Besuch des Kundus-Lagers in Afghanistan: Im Kampf gegen Taliban und Bürokratie
VON GREGOR MAYNTZ - zuletzt aktualisiert: 30.05.2010 - 13:32Kundus (RP). Sechs Wochen ist her, da ist der siebte Bundeswehr-Soldat des deutschen Lagers bei Kundus in Nordafghanistan gefallen. Unser Redakteur Gregor Mayntz hat die Soldaten besucht und berichtet aus einem Land, in dem selbst hinter Kindern Feinde lauern können - und die Soldaten nicht nur mit den Taliban, sondern auch der alltäglichen Militärbürokratie kämpfen.
Beinahe lässt sich an einen beschaulichen Klosterkreuzgang denken. In dem kleinen Innenhof gedeiht das gut gewässerte Grün prächtig. Die Rosen blühen neben den Stechpalmen, und am Boden rascheln ein paar Schildkröten. Doch die Idylle trügt. Vor den Fenstern zum Hof türmen sich die Sandsäcke. Und die Männer, die über die Gänge gehen, tragen keine Mönchskutten, sondern Pistolen und Gewehre. Das Bundeswehrlager Kundus in Nordafghanistan - sechs Wochen nachdem dieses deutsche Kontingent den siebten gefallenen Kameraden zu beklagen hatte.
Von Ruhe keine Spur. Ringsum werkeln viele afghanische Arbeiter mit Beton und Steinen. Sie sorgen dafür, dass immer mehr Soldaten aus den Zelten in besser geschützte Unterkünfte wechseln können. Für gut 500 Bewohner war das Wiederaufbauteam in Kundus ursprünglich konzipiert. Jetzt sind es über 1400, demnächst werden es 1600 sein, die von hier aus versuchen sollen, den Norden des Landes zu stabilisieren. Aber auch der Anschein von Stabilität trügt. Gerade landen wieder Rettungshubschrauber, bringen verwundete afghanische Soldaten zur Behandlung in den deutschen Sanitätsbereich.
Erst vergangene Nacht gab es wieder Raketenalarm, wurden die Soldaten aus leichtem Schlaf in dunkler Umgebung gerissen, bereiteten sich darauf vor, in Schutzräume einzurücken. Auch die sind natürlich nicht für 1400 Soldatinnen und Soldaten ausgelegt. „Extrem rustikal“ sei das Erlebnis auf so engem Raum über Stunden dicht an dicht zu stehen. Vielleicht ist es diese Vorstellung, die die Taliban reizt, immer wieder Raketen zu zünden.
Hellmut Königshaus ist noch keine zehn Tage im Amt des Wehrbeauftragten des Deutschen Bundestages. Der Flug nach Kundus ist sein erster Truppenbesuch. Heftigen Druck auf die Magengegend auslösend hat sich der Transall-Truppentransporter mit Königshaus an Bord sturzflugartig über dem Flugfeld auf den Boden geschraubt. Vorsichtsmaßnahmen. Bloß kein gemächlicher Sinkflug! Wer weiß, wo die Taliban abschussbereit warten? Wer mag ihre Anzahl schätzen? Sind es 300, 500, 700, die den Bewohnern und den Gästen aus Deutschland das Leben in dieser Region schwer machen? Und sollen auch die dazu gezählt werden, die für ein paar Dollar nach Feierabend die Kalaschnikow in die Hand nehmen? Der Feind lauert überall. Auch hinter fröhlich winkenden Kindern.
Die 29-jährige Sanitätstruppführerin Christine R. aus Schleswig-Holstein erzählt dem Wehrbeauftragten beim Mittagessen, wie sie vor zwei Wochen auf einer Anhöhe unter massiven Beschuss geriet. Zwei das Umfeld beherrschende Erhebungen haben afghanisches Militär und Bundeswehr dem Herrschaftsbereich der Taliban entrissen. Jetzt sind vorgeschobene Posten der Bundeswehr hier stationiert. Immer für eine Woche, Tag und Nacht, Nacht und Tag. Dann werden sie abgelöst. Wieder für eine Woche. Die Temperaturen klettern leicht auf 38 Grad im Schatten. Wo Schatten ist. Und wenn es regnet, und es regnet in diesem Frühjahr so viel wie seit 30 Jahren nicht mehr, dann flüchten sich Giftschlangen und Skorpione in die Zelte und Stiefel und Jacken der Soldaten.
