So läuft es wirklich im Ausbildungslager: Im Staub mit den US-Marines
VON FRANK HERRMANN - zuletzt aktualisiert: 25.11.2009 - 13:20Parris Island (RP). Auf Parris Island, einer Insel vor South Carolina, drillt das amerikanische Militär seit 1891 seine Rekruten. In der zwölfwöchigen Grundausbildung sollen die jungen Soldaten gebrochen und dann komplett neu "zusammengesetzt" werden. Ein Besuch auf dem "Ledernacken-Platz".
Nur noch eine Querstange weiter hangeln, noch ein letzter Klimmzug, dann ist es geschafft. Aber dem Rekruten fehlt einfach die Kraft, um sein Kinn über die Stange zu ziehen. Verzweifelt spannt er die Muskeln an, die Anstrengung verzerrt sein Gesicht, er stöhnt und keucht und versucht es mit einem gellenden Indianerschrei – alles vergebens. "Los, runter mit dir!", brüllt sein Drill-Sergeant. Und weil der Rekrut vergisst, nach dem Sprung wie vorgeschrieben in den Dreck zu greifen, zieht er sich ein zweites Mal den Zorn seines Ausbilders zu. "Nieder mit dir!" – "Aye, Sir!" "Und mach das Maul auf!" – "Aye, Sir! Marine Corps, Sir!"
Sie schreien sich heiser
Es ist früh um halb acht, in einem Kiefernwald steigt in dünnen Schwaden der Nebel auf. Auf einer Hindernisbahn quälen sich an die 100 Teenager, die Köpfe kahlgeschoren, die Hemden nassfleckig durchgeschwitzt. Sie klettern an Seilen über haushohe Holzwände, stemmen sich vorwärts an Barren mit schrägen Holmen, winden sich durch Reihen quer liegender Baumstämme, den Körper mal über, mal unter dem Stamm. Sie üben Nahkampf und Liegestütze, werden von ihren Vorgesetzten niedergebrüllt und schreien sich selber heiser. Ledernacken-Platz heißt die Lichtung, Vertrauensbildung der Kurs.
An die Schmerzgrenze gehen, das ist es, was die 18-Jährigen lernen sollen. Sie sollen ihr Ego vergessen, funktionieren und reagieren wie Roboter, Kommandos erwidern wie im Schlaf – weshalb der physische Stress ergänzt wird um psychischen Druck. Oft treten die Drillmeister so dicht an ihre menschliche Knetmasse heran, dass die Jungs ihren heißen Atem spüren. "Irak!", brüllt ein Muskelpaket, dessen Arme mit Tattoos bedeckt sind. "Irak – ist – Falluja – Sir!" "Afghanistan!" – "Afghanistan – ist – Kandahar – Sir!" Der Tätowierte nennt es einen Wissenstest. Es ist nicht sicher, wessen Stimmbänder eher schlapp machen: seine oder die seiner Rekruten. Morgens und abends, verrät er, gurgelt er mit Zitronensaft.
Quälerei mit Methode
Die Quälerei auf dem Ledernacken-Platz ist keine Entgleisung, sie hat Methode, erprobt seit 1891, seit das Militär Beschlag nahm von Parris Island, einer feuchten, knapp 33 Quadratkilometer großen Insel vor South Carolina. "Wer Marinesoldat werden will, wird gebrochen und neu zusammengesetzt", sagt Feldwebel Jesabel Hamler, eine der Frauen unter den Schleifern. "Ja, gebrochen. Man muss sie brechen, sonst kann man keine Marines aus ihnen machen." Das Prinzip "Vergiss dein bisheriges Leben" – die Neuen erleben es ab dem Moment, in dem sie sich vor einer chromblitzenden Eingangstür aufstellen, über der steht, dass jeder nur einmal durch dieses Portal geht, nie zweimal.
