Terror in Bombay: Geiselnahme im Taj Mahal gewaltsam beendet
zuletzt aktualisiert: 27.11.2008 - 21:03Bombay (RPO). Einen Tag nach den schrecklichen Anschlägen in Bombay hatten sich Terroristen immer noch in zwei Luxushotels verschanzt. Die Geiselnahme im Taj Mahal wurde nach 24 Stunden gewaltsam beendet. Drei Extremisten sollen getötet worden sein. Sicherheitskräfte haben in dem Hotel außerdem drei verdächtige Männer festgenommen.
Unter den drei Männer sei auch ein Pakistaner gewesen. Wie die Nachrichtenagentur Press Trust of India am Abend unter Berufung auf amtliche Angaben meldete, handelte es sich bei dem Pakistaner um einen Mann aus der pakistanischen Stadt Multan. Er und seine Mitkämpfer seien Mitglieder der in Pakistan ansässigen Rebellengruppe Lashkar-e-Taiba, die für die Unabhängigkeit Kaschmirs kämpft. Sowohl Indien als auch Pakistan erheben Anspruch auf die zwischen den beiden Atommächte umstrittene Grenzregion.
Nach Angaben der indischen Armee sind für die Anschlagsserie in Bombay Attentäter aus Pakistan verantwortlich. Islamabad wies entsprechende Vorwürfe entschieden zurück.
Taj Mahal war 24 Stunden lang besetzt
Schwarz gekleidete Kommandotruppen stürmten am Donnerstag das Taj Mahal. In dem Fünf-Sterne-Hotel konnten sich einige Geiseln selbst befreien, andere wurden von der Polizei gerettet. Allerdings wurden auch mehrere Leichen aus dem Gebäude getragen. Aus den oberen Stockwerken schlugen am Donnerstag erneut Flammen, nachdem das Gebäude bereits am Mittwochabend in Brand geraten war.
Die Angreifer, gekleidet in schwarze Hemden und Jeans, stürmten das Hotel am Mittwoch gegen 21.45 Uhr Ortszeit (17.15 Uhr MEZ) und begannen wahllos auf Gäste und Angestellte zu schießen. Augenzeugen zufolge suchten die Angreifer gezielt Briten und Amerikaner. Im Taj Mahal hätten sie gerufen: "Wer hat amerikanische oder britische Pässe?" sagte der Brite Ashok Patel. Dort wohnte auch eine europäische Parlamentariergruppe, die sich retten konnte.
Der Einsatz in dem Hotel Oberoi Trident dauert noch an. Dort halten sich eine Reihe von Hotelgästen, darunter auch Ausländer, entweder versteckt, oder sie befinden sich in der Gewalt der Angreifer. Sicherheitskräfte waren auch an der Nariman-Anlage mit Wohnungen und Geschäftsräumen im Einsatz, in der Bewaffnete vermutet wurden.
Weiterhin sind nach Angaben indischer Sicherheitsbehörden sieben Geiseln aus einem Gebäudekomplex befreit worden, in dem sich auch ein Jüdisches Zentrum befindet. Über die Nationalität der befreiten Geiseln war zunächst nichts bekannt. Es könnten aber Ausländer unter ihnen sein. Das ergab sich aus Fernsehbildern, auf denen eine Gruppe von Menschen zu sehen war, die aus der Nariman-Anlage mit Wohnungen und Geschäftsräumen im Zentrum der Stadt geführt wurden.
Armee kämpft um Geiseln
Am Donnerstagabend hatte die indische Armee einem Großeinsatz gegen die islamistischen Angreifer gestartet. Soldaten und Polizisten drangen in die Luxushotels Taj Mahal und Oberoi Trident ein, in denen sich die Angreifer verschanzt hatten. Im Oberoi Trident wurden weiterhin zahlreiche Geiseln vermutet. Die offenbar gezielt gegen Ausländer gerichteten Überfälle, bei denen auch ein Deutscher ums Leben kam, sorgten weltweit für Entsetzen. Nach indischen Armee-Angaben stammen die Attentäter aus Pakistan, Islamabad wies jedoch jegliche Vorwürfe entschieden zurück.
