Gewalt auch im britisch kontrollierten Süden des Landes: Irak: Gewaltwelle dehnt sich aus
zuletzt aktualisiert: 11.01.2004 - 18:39Amara/Bagdad (rpo). Die Gewalt in Irak breitet sich nun auch im Süden des Landes, auf den britisch kontrollierten Süden, aus. Bei Protestaktionen wurden sechs Iraker getötet. Unterdessen fanden US-Soldaten nördlich von Bagdad ein riesiges Waffenlager. Zudem seien bislang über 500 US-Soldaten in Irak gefallen.
Bei Protesten in der Stadt Amara wurden nach Krankenhausangaben sechs Iraker getötet und zwei weitere verletzt. In Basra wurden laut US-Armee unter ungeklärten Umständen zwei Iraker getötet, von denen einer für die Besatzungstruppen arbeitete. Dänische Soldaten fanden nach US-Angaben Granaten, die möglicherweise chemische Kampfstoffe enthalten. Der irakische Regierungsrat äußerte sich besorgt über die US-Entscheidung, den gefangenen Ex-Machthaber Saddam Hussein als Kriegsgefangenen zu betrachten.
Bei der Demonstration gegen die hohe Arbeitslosigkeit in Amara wurde am Samstag mindestens einer der Iraker von britischen Soldaten erschossen, wie ein britischer Militärsprecher sagte. Nach irakischen Krankenhausangaben hatten vier der Toten Schusswunden von Sturmgewehren des Typs Kalaschnikow. Diese Waffen werden unter anderem von irakischen Polizisten getragen. Auch am Sonntag versammelten sich in Amara wieder Dutzende Demonstranten und warfen Steine auf Sicherheitskräfte. Kundgebungsteilnehmer forderten auf einem Flugblatt unter anderem die Festnahme der Verursacher der Todesschüsse und die Wahl eines neuen Gouverneurs.
Der britische Militärsprecher gab an, der von britischen Soldaten getötete Mann habe versucht, Granaten zu werfen. Die rund 360 Kilometer südlich von Bagdad gelegene Stadt gehört zum Verwaltungsbereich der britischen Besatzungstruppen. Die schiitische Region ist besonders von Arbeitslosigkeit betroffen.
Drei Detonationen binnen einer Stunde
Ein Iraker mit Wohnsitz in den USA und sein Bekannter seien am Samstag in Basra erschossen worden, teilte die US-Zivilverwaltung am Sonntag mit. Der in den USA gemeldete Iraker habe als Sicherheitskraft für die Hafenbehörden der Zivilverwaltung gearbeitet.
Binnen einer Stunde waren in Bagdad am Sonntag drei heftige Detonationen zu hören, wie ein AFP-Reporter berichtete. Das US-Militär konnte zunächst keine Angaben zur Ursache machen. In Bagdad waren zuletzt mehrere Autobombenanschläge verübt worden. Im Norden des Landes stellten Sicherheitskräfte der Patriotischen Union Kurdistans (PUK) nach eigenen Angaben am Sonntag einen mit rund hundert Kilogramm TNT präparierten Geländewagen sicher. Das Fahrzeug sei ohne Nummernschild in einem Dorf an der irakisch-iranischen Grenze entdeckt worden, das als Hochburg der Terrorgruppe Ansar el Islam gelte.
Die Iraker unterstützten die Entscheidung der USA nicht, Saddam Hussein den Status eines Kriegsgefangenen zu gewähren, betonte der Kurde Dara Nureddin, der dem Rechtsausschuss des irakischen Regierungsrates vorsitzt. Das Gremium sei nicht vorab von der US-Zivilverwaltung konsultiert worden. Saddam Hussein sei ein "Krimineller, der Verbrechen gegen die Iraker begangen hat und sich vor einem irakischen Gericht verantworten muss".
Der einflussreiche schiitische Großayatollah Ali Sistani forderte erneut eine baldige Parlamentswahl. Bei einem Treffen mit dem amtierenden Vorsitzenden des Regierungsrats, Adnan Patschatschi, sagte er in Nadschaf, die vorgesehene Bildung einer Übergangsversammlung reiche nicht aus, um das irakische Volk zu repräsentieren. Nach Meinung "zahlreicher Experten" sei es möglich, unter "akzeptablen Bedingungen" unter unter Wahrung "minimaler Transparenz" allgemeine Wahlen zu organisieren.
US-Soldaten entdecken riesiges Waffenlager
US-Soldaten haben nördlich der irakischen Hauptstadt Bagdad ein umfangreiches Waffenarsenal entdeckt. Ein irakischer Informant habe Soldaten am Samstag in dem Ort Tadschi zu einer Art Bomben-Werkstatt geführt, in der hunderte von Raketen, Mörsergranaten und andere Sprengsätze gelagert gewesen seien, sagte am Sonntag eine Sprecherin der US-Armee. Unter anderem seien 260 schultergestützte Panzerabwehrgranaten und 42 Abschussvorrichtungen sowie 30 Handgranaten und mehrere Sprengstoffzünder gefunden worden. Zwei Menschen seien festgenommen worden, als sie aus dem Gebäude fliehen wollten.
Weiterhin seien 16 Kisten Plastiksprengstoff und fünf Artilleriegranaten im Kaliber 155 Millimeter entdeckt worden, die zu Sprengsätzen für den Straßenrand umfunktioniert worden seien. Die Werkstatt sei offenbar dazu genutzt worden, die Sprengsätze herzustellen, sagte die Sprecherin weiter.
Wie US-Militärsprecher Mark Kimmitt in Bagdad mitteilte, wurden nahe Basra bis zu 40 in Plastikplanen verpackte Granaten entdeckt, aus denen eine unbekannte Flüssigkeit gesickert sei. Nun werde die Substanz untersucht. Kimmitt zufolge stammen die Granaten aus dem Iran-Irak-Krieg (1980-1988). Sollte sich herausstellen, dass die Granaten ätzende Kampfstoffe enthielten, würden diese umgehend entsorgt. Zu dieser Kampfstoffklasse zählt unter anderem Senfgas.
504 US-Soldaten in Irak seit Kriegsbeginn getötet
Seit Kriegsbeginn im März sind in Irak 504 US-Soldaten getötet worden. 342 Soldaten wurden bei Kämpfen getötet, wie das US-Verteidigungsministerium am Sonntag mitteilte. 152 Soldaten seien abseits von Kampfhandlungen ums Leben gekommen. Hinzu kämen neun Soldaten, die am Donnerstag beim Absturz ihres Hubschraubers nahe Falludscha getötet wurden, sowie ein in der vergangenen Woche in Bagdad von einer Granate getroffener Soldat, sagte Pentagonsprecher Megan Grafton.
Die Zahl der seit dem Ende der Hauptkampfhandlungen in Irak getöteten US-Soldaten ist dabei um einiges höher als die der Toten während des eigentlichen Krieges: Insgesamt kamen seit dem 1. Mai 366 Soldaten ums Leben; 237 wurden laut Pentagon bei Kämpfen getötet, 129 starben bei Unfällen oder begingen Selbstmord. Seit Kriegsbeginn am 20. März wurden zudem 2849 US-Soldaten verletzt, von ihnen 2461 bei Kämpfen.
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