Nach Mitternacht spucken Busse ihre Ladung aus, junge Männer mit normal langen Haaren, die todmüde sind und wach bleiben müssen, bis die Sonne aufgeht. Sie stehen stramm auf gelben Fußstapfen und werden das erste Mal zusammengestaucht: "Das Wort ‚ich' könnt ihr aus eurem Vokabular streichen. Hier gibt es nur noch ‚dieser Rekrut'." Hinten kommen sie mit kahlen Köpfen heraus, in den Händen Tüten voller Wundsalbe, Mullbinden und Heftpflaster. Brillenträger müssen ihre Brillen hergeben und bekommen dafür gewollt hässliche Einheitsgestelle, im Slang Bullaugen genannt. Was folgt, sind zwölf Wochen Grundausbildung.
Härte, Disziplin, Korpsgeist
Zwölf Wochen gnadenloser Schinderei sind das, zwölf Wochen Aufstehen um vier, bis 20 Uhr robben und schießen und schwimmen in voller Montur, trainieren für den "Crucible", einen knochenharten 54-Stunden-Marsch. Sandflöhe piesacken, im schwülheißen Sommer Moskitoschwärme. Nur kurz wird die Tortur unterbrochen von Lehrstunden über glorreiche Schlachten – 1847 in Chapultepec gegen die Mexikaner, 1898 in der Bucht von Guantánamo gegen die Spanier, 1945 auf der Pazifikinsel Iwo Jima gegen die Japaner.
Wo immer die USA in den Krieg ziehen, sind es die Marines, die die ersten Schneisen schlagen. "The few, the proud" – eine Elitetruppe der Wenigen, der Stolzen. "Semper fidelis" ("Immer treu") lautet ihr Motto. Einmal Marine, immer Marine, wird ihnen eingeschärft. Hier sind Rasse oder Religion kein Thema, alles dreht sich stattdessen um Härte, Disziplin, Korpsgeist.
Die stolzen Verwandten
Früh werden die Werber auf Schüler angesetzt, die fit sind und Interesse an den Marines bekunden. Schließlich gilt der Job beim Militär als krisensicher. Und: Das Militär zahlt auch das Studium, durchschnittliche Gebühren von 30.000 Dollar pro Jahr, womit die Uni für Kinder kleiner Leute überhaupt erst erschwinglich wird, falls sie nicht hochbegabt sind und ein Stipendium ergattern. Wer eine Uniform trägt, ist zudem krankenversichert; bleibt er 20 Jahre dabei, sogar bis ans Lebensende.
"Graduation Day" – die zwölf Wochen Quälerei sind vorüber. Militärmusik, Dixie-Klänge, Flaggenhissen, ein Massengebet, historische Säbel werden gezeigt. Auf dem Appellplatz marschieren 534 Drill-Geprüfte auf, 407 Jungen und 127 Mädchen; ein Zehntel ihrer Gefährten ist vorher ausgeschieden. Auf der Tribüne jubeln Väter und Mütter, Omas und Opas, Onkel und Tanten, die auf die Frage nach ihren Gefühlen alle das Gleiche sagen, nämlich, dass sie stolz sind.
Bei Absolvent Bobby Demarco war eine Art Gruppendynamik am Werk: Sieben Kumpels seiner Boxschule in Massachusetts gingen mit ihm nach Parris Island. Wie ein Preisboxer baut er sich zum Foto im Kreise seiner Familie auf. Bei den Demarcos merkt man, was sich an wahren Gefühlen verbirgt hinter der Mauer aus echtem Patriotismus und gekünsteltem Pathos, hochgezogen von den Generälen – weil der Wall Zweifel entkräften soll. Irgendwann beginnt Bobbys Tante Michelle zu erzählen, welche Angst ihr in den Gliedern steckt, seit ihre Tochter Nicole im Irak stationiert ist. Tränen schießen ihr in die Augen. "Du hast keine ruhige Minute mehr, es nimmt dein ganzes Leben in Beschlag", sagt sie. Schon 2003 habe ihr die Tochter reinen Wein eingeschenkt: "Mom, glaub' nicht, was sie in den Nachrichten bringen. Es ist alles viel schlimmer."
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum