Britischer Premier: Gordon Brown droht ein Partei-Putsch
VON ALEXEI MAKARTSEV - zuletzt aktualisiert: 06.01.2010 - 21:10London (RP). Großbritanniens Regierungschef Gordon Brown und seine Labour-Partei liegen vor den nahenden Unterhauswahlen hoffnungslos gegenüber den Konservativen zurück. Jetzt stellen zwei ehemalige Labour-Minister Browns Führungsrolle offen in Frage.
"So kann es nicht weiter gehen." Mit einem offenen Brief an alle Labour-Abgeordneten im Londoner Unterhaus haben gestern zwei ehemalige Minister die Führungsrolle des farblosen britischen Premierministers Gordon Brown in Frage gestellt. Geoff Hoon und Patricia Hewitt, die unter Browns Vorgänger Tony Blair das Verkehrs- sowie das Gesundheitsressort leiteten, forderten eine Abstimmung darüber, ob der angeschlagene Brown Labour noch als Spitzenkandidat in den nächste Wahl führen soll. Ein verkappter Putschversuch.
Das hatte Gordon Brown gerade noch gefehlt. Der 58-jährige lässt seit Juni 2007 nichts unversucht, um die Sympathie und das Vertrauen der Wähler zu gewinnen. Bislang ohne Erfolg. Brown bleiben jetzt weniger als 150 Tage, um für Labour das Ruder herumzureißen. Der späteste Zeitpunkt für die Wahl ist der 3. Juni. Das letzte Wort über den Termin hat jedoch traditionell der Hausherr in der "Nummer Zehn".
Für den Tory-Chef David Cameron kann die Abstimmung nicht schnell genug kommen. Bislang spielt Brown jedoch die Sphinx: Er wolle sich nicht zum vorzeitigen Startschuss drängen lassen, erklärt der Schotte. Derweil hat der Wahlkampf längst begonnen. Regierung und Opposition umwerben die Wähler mit Geschenken: Die Tories stellen den Briten eine Reform der Entbindungskliniken in Aussicht, dafür verspricht Labour Extra-Unterricht für schlechte Schüler.
Katastrophale Lage der öffentlichen Finanzen
Das alles vor dem Hintergrund der katastrophalen Lage der öffentlichen Finanzen und die schwindende Rolle des Königreichs in der Welt. Die Neuverschuldung betrug 2009 umgerechnet etwa 200 Milliarden Euro. Die EU warnte London, dass seine Wirtschaft – die 2009 um 4,75 Prozent geschrumpft war – zu einem "Risiko" für die Stabilität Europas werden könnte. Brown wird im April wohl einen "spartanischen" Haushalt voller Einschnitte präsentieren müssen.
Zwar hat Labour den Umfrage-Rückstand auf die Tories von 18 auf neun Prozent verkürzt, doch das garantiert noch keinen starken Schluss-Sprint bei der Parlamentswahl. Das große Problem für Labour ist, dass die Wähler die Wirtschaftskompetenz bei den Konservativen sehen. Das bedeutet: Selbst wenn der erhoffte Aufschwung im Frühjahr einsetzt, würde davon wahrscheinlich eher Tory-Chef Cameron profitieren.
Zuletzt schwächte Brown seine Autorität auch noch mit Pannen wie den peinlichen Fehlern in Beileidsbriefen an die Eltern von getöteten Soldaten. Er ließ Führungsstärke vermissen, als der Spesenskandal im Parlament für Schlagzeilen sorgte. In der Partei, die den Verlust der Macht vor Augen hat, rumort es daher immer lauter.
Die neuesten Nachrichten und Berichte aus Politik, Wirtschaft, Panorama, Sport,
Kultur, Gesellschaft, Wissenschaft, Multimedia, Auto,
Reise und Beruf - im Archiv auch gratis recherchierbar. Dazu die besten Bilder,
Live-Ticker, Kolumnen und Hintergrundberichte.