Unterernährung trotz Wachstum: Indiens Boom geht an den Armen vorbei
VON CHRISTINE MÖLLHOFF - zuletzt aktualisiert: 30.04.2011 - 18:46Neu-Delhi (RP). Die Mächtigen der Welt reißen sich heute um Indien, das mit beeindruckenden Wachstumsraten und einem gigantischen Absatzmarkt lockt. Doch an der Masse der armen Inder geht die Wirtschaftsentwicklung bisher vorbei. Korruption und marode Infrastruktur gehören weiter zu den wichtigsten Bremsen für eine Entwicklung des riesigen Landes. Dem Westen geht es aber vor allem um eines: gute Geschäfte.
Noch vor 20 Jahren wurde Indien vom Westen geschnitten, heute ist das einstige Mauerblümchen zur begehrten Braut avanciert. Die Staats- und Regierungschefs der Welt gaben sich während der letzten Monate in der 16-Millionen-Einwohner-Hauptstadt Delhi die Klinke in die Hand und überboten sich mit Lobgesängen auf die aufstrebende Wirtschaftsmacht.
Der Westen kommt zu Besuch
Den Anfang machte der britische Regierungschef David Cameron, dann folgten US-Präsident Barack Obama, sein französischer Kollege Nicolas Sarkozy, Chinas Premier Wen Jiabao und Russlands Präsident Dmitri Medwedew. Und in diesem Jahr will auch Bundeskanzlerin Angela Merkel nachziehen.
Die neue Indien-Lust der Mächtigen ist ganz profanen, ökonomischen Interessen geschuldet. Die Industrieländer suchen dringend nach neuen Absatzmärkten, um ihre Volkswirtschaften anzukurbeln. Während die USA noch mit den Nachwehen der Finanzkrise kämpfen und Europa sich mit seinen Währungssündern herumärgert, hat Indien den globalen Wirtschaftssturm erstaunlich gut überstanden und sich rasant erholt.
Glänzende Zuwachsraten
Der Subkontinent glänzt bereits wieder mit Zuwachsraten, von denen der Westen nur träumen kann. In der ersten Hälfte des bis Ende März dauernden Finanzjahres wuchs die Wirtschaft um 8,9 Prozent. Und inzwischen revidieren Analysten ihre Prognosen für 2011 sogar nach oben. „Wir sind zuversichtlich, dass unsere Wirtschaft dieses Finanzjahr um fast neun Prozent wachsen wird“, frohlockt Indiens Präsidentin Pratibha Patil. „Nächstes Jahr sollten wir auf einem nachhaltigen Wachstumspfad von neun bis zehn Prozent sein.“ Das macht Indien attraktiv.
Und das Land sonnt sich in der neuen Hauptrolle. Zwar hängt Indiens Wirtschaftskraft der chinesischen noch weit hinterher, aber niemand kann mehr die Rechnung ohne das Land machen. Zum einen ist Indien mit 1,2 Milliarden Einwohnern nach China der größte Zukunftsmarkt der Welt. Zum anderen plant Delhi riesige Infrastruktur-Projekte und teure Rüstungskäufe. Fast demütig klopft der Westen an Delhis Türen, weil er am Boom teilhaben will. „Das Signal ist klar: Es geht ums Geschäft“, sagt Rajiv Sikri, früherer Sekretär im Außenministerium, nüchtern.
18 Atommeiler aus Russland
Dabei spielt Indien seine Karten durchaus geschickt aus und hält sich alle Türen offen. Jeder der illustren Gäste wurde mit kleineren oder größeren Gaben bedacht. Obama konnte bei seiner rund dreitägigen Visite Abkommen im Wert von mehr als zehn Milliarden Dollar unterschreiben, die, wie er jubelte, „mehr als 50.000 Jobs“ in den USA schaffen würden. Chinas Premier Wen Jiabao unterzeichnete Verträge im Wert von 16 Milliarden Dollar. Und Medwedew sahnte den Zuschlag für den Bau von 18 Atommeilern und die Lieferung von 250 bis 300 Kampfjets im Wert von geschätzten 30 Milliarden Dollar ab.
Zwar ist China mit Abstand größter Handelspartner Indiens. Das Handelsvolumen liegt nun bei 60 Milliarden US-Dollar, wobei die Bilanz für Indien negativ ist. Doch ein „Chindia“, also eine verbündete Wirtschaftsmacht China-Indien, ist bisher nicht mehr als eine westliche Angst-Fantasie. Daran hat auch Wen Jiabaos spektakulärer Staatsbesuch nichts geändert. Das Misstrauen zwischen den beiden asiatischen Giganten ist viel zu tief verwurzelt, als dass sie sich gegen den Westen verbinden würden. Zumal Peking als enger Verbündeter von Indiens Erzrivalen Pakistan gilt.