Königshaus will mit diesem schnellen Besuch mitten im umkämpften Gebiet nicht nur ein Zeichen der Solidarität setzen. Er will auch lernen. Was folgt aus dem Tod der sieben Kameraden? Haben die Soldaten schon die optimale Ausrüstung? Den besten Schutz? Schließlich drängt die Zeit. Es ist wieder eine Phase des Umbruchs. Die Afghanistan-Schutztruppe ändert erneut ihre Taktik, will an der Seite der afghanischen Partner in der Fläche Präsenz zeigen. In vertraulichen Gesprächen erfährt der Wehrbeauftragte, was die Soldaten alles erleben, die mit der heimischen Nationalarmee ins Gefecht ziehen. Und die sich deshalb über abgelehnte Anträge, gelinde gesagt, „wundern“: Da hat der Kommandeur einer solchen Begleiteinheit das Glück, unter seinen Soldaten auch einige ausgebildete Rettungsassistenten zu haben. Was läge also näher, angesichts der realen jederzeitigen Kampfgefahren ihnen Sanitätsmaterial an die Hand zu geben? Doch aus Berlin kommt dazu nur ein „Nein“. Schließlich seien die Kameraden nur als Mentoren eingesetzt und nicht als Sanitäter. Heiliger Bürokratius! Königshaus will das nächste Woche noch mal mit der Bundeswehr-Führung besprechen.
Der Wehrbeauftragte hört aufmerksam zu. Stunde um Stunde. Warum die Rettungsfahrzeuge jetzt ohne Rot-Kreuz-Lackierung in den Einsatz ausrücken? Weil die Taliban das Rote Kreuz immer wieder zum bevorzugten Ziel genommen haben. Wie die Soldaten sich auf ihren tagelangen Patrouillen ernähren und wie sehr sie sich auf Grillfleisch nach ihrer Rückkehr freuen und warum das rationiert ist. Wo der Schutz im Feuergefecht fehlt und wie man ihn zumindest als Provisorium verbessern kann. Und wie die Soldaten immer wieder auf „Marketender“-Artikel warten müssen, auf ein bisschen Freizeitgefühl zum Kaufen aus der privaten Geldbörse. Doch die von der Bundeswehr mit dem Nachschub beauftragten Privatfirmen scheuen den teuren Lufttransport, warten lieber, bis sie so viele Nachbestellungen zusammen haben, dass ein Container für den Landtransport voll wird – mit der Folge, dass die im November benötigten Adventsartikel im Mai endlich da sind.
Während in Deutschland über einen baldmöglichen Abzug der Bundeswehr aus Nordafghanistan diskutiert wird, richtet sich der Wehrbeauftragte darauf ein, diesem Besuch noch viele weitere folgen zu lassen. Durch den Norden werden zentrale Nachschubwege für das ganze Land ausgebaut. Die ziehen die Taliban an wie Honig die Fliegen. Deshalb will Königshaus auch nicht locker lassen mit seinen Initiativen für schwer gepanzerte Waffen. Die Kanadier hätten mit deutschen Panzern die Zahl ihrer Verluste drastisch verringern können. Und die Kanadier verstünden deshalb nicht, warum es die Deutschen nicht selbst tun.
Schnell senkt sich die Nacht über Kundus. Die unbeleuchteten Zelte sind im Mondschein gut zu erkennen. Werden die Gäste aus Deutschland durchschlafen können? Oder bereiten die Taliban gerade wieder einen Raketenabschuss vor?
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