Anschläge in Bombay: Indien vom Terror überschattet
zuletzt aktualisiert: 30.11.2008 - 15:13Bombay (RPO). Als Konsequenz aus den Terrorüberfällen in Bombay ist der indische Innenminister Shivraj Patil am Sonntag zurück getreten. Ministerpräsident Manmohan Singh hat die Vorsitzenden aller großen Parteien zu einer Krisensitzung eingeladen. Zudem hat er sich nach dem Ende der Geiselnahmen am Samstag mit den Chefs der Streitkräfte sowie des Geheimdienstes beraten.
Der für die innere Sicherheit zuständige Minister Shivraj Patil hat seinen Rücktritt eingereicht. Damit zog der unbeliebte Politiker die Konsequenzen aus den Attentaten. Der indische Regierungschef Manmohan Singh hat sich nach dem Ende der Geiselnahmen am Samstag mit den Chefs der Streitkräfte sowie des Geheimdienstes beraten. Der Premierminister fordere einen genauen Bericht der Angriffe, sagte ein Mitarbeiter. Es gehe darum, wie solche Gewalttaten in Zukunft verhindert werden könnten. Am Donnerstag hatte Singh "ausländische Kräfte" für die Angriffe verantwortlich gemacht, bei denen mindestens 195 Menschen starben.
Kabinett trifft sich zur Krisensitzung
Außerdem hat der Ministerpräsident die Vorsitzenden aller großen Parteien zu einer Krisensitzung eingeladen. Auch in Pakistan kam das Kabinett in einer Sondersitzung zusammen, um über die Vorfälle in Bombay zu reden. Die pakistanische Regierung hat mitgeteilt, nun doch nicht den pakistanischen Geheimdienstchef Ahmed Shuja Pasha zur Untersuchung der Anschlagsserie in der indischen Metropole Bombay zu entsenden. Stattdessen werde ein einfacher "Vertreter" des Geheimdienstes ISI nach Indien reisen, hieß es in einer Erklärung am Samstag. Ein Armeesprecher hatte wenige Stunden zuvor gesagt, dass die zugesagte Entsendung nicht mit der pakistanischen Armee abgesprochen worden sei. Der mächtige pakistanische Geheimdienst untersteht dem Verteidigungsministerium.
Indiens Premierminister Manmohan Sing hatte seinen pakistanischen Kollegen Yousuf Raza Gilani in einem Telefonat am Freitag darum gebeten, den pakistanischen Geheimdienstchef zu Ermittlungen nach Bombay zu entsenden. Ebenso wie Pakistans Staatschef Ali Asif Zardari hatte Gilani der indischen Regierung angeboten, bei der Aufklärung der Anschlagsserie mit mindestens 195 Toten und 295 Verletzten behilflich zu sein.
Der indische Außenminister Pranab Mukherjee hatte erklärt, die Drahtzieher der offenbar gezielt gegen Ausländer gerichteten Angriffe auf Luxushotels, ein Restaurant, einen Bahnhof und andere Ziele in Bombay seien nach ersten Erkenntnissen in Pakistan zu suchen. Der Nachbarstaat wies jegliche Vorwürfe zurück und verurteilte die Taten.
Erstes Terror-Ziel wieder geöffnet
Es war das erste Ziel der islamistischen Terroristen in Bombay, jetzt ist das Café Leopold wieder geöffnet: Als die ersten Gäste und Journalisten am Sonntag in das Café stürmten, brachen die Angestellten spontan in Beifall aus, einer rief trotzig: "Gott segne Indien". "Das ist unsere Botschaft an die Terroristen: Wir haben gesiegt, nicht ihr", sagt Besitzer Farzad Jehani.
Pünktlich um zwölf Uhr mittags öffnen Jehani und sein Bruder Farhang die Läden des 137 Jahre alten Cafés, überwältigt von den Scharen von Gästen und Medienvertretern. Der erste Kunde, der 39-jährige Saleem Sharifally, bestellt für sich ein Bier und eine Cola für seinen sechsjährigen Sohn Ali - ganz, als wäre es wie immer, als wären hier nicht vier Tage zuvor zehn Menschen getötet worden. "Das ist ein Zeichen", sagt er. "Bombay kehrt zurück zur Normalität". So ganz stimmt es allerdings noch nicht: Schon nach einer halben Stunde schließt die Polizei das Lokal wieder - sie fürchtet, in dem Ansturm die Kontrolle zu verlieren.
