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Irak-Konflikt
Irakische Armee kapituliert aus Angst vor Terrorgruppe Isis

Isis/IS - Islamischer Staat im Irak und Syrien
Isis/IS - Islamischer Staat im Irak und Syrien
Kairo . Als Isis-Kämpfer diese Woche zum Sturm auf die irakischen Städte Mossul und Tikrit ansetzen, bringen sich Soldaten in Sicherheit. Niedrige Moral, fehlendes Training und die religiöse Spaltung stehen hinter dem Kollaps - aber auch Angst, die die Isis gezielt schürt.

Das Video lässt einen erschaudern: Zu religiösen, süß klingenden Hymnen klopfen islamistische Militante nachts an die Tür eines sunnitischen Polizeioffiziers in einer irakischen Stadt. Als er öffnet, verbinden ihm die - ebenfalls sunnitischen - Extremisten die Augen und legen ihm Handschellen an. Dann enthaupten sie ihn mit einem Messer in seinem eigenen Schlafzimmer.

Die 61-minütigen Aufnahmen wurden kürzlich von der Ai-Kaida-Splittergruppe Islamischer Staat im Irak und Syrien (Isis) ins Internet gestellt. Die Absicht: Die Sunniten - also die eigenen Glaubensbrüder - in der irakischen Armee und Polizei einzuschüchtern und davon abzuhalten, gegen Isis zu kämpfen.

Die Flüchtlingskinder des Irak FOTO: ap

Isis schürt Angst

Die Angst, genau so wie der Mann im Video zu enden, ist einer der Gründe, warum die irakischen Sicherheitskräfte die Flucht antraten, als Kämpfer der Isis diese Woche die Städte Mossul und Tikrit im Sturm einnahmen. In den meisten Fällen rannten Polizisten und Soldaten um ihr Leben, einige streiften schnell noch die Uniform ab und ließen Arsenale schwerer Waffen zurück. Viele der Top-Offiziere setzten sich in die nahe gelegene autonome Kurdenregion ab. Ihre Untergebenen sahen dann auch keinen Grund mehr zu bleiben. "Wir kämpften, aber unsere Vorgesetzten verrieten uns", sagte ein Soldat, der aus Mossul in die Kurden-Hauptstadt Irbil floh, der Nachrichtenagentur AP.

Die USA gaben Milliarden von Dollar aus, um während ihrer Militärpräsenz von 2003 bis 2011 irakische Soldaten zu trainieren. Doch die eine Million Soldaten und Polizisten sind zerrissen zwischen Sektierertum, Korruption, und einem Mangel an Professionalität. Mit einem Monatsgehalt von 700 Dollar empfahl sich die Armee vielen jungen Irakern als attraktiver Arbeitgeber. Doch einmal rekrutiert, bestachen so manche ihre Vorgesetzten, blieben zu Haus, kassierten weiter ihren Sold und nahmen einen anderen Job an. "Es gibt eine Stimmung, dass die Individuen nur um sich besorgt sind und dachten, 'Das ist nicht mein Kampf'", sagt Feisal Istrabadi, ein früherer Botschafter des Iraks bei den Vereinten Nationen. "Sie sind nicht trainiert und nicht mit einem Sinn für Professionalität geimpft worden."

Halbe Million Iraker fliehen vor Angriffen auf Mossul FOTO: afp, mcp

Soldaten wollen nicht für Maliki sterben

Daneben drücken auch die religiösen Spannungen im Land zwischen der sunnitischen Minderheit und den regierenden Schiiten die Moral in der Armee. Viele Sunniten sind zum Beispiel nicht darauf vorbereitet, im Kampf für die schiitisch dominierte Regierung von Ministerpräsident Nuri al-Maliki zu sterben. Mitglieder dieser im Irak religiösen Minderheit fühlen sich von der Politik Al-Malikis diskriminiert. Unter denjenigen Isis-Kämpfern, die diese Woche Mossul stürmten, befanden sich auch frühere sunnitische Armeeoffiziere, die aus Frust über die Regierung desertiert waren. Ihrerseits fühlen sich die Schiiten in der Armee isoliert und tief verletzlich, während sie in den sunnitisch dominierten Gegenden des Landes wie Mossul oder der Provinz Anbar Dienst tun. Andererseits haben Sunniten dort Vorbehalte, gegen Kämpfer der eigenen Glaubensrichtung vorzugehen.