Einen Tag nach Beginn der Anschlagsserie blieb die Situation in Bombay unübersichtlich. Während der Erstürmung des Oberoi Trident durch die Sicherheitskräfte brach in dem Hotel ein riesiges Feuer aus. Hohe Flammen stiegen aus den Fenstern in den oberen Etagen. Zudem fielen fortwährend Schüsse. Einsatzkräfte hatten zuvor auch das Taj Mahal gestürmt, das bereits in der Nacht gebrannt hatte. Dort wurden nach und nach alle Zimmer durchsucht, in die sich verängstigte Gäste geflüchtet haben könnten, bevor dann die Attentäter getötet werden konnten.
Mehr als 125 Tote
Bei den Angriffen, die am Mittwochabend begonnen hatten, starben laut Polizei mehr als 125 Menschen. In offenbar genau koordinierten Attacken griffen kleine Kampfgruppen Hotels, den Bahnhof, ein Krankenhaus, ein Restaurant und mehrere weitere Orte der Millionenstadt an. Mindestens neun Ausländer waren unter den Opfern, darunter auch ein Münchner Medienunternehmer, dessen Tod in Bayern für Bestürzung sorgte. Knapp 300 Menschen wurden laut Medienberichten verletzt. Nach Angaben des Auswärtigen Amts in Berlin waren darunter auch mehrere Deutsche. Laut Polizei kamen fünf Angreifer ums Leben. Ein weiterer sei festgenommen worden.
"Noch können wir nicht ausschließen, dass weitere deutsche Staatsangehörige unter den Opfern sind", sagte Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) am Abend in Berlin. Das Auswärtige Amt habe einen Krisenstab gebildet, das Generalkonsulat in Bombay sei über Nacht verstärkt worden. Zudem sei ein psychologisches Beratungsteam auf dem Weg, um Opfern und Angehörigen zu helfen.
Zu der beispiellosen Angriffsserie bekannte sich die bislang unbekannte islamistische Gruppe "Deccan Mujahedeen". Einer der Angreifer sagte dem Sender India TV am Telefon, seine Gruppe fordere ein Ende der Angriffe auf Muslime in Indien.
Der indische Premierminister Manmohan Singh vermutete die Drahtzieher der Angriffe im Ausland. Ein ranghoher Militär-Vertreter des Landes erklärte, dass die Angreifer aus Pakistan stammten. "Sie kommen von der anderen Seite der Grenze", sagte General R.K. Hooda. Pakistan forderte seinen Erzrivalen hingegen auf, sich mit Schuldzuweisungen an Islamabad zurückzuhalten. "Unsere Erfahrungen haben gezeigt, dass man mit voreiligen Schlussfolgerungen vorsichtig sein muss", sagte Außenminister Shah Mehmood Qureshi. Indien dürfe niemanden ohne Beweise verdächtigen.
Die indischen Behörden hatten in der Vergangenheit wiederholt Fundamentalisten aus Pakistan für Anschläge verantwortlich gemacht, die in Indien verübt wurden. Ein Sprecher der in Pakistan ansässigen Rebellengruppe Lashkar-e-Taiba (Separatisten-Gruppe aus Kaschmir) bestritt in einem Telefonat mit AFP eine Beteiligung seiner Gruppe. Die beiden Atommächte Indien und Pakistan sind tief zerstritten, besonders über die Kaschmir-Region, auf die beide Seiten Anspruch erheben.
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sprach in einem Kondolenzschreiben an den indischen Premierminister von "verbrecherischen Taten". US-Präsident George W. Bush sprach Singh nach Angaben des Weißen Hauses telefonisch sein Beileid aus.
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