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Afghanistan: Hunderte Taliban stürmen Polizeikaserne - Jung äußerst besorgt

zuletzt aktualisiert: 31.05.2006 - 11:30

Kandahar (rpo). Die Lage in Afghanistan wird immer unübersichtlicher: Hunderte Taliban-Kämpfer haben sich ein studenlanges Gefecht mit Sicherheitskräften geliefert und anschließend eine Polizeikaserne gestürmt. In Afghanistan wächst die Angst, dass die radikalislamischen Taliban die Macht zurückerobern wollen. Bundesverteidigungsminister Franz-Josef Jung zeigt sich ob der Lage in Afghanistan sehr besorgt.

Jung sprach nach einer Serie von Taliban-Überfällen am Mittwoch in der ARD von "terroristischen hinterhältigen Anschlägen". In der südafghanischen Provinz Orusgan übernahmen hunderte Taliban-Kämpfer die Kontrolle über das Polizei-Hauptquartier im Bezirk Chora. Mutmaßliche Taliban-Kämpfer lockten den Polizeichef der Provinz Sabul, Mohammed Rasul, in einen Hinterhalt und töteten ihn. Der FDP-Abgeordnete Rainer Stinner sagte, entgegen "verbreiteten Meinungen" habe die Bundeswehr in Afghanistan "einen Kampfauftrag".

Es habe in diesem Jahr auf ganz Afghanistan bezogen schon so viele Anschläge gegeben wie im ganzen vergangenen Jahr, sagte Jung. Der Süden und Osten seien "gefährlicher", aber auch der Einsatz im Norden, wo die Bundeswehr derzeit ihre Präsenz verstärkt, sei nicht ohne Risiko. Die Bundeswehr sei bei der Bevölkerung gut angesehen, fügte Jung hinzu. Schwere Kritik am Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr übte unterdessen der Vorsitzende des Bundeswehr-Verbands, Bernhard Gertz. Der Einsatz basiere "nicht auf einem wirklich schlüssigen Konzept", sagte Gertz der "Leipziger Volkszeitung". Die Politik hätte "sehr viel früher eine Bestandsaufnahme machen müssen", warum es in Afghanistan "noch immer keine Aussicht auf einen strategischen Erfolg gibt".

Die Taliban-Kämpfer hätten nach mehrstündigen Kämpfen in der Nacht die Kontrolle über das Polizei-Hauptquartier von Chora übernommen, seien aber "am Morgen wieder abgezogen", sagte Polizeichef Hadschi Rosi Chan. Auch die Bezirksverwaltung von Chora brachten die fundamentalistischen Taliban demnach zeitweise unter ihre Kontrolle. Die Polizei verfügt in zahlreichen Bezirken Orusgans nur über schwache Einsatzkräfte, die sich gegen die starken Einheiten der Taliban nicht durchsetzen können. In den kommenden Wochen sollen in Orusgan rund 1300 niederländische Soldaten stationiert werden.

US-Armee feuert auf Demonstranten

Zwei Tage nach den blutigen anti-amerikanischen Unruhen in Kabul räumte die US-Armee ein, dass ihre Soldaten dabei zahlreiche Schüsse abgefeuert hätten. Die Soldaten hätten "ihre Waffen zur Selbstverteidigung eingesetzt", aber über die Köpfe der aufgebrachten Menge geschossen, sagte Armeesprecher Tom Collins. Nach Augenzeugenberichten waren bei den Auseinandersetzungen vier Menschen getötet worden. Ein tödlicher Unfall, der durch ein defektes US-Armeefahrzeug verursacht worden war, hatte die schwersten Unruhen in Kabul seit dem Sturz des Taliban-Regimes Ende 2001 ausgelöst.

Die Organisation Pro Asyl forderte angesichts der unsicheren Lage, die Abschiebung von afghanischen Flüchtlingen sofort zu stoppen. Die Hilfsorganisation Malteser International erklärte, sie habe aus Sorge um die Sicherheit der Mitarbeiter die Betreuung der Hilfsprojekte für Rückkehrer im Zentrum Afghanistans vorerst ausgesetzt.

Der Terrorismusforscher Rolf Tophoven äußerte in der "Neuen Osnabrücker Zeitung" die Einschätzung, die Taliban planten einen "langen Marsch auf Kabul". Der FDP-Politiker Stinner, der dem Verteidigungsausschuss angehört, warnte vor der Annahme, die Bundeswehr sei in Afghanistan "nur für den Aufbau zuständig" und "Kampfhandlungen würden andere machen". Er sagte dem Sender n-tv: "Wir befinden uns mitten in einer Kampfoperation."

Quelle: ap

 
 
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