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Tödliche Geiselnahme in Frankreich
Kirchenattentäter trug elektronische Fußfessel

Tödliche Geiselnahme in Kirche in Frankreich
Tödliche Geiselnahme in Kirche in Frankreich FOTO: afp
Saint-Etienne-du-Rouvray. Einer der Kirchenattentäter von Frankreich stand schon länger im Visier von Anti-Terror-Ermittlern. Doch auch eine Überwachung durch elektronische Fußfesseln konnte das Attentat nicht verhindern. An der Arbeit der Behörden hagelt es Kritik.

Der 19-Jährige Adel Kermiche war nach Angaben der Pariser Staatsanwaltschaft im vergangenen Jahr unter Terrorverdacht in Untersuchungshaft genommen worden und vor vier Monaten unter Auflagen wieder freigekommen: Er wurde unter Hausarrest gestellt und durfte seine Wohnung nur vormittags kurzzeitig verlassen. Den Freigang nutze er offenbar zur Tat.

Kermiche war am Dienstagmorgen mit einem zunächst noch nicht identifizierten Mittäter mit Messern bewaffnet in die Kirche von Saint-Etienne-du-Rouvray bei Rouen eingedrungen, in der sich der Priester, drei Nonnen und zwei Gemeindemitglieder befanden. Die Männer töteten den Priester und verletzten einen Gottesdienstbesucher schwer am Hals, wie der Pariser Staatsanwalt François Molins sagte. Die beiden Angreifer, die sich zur Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) bekannten, wurden erschossen.

Gescheiterte Reisen nach Syrien

Attentäter Kermiche hatte laut Staatsanwalt Molins im vergangenen Jahr zwei Mal vergeblich versucht, nach Syrien zu reisen. Der französischen Anti-Terror-Staatsanwaltschaft war er demnach bekannt. Das erste Mal wurde er im März 2015 in Deutschland, beim zweiten Versuch Mitte Mai 2015 in der Türkei festgenommen. Nachdem er von der Türkei nach Frankreich überstellt worden war, wurde Kermiche in Untersuchungshaft genommen, kam aber unter strengen Auflagen mit einer elektronischen Fußfessel wieder frei.

Die Pariser Staatsanwaltschaft hatte damals vergeblich versucht, seine Freilassung zu verhindern. Laut Molins stand Kermiche zum Tatzeitpunkt bei seinen Eltern unter Hausarrest und durfte deren Wohnung nur wenige Stunden am Vormittag zwischen 08.00 Uhr und 12.30 Uhr verlassen. Die Tat beging er gegen 09.30 Uhr.

Kritik an Freilassung

Die Polizeigewerkschaft kritisierte die Freilassung von Kermiche. Die Praxis, Verdächtige unter Auflagen mit Fußfesseln freizulassen, müsse in Fällen "mit jedwedem Bezug zum Terrorismus" beendet werden, sagte der Vize-Generalsekretär der Polizeigewerkschaft Alliance, Frédéric Lagache.

Zuvor hatten bereits Oppositionspolitiker der Regierung Versagen vorgeworfen. Frankreichs konservativer ehemaliger Staatschef Nicolas Sarkozy forderte eine "tiefgreifende Änderung" im Kampf gegen den Terrorismus. Die Vorsitzende der rechtsextremen Front National, Marine Le Pen, machte "all jene, die uns seit 30 Jahren regieren", für die Tat verantwortlich.

Staatsanwalt Molins schilderte den Hergang der schrecklichen Ereignisse in der Kirche. Eine der Nonnen konnte entkommen und die Polizei alarmieren. Diese versuchte, durch eine kleine Tür mit den Attentätern zu verhandeln, die ihre Geiseln als menschliche Schutzschilde missbrauchten. Schließlich verließen die Nonnen und ein Gottesdienstbesucher die Kirche gefolgt von den Attentätern, von denen einer eine Schusswaffe trug.

Wie der Staatsanwalt weiter berichtete, riefen die Angreifer "Allahu Akbar" (Gott ist groß), bevor sie von den Polizisten vor der Kirche erschossen wurden. Beide Männer hatten Sprengstoffattrappen in Aluminiumfolie umgebunden.

Präsident François Hollande machte sich mit Innenminister Bernard Cazeneuve ein Bild von der Lage vor Ort. Die beiden "Terroristen" hätten sich zum Islamischen Staat (IS) bekannt, sagte Hollande. Die IS-Miliz nahm die Attacke für sich in Anspruch: "Zwei Soldaten des Islamischen Staates haben eine Kirche in der Normandie attackiert", erklärte die IS-nahe Agentur Amaq. Es war der erste Anschlag auf eine katholische Kirche in Europa, zu dem sich der IS bekannte.

(crwo/afp)
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