Eiszeit endete im Jahr 2000
Delhi hegt und pflegt außerdem weiter die alten Bande zu Moskau, das seit Jahrzehnten ein enger Partner ist und den indischen Rüstungsmarkt beherrscht. Indien braucht zudem Russlands Öl und Gas. Trotzdem hat sich das Land inzwischen auch den USA geöffnet. Washington möchte Indien als wirtschaftliches und politisches Gegengewicht zu China aufbauen. Der neue Frühling begann schon unter Bill Clinton, der die jahrzehntelanger Eiszeit zwischen Delhi und Washington 2000 beendete.
Sein Nachfolger George W. Bush krönte die neue indisch-amerikanische Romanze dann mit einem zivilen Nuklearabkommen. Und auch Obama machte schnell deutlich, dass er an einer weiteren Annäherung interessiert ist. Europa würde mit dem Boom-Land ebenfalls gerne stärker ins Geschäft kommen und strebt nun ein Freihandelsabkommen mit Delhi an.
Neue Autos verstopfen Straßen
Die Entwicklung dahin verlief atemberaubend schnell. Noch vor 20 Jahren hatte Indien seine Märkte weitgehend abgeschottet. Nur drei Automodelle kurvten durch die Städte, die Warenwelt war sozialistisch übersichtlich und allenfalls ein paar Hippies und eingefleischte Indien-Liebhaber verirrten sich ins Land der heiligen Kühe. Heute sind die Straßen von Delhi derart überfüllt, dass man zu den Stoßzeiten bestenfalls im Kriechtempo vorwärts kommt.
Riesige Shopping-Center zeugen von der wirtschaftlichen Aufbruchstimmung und zum Schrecken des Westens kaufen indische Konzerne inzwischen in der ganzen Welt Unternehmen auf. Als Vater des indischen Wirtschaftswunders gilt der heutige Regierungschef Manmohan Singh. Der Ökonom hatte 1991 als damaliger Finanzminister Indiens Märkte schrittweise geöffnet und damit die Saat für Indiens Aufstieg gelegt.
Dienstleistungen brummen
Aber die Lobeshymnen verstellen leicht den Blick darauf, dass die Atommacht weiter auch das Armenhaus dieser Welt ist. Die Erfolgsstory beschränkt sich auf wenige Bundesstaaten und Branchen und wird vor allem vom Dienstleistungssektor gespeist: Dieser macht über 57 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) aus, umfasst aber nur 25 Prozent der Bevölkerung. Dagegen siecht der Agrarsektor dahin. Er trägt nur noch 20 Prozent zum BIP bei, muss aber weiter 70 Prozent aller Inder ernähren.
Zu Indiens größten Wachstumsbremsen zählen die chronische Korruption und die marode Infrastruktur. Seit 1948 habe Indien 462 Milliarden Dollar durch Korruption verloren, errechnete der US-Think Tank Global Financial Integrity. Und Besserung lässt auf sich warten, glaubt man dem jüngsten Korruptionsbericht von Transparency International. Danach sank Indien sogar noch weiter ab – um drei Ränge auf Platz 87. Als am korruptesten gelten die politischen Parteien, gefolgt von der Polizei. Auch die Infrastruktur bleibt ein ewiges Sorgenkind. Ob Straßen-, Schienen- oder Stromnetz – alles hinkt hinter dem Bedarf hinterher.
Die Armen hungern
Folge: Der Aufschwung geht bisher an der Masse der Armen vorbei und hat auch kaum in größerem Umfang neue Jobs geschaffen. Zwar beheimatet Indien die meisten Millionäre und Milliardäre dieser Welt, aber auch mehr Arme als Afrika. Millionen Indern hungern. Daran hat auch die von der Kongresspartei geführte Koalitionsregierung wenig geändert, obgleich sie mit dem hehren Ziel antrat, die Massenarmut zu bekämpfen. Trotz Aufschwungs rutschte Indien auf dem Armutsindex des International Food Policy Research Instituts um zwei Plätze nach unten auf den 67. Rang.
28 Prozent der Inder leben unterhalb der Armutsgrenze von einem US-Dollar am Tag und mehr als die Hälfte von weniger als zwei US-Dollar. Der indische Nobelpreisträger und Ökonom Amartya Sen zeigt sich denn auch wenig angetan von der bisherigen Bilanz. Es sei „dumm“, zweistelliges Wachstum anzustreben ohne die chronische Unterernährung von Abermillionen Indern zu bekämpfen.
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