Mit Bedacht hatten die Angreifer das Café Leopold als ihr ersten Ziel gewählt. Schon immer war das gemütliche Lokal ein Favorit westlicher Urlauber. Doch seit es als Schauplatz im Roman "Shantaram" des ehemaligen australischen Bankräubers und Gefängnisausbrechers Gregory David Roberts auftaucht, gehört es zum "Muss" aller Rucksack-Touristen, wenn sie in die indische Metropole kommen.
Taj-Mahal-Betreiber wurde vor Anschlägen gewarnt
Die Betreiber der Hotels Taj Mahal sind im Vorfeld der blutigen Anschläge in Bombay vor Attentaten gewarnt worden. Daraufhin verschärfte Sicherheitsmaßnahmen seien jedoch kurz vor den Angriffen am Mittwochabend wieder ausgesetzt worden, sagte Hotelbesitzer Ratan Tata.
Diese Vorkehrungen hätten das Eindringen der Attentäter jedoch nicht verhindern können, sagte Tata, der seine ganze Familie durch die Anschläge verlor, dem Fernsehsender CNN. Das Taj Mahal war eines der zehn Ziele der Angriffsserie mit mindestens 195 Toten in Bombay. Die Angreifer seien sehr gut über das Taj Mahal informiert gewesen und durch die rückwärtigen Eingänge in das Gebäude eingedrungen, sagte Tata. "Sie wussten genau, was sie taten und kamen nicht durch die Vordereingänge.
Terrorist gesteht Verbindungen nach PakistanDer einzige überlebende Terrorist der Anschlagserie in Bombay hat nach indischen Medienberichten Verbindungen zu einer in Pakistan ansässigen Rebellengruppe eingestanden. Der 21-jährige Ajmal Amir Kamal habe bei Verhören ausgesagt, dass alle Angreifer pakistanische Staatsbürger gewesen seien, wie mehrere Zeitungen am Sonntag unter Berufung auf Geheimdienstkreise berichteten. Demnach gab er zudem an, dass alle Kämpfer von der Rebellengruppe Lashkar-e-Taiba trainiert worden seien. Zu den Überfällen bekannte sich die bislang kaum bekannte islamische Gruppe Deccan Mujahideen. Am Mittwochabend hätten sie sich in mehreren Schlauchbooten von einem gekaperten Schiff abgeseilt und auf dem Seeweg Bombay erreicht.
Die radikalislamische Gruppe Lashkar-e-Taiba ("Armee der Reinen") kämpft für die Unabhängigkeit Kaschmirs. Sie wurde 1986 in der umstrittenen Grenzregion gegründetund soll Verbindungen zum pakistanischen Geheimdienst und zum Terrornetzwerk El Kaida haben.
Getöteter Deutscher schrieb SMS an seine Frau
Das deutsche Terroropfer Ralph Burkei hat kurz vor seinem Tod in Bombay noch versucht, seine Frau zu erreichen. Claudia Burkei sagte der "Bild am Sonntag", sie habe es erst am nächsten Morgen auf dem Handy gesehen. Da war ihr Mann schon tot. "Ich habe es leider nicht gehört", wurde die Witwe des früheren Schatzmeisters des CSU-Bezirksverbands München und ehemaligen Vizepräsidenten des Fußballclubs 1860 München zitiert.
Wenige Stunden zuvor hatte die 39-Jährige nach eigenen Angaben noch per SMS Kontakt mit 51-jährigen, von ihr getrennt lebenden, Ehemann gehabt. Auf ihre Frage, ob es ihm gutgehe, habe er geschrieben, er sei im Hotelzimmer, sie hätten sich verbarrikadiert. Nebenan sei eine Bombe explodiert, und er könne nicht telefonieren. Aber ihm selbst sei nichts passiert. "Ich dachte mir, er ist in Sicherheit und bin dann später ins Bett gegangen", sagte die Witwe weiter. Bei einem Fluchtversuch über die Fassade des Taj-Mahal ist er mit seiner Lebensgefährtin abgestürzt.
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