Die Desertion hatte bereits seit Jahresbeginn angesichts des Vormarsches der Isis-Kämpfer in Anbar westlich der Hauptstadt Bagdad stark zugenommen, wie zwei hohe Militärs der AP berichten. In Anbar brachten Kämpfer der Isis Anfang des Jahres die Stadt Falludschah unter ihr Kommando und kontrollieren Teile der Provinzhauptstadt Ramadi. Oftmals sind die dienenden Soldaten zudem loyaler zu ihren Gemeinschaften oder Stämmen als zum Staat. Viele von ihnen rekrutieren sich aus schiitischen und sunnitischen Stammesmilizen - bekannt als Sahwa -, die die US-Amerikaner aufgestellt hatten, um das sunnitische Terrornetzwerk Al-Kaida zu bekämpfen. In Bagdad sind an Kontrollpunkten, die von Schiiten geführt werden, oftmals schiitische Fahnen oder Bilder schiitischer religiöser Figuren zu sehen.

Inkompetenz der Sicherheitskräfte

Der Mangel an Training und Disziplin unter den meisten Soldaten führt dazu, dass eine spezielle Anti-Terroreinheit meistens für Militäroffensiven eingesetzt wird. Die etwa 10.000 Mann starke Truppe wurde von US-Offizieren trainiert und kämpfte während der US-Invasion im Irak jahrelang an der Seite der Amerikaner, wie die beiden ranghohen Militärs der AP berichten. Die Spezialeinheit untersteht direkt dem Regierungschef. Sie sei aber nicht stark genug, um Gebiete nach der Rückeroberung zu halten, berichten die beiden Offiziere weiter. Deshalb gebe sie die Kontrolle an die regulären Truppen ab, die ihrerseits kapitulieren, sobald sie beschossen würden. Die Inkompetenz der Sicherheitskräfte dürfte Al-Maliki zwingen, immer stärker auf Hardliner unter den schiitischen Milizen zurückzugreifen, um gegen Isis anzugehen. Einige dieser Milizen sind loyal zum Iran, was die religiöse Spaltung in Iraks Gesellschaft und Armee noch vertiefen könnte.

Die USA im Einsatz als Weltpolizei nach 1945

Unter Diktator Saddam Hussein, den die USA mit ihrer Invasion stürzten, hatte die sunnitische Minderheit die Kontrolle im Land. Die seit dem Sturz Husseins 2003 aufstrebende Macht der Schiiten verfolgten die Sunniten mit äußerstem Argwohn. Zwischen 2006 und 2008 standen beide Glaubensrichtungen des Islam dann auch kurz vor einem Bürgerkrieg. Bei den damals fast täglichen Anschlägen starben Zehntausende Menschen.

Das Schreckensvideo, das Isis vor zehn Tagen verbreitete, wurde gerade in Anbar und den Provinzen, in denen sich die beiden eroberten Städte Mossul und Tikrit befinden, vielfach gesehen. Danach seien viele Armeeangehörige desertiert, erzählen die beiden Offiziere der AP. Ein Anwohner von Falludschah meinte, das Video zeige die ganz Brutalität der Isis. Die Moral unter den dortigen Soldaten sei aber wegen der fast täglichen Attacken seitens der Dschihadisten auf Armeeposten schon gering gewesen.

In demselben Video zeigen die Extremisten auch, wie ein Kommandeur der Sahwa, einer sunnitischen Stammesmiliz, zusammen mit seinen beiden Söhnen erst sein eigenes Grab schaufeln muss. Dann schlitzen die Isis-Kämpfer den Dreien die Kehlen auf. "Ich rate jedem, der für die Sahwa kämpft, es zu bereuen und auszutreten", sagt der Kommandeur in die Kamera. "Hier schaufele ich mein Grab mit meinen eigenen Händen... Sie können zu jedem kommen."

(ap)
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