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Analyse
Warum Frauen besser regieren

Fotos: Hillary wird offiziell um das Präsidentenamt kämpfen
Fotos: Hillary wird offiziell um das Präsidentenamt kämpfen FOTO: dpa, cjg msc
Berlin. Sollte Hillary Clinton die US-Präsidentenwahl gewinnen, werden drei der fünf größten Volkswirtschaften von Frauen geführt. Wo sie an der Macht sind, nimmt die Gewalt ab und läuft die Wirtschaft besser. Das war auch früher so. Von Martin Kessler

Es gibt Statuen, die zeigen eine Frau mit Bart und breiten Schultern - Hatschepsut, der erste weibliche Pharao, musste zu männlichen Attributen greifen, um im alten Ägypten rund 1500 Jahre vor unserer Zeitrechnung zu bestehen. Ihrem Land bescherte diese mächtige Frau eine lange Periode des Friedens und des Wohlstands.

Von "Basta"-Attitüden keine Spur

Angela Merkel ist seit fast elf Jahren Bundeskanzlerin. Auch sie ging in einer männerdominierten Partei ihren Weg. Erst setzte sie sich geschickt von CDU-Übervater Helmut Kohl ab, dann profitierte sie von der Wahlniederlage des Unionsrivalen Edmund Stoiber. 2005 war sie am Ziel. Mit ihrer Mischung aus Bodenständigkeit, politischer Intelligenz und Verzicht auf Machttheatralik prägt sie einen unaufgeregten Politikstil, der bei den Deutschen ankommt. Nicht einmal die Flüchtlingskrise konnte ihr wirklich etwas anhaben. Ein Teil davon ist sicher auf ihren "weiblichen" Führungsstil zurückzuführen: Sie wägt ab, redet mit Betroffenen, lässt Diskussion zu und entscheidet erst dann. Von "Basta"-Attitüden keine Spur. Ihre Ziele verfolgt sie aber mit der gleichen Zähigkeit, die erfolgreichen Frauen in Führungspositionen immer wieder nachgesagt wird.

Theresa May zum Antrittsbesuch bei der Kanzlerin FOTO: ap, TH

Ihre Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen führt den Erfolg Merkels auch auf deren weibliche Eigenschaften zurück. "Die Menschen haben ihr mit sicherem Instinkt den Kosenamen ,Mutti' gegeben", sagte sie einmal. Sie empfinde diesen Begriff "als großes Kompliment an die Kanzlerin". Dass sich die jüngere Christdemokratin ihrerseits selbstbewusst als siebenfache Mutter und Ministerin präsentiert, unterstreicht die Bedeutung weiblicher Eigenschaften für erfolgreiches Regieren.

Hillary Clinton schreibt Geschichte

Auch US-Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton, die erste Frau auf diesem Posten bei einer der großen Parteien, hat ihre Karriere zunächst der ihres Mannes geopfert. Dann hat sie sich mit Zähigkeit auf ihre politische Agenda konzentriert. Jetzt hat sie gute Chancen, erste Präsidentin der USA zu werden.

Die Dritte im Bund der mächtigen Frauen ist Theresa May, die im Juli den Konservativen David Cameron als britische Premierministerin ablöste. Sie hat sich sechs Jahre als harte, aber nicht präpotente Innenministerin bewährt. Am Ende half auch ihr weibliche Klugheit statt männlichem Dominanzverhalten. Gewinnt Clinton die Wahl, werden drei der fünf größten Volkswirtschaften von Frauen geführt. Das gab es in der Geschichte noch nie.

Das ist Theresa May FOTO: dpa, hm pt

Dafür sind dort mehr Beispiele für nachdenkliche und friedfertige Herrscherinnen bekannt als für solche, die mit Armeen ihre Nachbarn bedrohten. Die von Troubadours gefeierte Königin Eleonore von Aquitanien (um 1120-1204) förderte Kultur, Religion und Wirtschaft, bevor sie ausgerechnet von ihrem Ehemann Heinrich II. von England in Hausarrest gebracht wurde. Elisabeth I. (1533-1603) ließ zwar ihre Korsaren spanische Schiffe versenken, aber sie förderte auch Handel und Industrie und leitete Englands Aufbruch zur globalen Wirtschaftsmacht ein.

Auch Frauen sind machtbewusst

So viel Glück hatte Kaiserin Maria Theresia von Österreich (1717-1780) nicht. Sie musste sich des Aggressors Friedrich II. von Preußen erwehren, der ihr das reiche Schlesien raubte. Trotzdem erwies sie sich in diesem Verteidigungskrieg als maßvoll und kompromissbereit. Damit vermied sie Verwüstungen, wie sie ein Jahrhundert zuvor der Dreißigjährige Krieg gebracht hatte. Österreich reformierte sie ebenso behutsam und hielt es so im Konzert der europäischen Mächte - mit eisernem Willen und kluger Diplomatie. Sie brachte sogar den Erzfeind der Habsburger, die französischen Bourbonen, auf ihre Seite.

Es mag Zufall sein, dass seit Jahrzehnten die Zahl der bewaffneten Konflikte abnimmt, während mehr Frauen Staatsämter besetzen. Mehr als 50 weibliche Staatsoberhäupter zählen die Politologen seit Anfang der 70er Jahre. Dazu kommen 60 Regierungschefinnen. Der Soziologe Steven Pinker hat in den vergangenen 30 Jahren eine Abnahme der weltweiten Gewalt empirisch aufgezeichnet. Dazu passt, dass gegenwärtige Konflikte, ob in Syrien, der Türkei oder im Sudan, vornehmlich von Männern provoziert wurden.

Empfindlichkeit und mangelnder Kampfgeist

Klar, auch Frauen an der Regierungsspitze sind machtbewusst, kennen die innerparteilichen Ränkespiele und verdrängen ihre Rivalen auf dem Weg nach oben. Aber oft verzichten sie, anders als ihre männlichen Kollegen, auf Machtdemonstrationen, auf Demütigungen ihrer Gegner. Merkel etwa verschaffte einstigen Gegnern wie Volker Kauder einflussreiche Posten oder lässt Rivalen wie Horst Seehofer gewähren. Einzig Friedrich Merz fühlte sich 2002 von ihr eiskalt aus dem Amt des Fraktionschefs gedrängt. Das lag aber nicht zuletzt an dessen übergroßer Empfindlichkeit und mangelndem Kampfgeist.

Natürlich gibt es auch schwache und erfolglose Frauen in Spitzenämtern. So ruinierte Argentiniens Cristina Kirchner die Wirtschaft, hat die Thailänderin Yingluck Shinawatra ihr Amt als Schatten-Regierungschefin ihres Bruders Thaksin aufgeben müssen oder hat die frühere ukrainische Ministerpräsidentin Julia Timoschenko Teilschuld an den dramatischen Konflikten in ihrem Land. Sie bleiben aber die Ausnahme. Das mag sich ändern, wenn es noch selbstverständlicher wird, dass Frauen regieren. Bis dahin haben sie die Politik aber ein bisschen besser gemacht.

Quelle: RP
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