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Ein Besuch bei den KFOR-Soldaten: Halbzeit im Kosovo

VON GREGOR MAYNTZ - zuletzt aktualisiert: 04.05.2007 - 21:23

Pristina/Prizren (RP). Die Bundeswehr versucht nun bereits im achten Jahr, neue Gewalt in der nach Unabhängigkeit strebenden serbischen Provinz Kosovo zu unterdrücken. Der jüngste Besuch von Verteidigungsminister Jung brachte Neues: Eine konkrete Kosovo-Friedensperspektive.

Roland Kather (56) ist ein Mann fürs Robuste. Fast 16.000 Soldaten aus 35 Nationen hören seit acht Monaten auf das Kommando des deutschen Drei-Sterne-Generals, und so oft serbische oder kosovo-albanische Unruhestifter "antesten", ob Kathers Nato-Friedenstruppe KFOR Gewalt im Keim ersticken will und kann, bekommen sie eine entschlossene und massive Antwort.

Jüngst erst wieder mit Straßensperren und der Kontrolle Tausender von Fahrzeugen im Vorfeld von Demonstrationen. 2004 waren derartige provozierende Inszenierungen in blutige Gewalt eskaliert. Das soll der KFOR nicht noch einmal passieren. Kather: "Wir haben unsere Lektion gelernt."

Als Chef der "Kosovo Force" (KFOR) trägt der deutsche Panzergeneral Verantwortung für die Sicherheit sowohl der Soldaten als auch von zweieinhalb Millionen Kosovaren, die sich 1999 blutige Kämpfe untereinander und mit den Serben lieferten. Zwölf Monate ist Kather Chef, und die damit verbundene Aufgabe lässt ihm auch in den Kurzaufenthalten bei seiner Familie keine Ruhe. Ein paar Tage vor Weihnachten oder eine knappe Woche vergangenen Monat.

Aber auch zu Hause lässt ihn der Kosovo nicht los, tigert er unruhig durch die Wohnung, ist mit den Gedanken auf dem Balkan, bis seine Frau ihn mit einem freundlichen "Na dann hau doch wieder ab!" zurück auf seinen Posten schickt. Als 1999 die Nato-Friedensmission begann, war Kather schon einmal Verantwortlich im Kosovo. Damals für den südlichen Abschnitt des Landes, der unter deutscher Federführung steht. Jetzt für die ganze Mission.

Wenn Kather von der Lage des Landes und seinem täglichen Job berichtet, betont er zwar die strikte Neutralität seiner Truppe. Doch dahinter kommt schnell Leidenschaft für die Kosovaren und ihr Schicksal zum Vorschein. Im Vergleich der zurückliegenden acht Jahre und vor allem nach der Erfahrung der letzten acht Monate kommt er fast ins Schwärmen.

"Ruhig und fast schon stabil"

Die militärische Sprachregelung, die Lage sei "ruhig, aber nicht stabil", wandelt er beim Besuch von Verteidigungsminister Franz Josef Jung bei der Truppe in ein flottes "ruhig und fast schon stabil" um. Zwar betont die serbische Seite immer wieder, die Zugehörigkeit des Kosovo zu Serbien sei "eine Frage von Leben und Tod", und Kosovo-Präsident Fatmi Sejdu sagt Jung ins Gesicht: "Die Unabhängigkeit ist das A und O des kosovarischen Volkes, und das bleibt so."

Auch ist Kather bewusst, wie sehr die Emotionen unter der ruhigen Oberfläche brodeln, und dass es ganz schnell brenzlig für seine Soldaten werden kann - wie jüngst erst wieder die Maschinengewehre, Pistolen und Granaten in einem aufgedeckten Waffendepot zeigten. Doch die Stimmung in der Bevölkerung sei längst nicht mehr entlang der Maximalpositionen auszumachen. "Die Leute wollen endlich einen klaren Status, Frieden, Sicherheit und ein bisschen Wohlstand."

Die Situation ist günstig, seit UN-Vermittler Martti Ahtisaari einen Kosovo-Vorschlag auf den Tisch gelegt hat, der keine Zugehörigkeit zu Serbien vorsieht, aber auch keine vollkommene Loslösung. Eher so etwas wie eine international überwachte Autonomie. Nach Gesprächen mit beiden Seiten gewinnen Diplomaten stets den Eindruck, dass es zwischen Pristina, der Kosovo-Hauptstadt, und Belgrad keine Verhandlungslösung geben kann. Da muss schon etwas von der Uno vorgegeben werden.

Ungutes Zeichen drangen in den letzten Wochen aus den Vorverhandlungen: Moskau dachte an ein Nein zum Ahtisaari-Plan, Washington spielte zuletzt mit dem Gedanken, eine einseitig erklärte Unabhängigkeit flugs anzuerkennen - beides hätte den Balkan leicht zum Kochen bringen können. Mit großer Erleichterung wurde deshalb Jungs Andeutung in Pristina aufgenommen, es zeichne sich neuerdings eine einvernehmliche Lösung in der internationalen Kosovo-Kontaktgruppe ab. Möglicherweise werde der UN-Sicherheitsrat noch im Mai mit den Beratungen über eine Kosovo-Autonomie-Resolution beginnen.

Weil es dann nach vielen Jahren der Lähmung ganz schnell gehen könnte, besprachen Jung und Kather mit den kosovarischen Stellen schon einmal die Schritte "nach Resolution": Zuerst 120 Tage "Übergangsphase" bis zum Inkrafttreten des neuen Status. Dann sechs Monate Hineinwachsen einer eigenen Kosovo-Sicherheitstruppe in eine wachsende Zahl von Zuständigkeiten.

Schließlich mindestens fünf Jahre Überwachung der Entwicklung durch die KFOR. Kather bringt von der Nato die Botschaft mit, dass die Kfor bleiben werde, so lange sie nötig sei. Und am derzeitigen Umfang von rund 16.000 plus 300 bis 600 Soldaten mobiler Verstärkungsreserve, werde sich "bis ins Jahr 2008" nichts ändern.

Somit muss sich auch die Bundeswehr darauf einstellen, dass das derzeit bereits 16. Kontingent mit gut 2300 Soldaten im Kosovo-Einsatz längst nicht das letzte gewesen sein wird. Jung kam in den deutschen Sektor mit der regionalen "Hauptstadt" Prizren, um ein funkelnagelneues Einsatzlazarett einzuweihen.

Die seit 1999 hier stehenden Container sind sichtbar in die Jahre gekommen. Deshalb hatte sich die militärische Führung entschlossen, für 7,5 Millionen Euro ein festes Hospital zu bauen. Das entspricht allerhöchsten Ansprüchen, übernimmt nicht nur die Versorgung erkrankter oder verwundeter deutscher Soldaten, sondern steht auch für Kameraden aus den alliierten Einheiten offen. Wenn es die Kapazität zulässt, werden auch Einheimische versorgt. Ausgestattet mit modernsten OP- und Untersuchungstechniken, sind die Ärzte auch online mit den Bundeswehrkrankenhäusern in Deutschland verbunden.

Vertrauensbildende Aktivitäten

Das ist eine von vielen vertrauensbildenden Aktivitäten. Besonders die Deutschen sind mit ihrem Zugehen auf die Nöte der Bevölkerung und mehreren hundert Projekten zivil-militärischer Zusammenarbeit bei Serben wie Albanern beliebt. Hier helfen sie bei der Instandsetzung einer Schule, dort hängen sie eine Glocke in den Kirchturm, hier helfen sie einem umgestürzten Zuckerwaggon wieder auf die Gleise, dort graben sie mal eben einen Abwasserkanal.

Das alles kann die prekäre Situation des größten Teils der Bevölkerung jedoch nicht überdecken. Je nach Region sind zwischen 40 und 80 Prozent arbeitslos. Die Armutsquote liegt bei 50 Prozent. Das ist der Rahmen, in der sich leicht Unruhen provozieren lassen, wenn die Aussicht auf Besserung ausbleibt.

Dennoch ist bei einem Hubschrauberflug über den Kosovo ein Bauboom sondergleichen zu beoachten. Woher das Geld dafür kommt? Zum einen durch die großfamiliären Strukturen, sprich: durch Verwandte, die in Deutschland und anderen EU-Ländern gutes Geld verdienen und das in die Heimat bringen. Zum anderen durch organisierte Kriminalität.

Dieses "OK"-Problem ist eines der größten Handicaps für die Entwicklung des Kosovos. Die mafiösen Strukturen reichen bis tief in die Verwaltungsorganisation. Deshalb ist in dem von Jung und Kather vorgelegten Aktionsplan für die Schritte "nach Erlangen der Unabhängigkeit" eine doppelte EU-Mission fester Bestandteil. Zum einen sollen 1300 Polizisten aus EU-Ländern die UN-Polizisten zunächst ergänzen, dann - zusammen mit Kosovo-eigenen Polizisten - ersetzen. Zum anderen wird es auch eine "Rechtsstaat-Mission" mit gut 300 EU-Helfern geben, um einen korruptionsfreien Justiz- und Strafverfolgungsapparat unterstützen zu können.

Leben im Container

Längst nicht alle Bundeswehrsoldaten haben im Kosovo schon feste Unterkünfte. Viele sind immer noch in den Containern der ersten Stunde untergebracht. Die auf zwei bis drei Jahre ausgelegten Provisorien fangen daher an, sich aufzulösen. Findungsreich helfen sich die Soldaten zumindest bei den Freizeiteinrichtungen selbst, zimmern sich Hütten zusammen oder räumen das heruntergekommene "Camp Casino" gründlich auf, in dem die Bundeswehr mitten in Prizren Präsenz zeigt und bei sich abzeichnenden Unruhen schnell Kräfte zusammenzieht. Bei Regen bekommen die Soldaten derzeit noch nasse Füße in den Unterkünften, doch auch hier zeichnet sich eine dauerhafte Lösung ab.

Die Stimmung im Kontingent ist gemischt. Wer schon zum fünften, sechsten oder siebten Mal für ein halbes Jahr fern der Familie im Kosovo stationiert ist, reagiert auch schon mal frustriert über die unendlich langsame Entwicklung. Doch gibt es auch optimistische Stimmen. Besonders zuversichtlich klingt die des Chefs. "Die Jugend im Kosovo hat einen Hunger auf Bildung, die Universität in Pristina knallt aus allen Fugen, die wollen sich ihre Zukunft nicht mehr durch Gewalt kaputt machen lassen."

Derzeit sei es so friedlich wie selten. In den vergangenen acht Monaten sei im Kosovo nicht mehr passiert als in Berlin, oder Hamburg, oder Frankfurt oder München. Vieles werde medial weltweit aufgebauscht. Der von Serben beklagte Steinhagel auf Schulbusse habe sich bei näherem Hinsehen einmal als Mutprobe von Jugendlichen herausgestellt, beim zweiten Mal als ganz normaler Steinschlag von der Straße her.

Dennoch hätten beide Seiten ein massives Interesse an einem Gewaltverzicht: Die Kosovo-Albaner, weil sie so der Welt am besten beweisen könnten, dass ihnen die Selbstverantwortung für ihr Land zuzutrauen ist, und die Serben, weil sie sich nur so eine europäische Perspektive und europäische Unterstützung sichern können.

Und wie lange halten die Kosovaren selbst die Präsenz von Bundeswehr und KFOR noch für nötig? Frage unserer Zeitung an Kosovos Ministerpräsident Agim Hasan Ceku. Die Antwort: "Bis die Integrationsstufe erreicht ist," also der Zustand vollen Vertrauens sowohl zwischen den kosovarischen Bevölkerungsgruppen als auch zwischen den Staaten der Region. Dabei denkt Ceku nicht in Jahrzehnten: "Das lässt sich in Jahren messen." Nach acht Jahren heißt es also: Halbzeit im Kosovo.


 
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