzen, Berlusconi zu Fall zu bringen. Der Cavaliere ist für sie untragbar geworden.
Andere europäische Staatschefs hätten längst zurücktreten müssen. Nur Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi konnte es sich bislang politisch leisten, Skandal an Skandal zu reihen. Doch je mehr sich der selbstverliebte Cavaliere in der jüngeren Vergangenheit in Affären verrannte, desto größer wurde in der italienischen Öffentlichkeit der Unmut. Er reicht längst über die traditionelle Gegnerschaft aus linken Kreisen hinaus.
Vor allem bei den italienischen Frauen hat Berlusconi offensichtlich keine Chance mehr. Die Vorwürfe, er betreibe Sex-Partys mit Minderjährigen hat er stets so abgetan, als nehme er sie nicht ernst. "Ich habe ein furchtbares Leben, ich muss Übermenschliches leisten, arbeite bis halb drei Uhr morgens und stehe um sieben Uhr wieder auf", sagt er und macht sich damit über die Empörung im Land lustig. Da brauche er ab und zu einen entspannenden Abend.
Ihm drohen bis zu 15 Jahre Haft
Nun aber wird er ernst für den Cavaliere. Er muss sich ab dem 6. April in einem Schnellverfahren vor Gericht verantworten. Solche Prozesse, bei denen Voranhörungen entfallen, sind nach italienischem Recht bei ausreichender Beweislage möglich. Die Vorwürfe wiegen schwer. Bei Verurteilung droht Berlusconi bis zu 15 Jahre Haft. Prostitution Minderjähriger wird in Italien mit bis zu drei Jahren Haft bestraft, Amtsmissbrauch mit bis zu zwölf Jahren Gefängnis.
Sex mit Minderjährigen Berlusconi wird zur Last gelegt, die 17-jährige Nachtklubtänzerin Marokkanerin Karima Ruby El Mahroug, Spitzname Ruby, für Sex bezahlt zu haben. Mehrfach soll sie bei ihm in seiner Freuden-Villa in Arcone übernachtet haben. Berlusconi sagt, er habe nicht gewusst, dass das Mädchen minderjährig sei.
Italienische Medien weideten in den vergangenen Wochen lustvoll die pikant bis schmierigen Details über wilde Sexpartys des Regierungschefs aus. Ein Teil der Informationen war abgehörten Gesprächen zwischen Frauen entnommen, die an den Partys teilgenommen hatten.
Für einen möglichst reibungslosen Ablauf der Partys in Arcore soll sich Berlusconi in Mailand gar einen mittelgroßen Harem gehalten haben. Eine "bedeutende Zahl" junger Frauen habe sich gegen Geld für Berlusconi prostituiert, hieß es vor einigen Wochen im Brief der Staatsanwaltschaft an die Abgeordnetenkammer des Parlaments in Rom.
Amtsmissbrauch Später soll er seinen Einfluss genutzt haben, um die Affäre zu vertuschen. Das bedauernswerte Mädchen im Gewahrsam der Polizei sei in Wahrheit die Nichte des ägyptischen Präsidenten Hosni Mubaraks. Die 17-Jährige kam frei, ohne dass auch nur ein Jugendrichter eingeschaltet wurde. Berlusconi streitet die Vorwürfe ab, wittert eine Verschwörung der Justiz, spricht von „subversiven Ermittlern“, die ihn und die Würde Italiens in den Schmutz zögen.
Schon oft ist es Berlusconi es durch politische Winkelzüge gelungen, dem Zugriff der Justiz zu entkommen. So ernst aber wie in diesem Fall, in dem es erstmals um sein Privatleben geht, war es noch nie.
Immer wieder sind es Frauen, die ihm Ärger machen
Es sind Frauen, die ihm zum Verhängnis werden. Noch am Wochenende gingen Zehntausende gegen den offenen Chauvinismus Berlusconis auf die Straße, weil sie sich durch sein Verhalten gedemütigt und entwürdigt sehen. Leitspruch der Demonstration: „Italien ist kein Bordell.“
Neben den wütenden Italienerinnen sind es ausnahmslos Frauen, die Berlusconi nun so zu schaffen machen. Das spielt nicht nur auf den erotischen Dreh- und Angelpunkt der Affäre an, die inzwischen 18-jährige Ruby. Am Dienstag war es in Mailand außerdem die Richterin Cristina Di Censo, die die Anklage inklusive Schnellverfahren zuließ. Und nicht nur das: Die erste Anhörung in dem Prozess soll nach Angaben aus Justizkreisen ausgerechnet vor drei Richterinnen stattfinden.
Und der Eifer der Staatsanwaltschaft geht vor allem auf die rothaarige Ilda Bocassini zurück. „La Rossa“ - „die Rote“, wird sie in den Medien gerufen. Mit der 62-Jährigen ist nicht zu spaßen. Wie energisch und zielstrebig sie vorgeht, hat sie bereits in mehreren spektakulären Prozessen unter Beweis gestellt, unter anderem gegen die Mafia.
Um Berlusconi wird es einsam
Dass Berlusconi sich unter den neuen Umständen an der Regierungsspitze halten kann, gilt als zunehmend unwahrscheinlich. Politische Ziele zu verwirklichen, während man sich öffentlich in einer Sex-Affäre vor Gericht verantworten muss, das können sich wohl selbst Italiener nicht vorstellen.
Vielmehr wenden sich derzeit immer mehr von Berlusconi ab. Dazu zählen neben den Frauen auch Unternehmer und katholische Kreise. Mancher zeigt sich regelrecht angewidert. Die politischen Mehrheiten hat der 74-Jährige zuletzt nur mit windigen Tricks und Mauscheleien erhalten können.
Wider den "Berlusconismus"
Der Widerstand richtet sich inzwischen nicht mehr nur gegen die Person Berlusconi, sondern ein ganzes System der Seilschaften in einer autokratischen Medienrepublik, in dem es vor allem auf den öffentlichen Auftritt ankommt. Das Beispiel Nicole Minetti zeigte unlängst, worauf es in Berlusconi-Land ankommt.
Nachdem der Ministerpräsident im Dezember 2009 durch den Wurf einer kleinen Statue im Gesicht verletzt wurde, reparierte die 25-jährige Zahntechnikerin dem Ministerpräsidenten im Krankenhaus das Gebiss. Minetti gefiel Berlusconi. Heute sitzt die junge Frau für die PdL im Regionalparlament der Lombardei. Noemi Letizia oder das Showgirl Barbara Guerra hofften auf ähnliche Karrieren. „Solange er da ist, haben wir zu essen“, sagte Ruby in einem der abgehörten Telefonate.
Die Vorwürfe gegen ihn hat Berlusconi bislang stets als Verschwörung einer politisch gesteuerten Justiz abgetan. Der Medienunternehmer, der sich aus eigener Kraft vom einfachen Studenten zum reichsten Mann Italiens aufgeschwungen hatte, kündigte bei seinem Einstieg in die Politik an, den Staat wie ein Unternehmen führen zu wollen.
Dieses Versprechen hat Berlusconi gehalten. Bis zuletzt führte der Ministerpräsident Italien wie ein Vorstandschef, der die demokratische Gewaltentrennung als Hindernis empfindet. Nun, wenn es vor Gericht geht, stößt Berlusconis Neigung zum Autokratentum an ihre Grenzen.
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