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Interview mit Stabschef Karl-Heinz Lather: "In Afghanistan droht mehr Gewalt"

zuletzt aktualisiert: 31.03.2009 - 14:34

Berlin (RPO). Karl-Heinz Lather ist einer der ranghöchsten deutschen Soldaten bei der Nato. Er sieht neue Kämpfe auf die Truppen in Süd-Afghanistan zukommen. Und er glaubt: Ohne Einbindung der Taliban und Befriedung Pakistans wird es keinen Frieden in Afghanistan geben.

General Karl-Heinz Lather.  Foto: RPO
General Karl-Heinz Lather. Foto: RPO

Die geplante Truppen-Aufstockung der Amerikaner in Afghanistan wird kurzfristig zu mehr Gewalt führen. Davor warnt General Karl-Heinz Lather, Stabschef im Nato-Hauptquartier Europa.

Die Nato wird 60. Ist sie noch gut in Form?

Lather: Die Allianz ist zwar 60 Jahre älter geworden, aber trotz aller Krisen und Probleme immer noch vital und attraktiv. Sie garantiert Sicherheit und Stabilität weit über das Bündnisgebiet hinaus, operiert zur Zeit mit mehr als 77 000 Soldaten auf drei Kontinenten. Das macht die Nato einzigartig und erklärt, warum immer neue Staaten beitreten wollen.

Info
Zur Person

Karl-Heinz Lather (60) ist seit September 2007 Stabschef im Nato-Hauptquartier Europa, dem Supreme Headquarters Allied Powers Europe (Shape). Er ist somit einer der ranghöchsten deutschen Soldaten in der Nato. Lather ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Die Allianz bekämpft Terror ebenso wie Piraten. Droht sie sich zu übernehmen?

Lather: Das Bündnis ist nur so stark wie die Summe seiner Mitgliedsstaaten. Angesichts der Finanzkrise wird die Allianz künftig noch heftiger um die ohnehin knappen Mittel der Partner kämpfen müssen. Das macht eine deutliche Prioritätensetzung erforderlich.

Also kein Weltpolizist Nato?

Lather: Die Nato wird keine globale Sicherheits-Agentur quasi als Ersatz für die Vereinten Nationen sein. Und eine ihrer Kernaufgaben bleibt natürlich die kollektive Sicherheit der nordatlantischen Partner.

Sind Aufrüstungsdrohungen Moskaus ein Hindernis für die von der Nato angestrebte Normalisierung der Beziehungen nach dem Georgien-Krieg?

Lather: Wenn man den Nato-Russland-Rat wiederbelebt, müssen beide Partner den Dialog wollen. Stellt einer gleichzeitig nukleare Aufrüstung in Aussicht, sorgt das nicht unbedingt für ein gutes Verhandlungs-Klima. Ich hoffe aber, dass es sich bei den Plänen vor allem um eine innenpolitisch motivierte Befriedungs-Aktion des russischen Präsidenten handelt, die so nicht umgesetzt wird. Klar ist: Sicherheit im euro-atlantischen Raum gibt es ohne Moskau nicht. Deshalb ist Russland ein wichtiger Partner – in Afghanistan ebenso wie beim Kampf gegen den Terror.

Apropos Afghanistan: Die Amerikaner verändern dort ihre Strategie, schicken 17 000 zusätzliche Soldaten. Bringt das mehr Sicherheit?

Lather: Kurzfristig wird eine Aufstockung der Isaf-Truppen durch die Amerikaner und andere zu einer Spitze in den Auseinandersetzungen mit den Taliban vor allem im Süden führen. Aber dann rechne ich mit einer deutlichen Stabilisierung der Sicherheitslage.

Muss sich auch Deutschland auf Forderungen nach mehr Einsatz am Hindukusch einstellen?

Lather:Über das verstärkte zivile und militärische Engagement der Amerikaner hinaus sind zusätzliche Anstrengungen der Bündnispartner notwendig – sei es bei Soldaten, beim Wiederaufbau oder der Ausbildung der afghanischen Streitkräfte sowie der Polizei. Die Debatte um eine faire Lastenverteilung im Bündnis ist noch nicht vorbei, aber die Schuldzuweisungen der Bush-Ära an einzelne Staaten wird es unter Präsident Obama wohl eher nicht mehr geben. Es geht darum, dass jedes Land das beiträgt, was es kann.

Amerikas umfassender Ansatz setzt auf einen Dialog mit Pakistan. Richtig?

Lather: Absolut. Wir haben Afghanistan zu lange mit dem Brennglas wie eine Insel betrachtet. Das Grenzgebiet zu Pakistan ist ein Rückzugsraum für die Taliban und al Qaida. In den Flüchtlingslagern dort rekrutieren sie Kämpfer. Deshalb gibt es keinen Sieg gegen die Aufständischen ohne Lösung für das afghanisch-pakistanische Grenzgebiet.

Die USA wollen auch mit moderaten Taliban reden. Gibt es die?

Lather: Ich würde es so sagen: In dem Moment, wo jemand der Gewalt abschwört, die Waffen niederlegt und sich zur afghanischen Verfassung bekennt, ist er ein Verhandlungspartner. Klar ist auch: Der alte Gegner muss irgendwann in die Zukunft eines Landes eingebunden werden. Eine Aussöhnung ist für Stabilität nötig – das lehrt die Geschichte, zum Beispiel von Nordirland oder Südafrika.

Darf die Nato Drogenbarone töten?

Lather: Die Drogenbekämpfung ist eine primär afghanische Aufgabe, die die Nato unterstützt. Dabei geht es vor allem darum, nicht den Bauern durch das Abbrennen von Mohnfeldern ihre Lebensgrundlage zu nehmen, sondern weiter oben anzusetzen. Dafür sollen die bestehenden rechtlichen Möglichkeiten extensiv genutzt werden. Soweit Einzelpersonen, die Sie Drogenbarone nennen, direkt den Gegner unterstützen, können sie direkt und gezielt bekämpft werden.

Wann könnten die internationalen Truppen aus Afghanistan abziehen?

Lather: Das sind Prozesse, deren Dauer man nicht vorhersagen kann. Afghanistan ist schwieriger als die Situation, die die Nato auf dem Balkan vorgefunden hat – und auch dort ist sie schon 15 Jahre.

Anja Ingenrieth führte das Gespräch.

Quelle: RP

 
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