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Generation Dschihad
Der IS ist eine Jugendbewegung

Hintergrund: So entstand der Name IS
Hintergrund: So entstand der Name IS
Düsseldorf. Der IS ist eine Jugendbewegung, die mit Codes und Zeichen westlicher Popkultur wirbt. Sie ähnelt auf den ersten Blick bekannten Jugendkulturen wie dem Punk. Durch das religiöse Moment wird sie jedoch unberechenbar. Eine Analyse. Von Philipp Holstein

Was sind das eigentlich für Menschen? Diese Frage stellt man sich unweigerlich, wenn man über die Anschläge von Paris nachdenkt. Wer legt sich einen Sprengstoffgürtel um und rennt als lebende Bombe in eine Menschenmenge? Wer gibt sein Leben dafür hin, dass andere sterben? Wer tut so was? Zumal, wenn er so jung ist, dass er sein eigenes Leben noch vor sich hat, wie man so sagt?

Der IS ist eine Jugendbewegung. Seine Armee soll nach Schätzungen von Interpol rund 25.000 Soldaten haben, zu mehr als 90 Prozent Männer, die meisten zwischen 18 und 29 Jahre alt, manche noch jünger. Rekrutiert wurden diese jungen Leute in den westlichen Demokratien, sie wuchsen mit unserer Popkultur auf. Man schätzt, dass sich 32 Prozent der Kämpfer dem IS in Europa angeschlossen haben.

Alle Jugendkulturen haben eines gemeinsam: die Lust an der Provokation, am Dagegensein, am Extrem. Jede Jugendkultur hat ihre Codes, ihre Zeichen und Signale, über die Zugehörige einander erkennen. Wer sie nicht lesen kann, ist nicht Teil der Gemeinschaft. Jugendkulturen haben also per se etwas Elitäres und Kämpferisches, sie unterscheiden zwischen Freund und Feind. "Insofern kann man den Dschihadismus durchaus mit Bewegungen wie dem Punk vergleichen", sagt Klaus Hurrelmann, Bildungswissenschaftler an der Hertie School of Governance in Berlin. Ausgangspunkt sind jeweils junge Männer, die vom Leben verunsichert sind. Sie haben ihre Lehre hingeworfen, das Studium abgebrochen, die Freundin verloren. Sie sehnen sich nach Identifikation und Abenteuer, nach Ausbruch, Bedeutsamkeit und Sinn.

Fakten zum Salafismus in Deutschland FOTO: afp, FETHI BELAID

In dieser Phase des Lebens begegnen sie den Anwerbern des IS, die oft gleichaltrig sind oder doch nur wenig älter. "Die Akquise neuer Kämpfer geschieht ganz bewusst über Anklänge an die Hip-Hop-Kultur", weiß Hurrelmann. Hip-Hop ist weltweit die populärste und wirkmächtigste Jugendkultur der vergangenen 20 Jahre. Und die Werbevideos des IS zitieren deren Codes: das breitbeinige Auftreten als Gang, das Kokettieren mit der Kriminalität, die Sonnenbrillen, Camouflage-Jacken und Waffen. Der ausgestreckte Zeigefinger der Islamisten, der so viel bedeutet wie "ein Gott, ein Staat", ähnelt den Lässigkeitsgesten amerikanischer Rapper: das Kreuzen von ausgestrecktem Zeige- und Mittelfinger vor der Brust, das Abklatschen. Eine Bruderschaft der Aufsässigen. Diese Signale ermöglichten es dem Einzelnen, sich in der Gruppe geborgen und aufgehoben zu fühlen, sagt Hurrelmann: "Plötzlich sieht er für sich die Möglichkeit, dass er wer sein könnte."

"Der IS spricht Jugendliche bewusst in deren Sprache an", sagt Benno Hafeneger, Professor für außerschulische Jugendbildung in Marburg. IS-Propaganda gibt es auf Deutsch, Französisch, Englisch. Der Jugendliche muss nicht in die Moschee gehen; Botschaften werden auf Smartphone und PC geschickt. Die Anwerber widmen sich dem Einzelnen, zeigen sich interessiert, gaukeln Nähe vor und beschleunigen die Abkehr vom westlichen Lebensstil. Ihre Ideologie ist einfach; man kann endlich klar unterscheiden, wer gut ist und wer böse. "Der Westen steht nur mehr für Konsum, Medien und Mode", so Hafeneger, "für Unübersichtlichkeit und Leistungsdenken - und ist verachtenswert". So würden die Angeworbenen allmählich radikalisiert.

Gewalt spielt in vielen Jugendkulturen eine Rolle, man denke an den Punk. Im Grunde wollen alle Jugendkulturen - vereinfacht gesagt - dieses: Die Erwachsenen sollen irgendwann erkennen, dass der Rebell recht hatte und der Einzige war, der klar sah. Diese Utopie von der späten Einsicht der anderen bezog sich aber immer auf dieses Leben und diese Welt. Im IS ist das anders. "Irgendwann kommt es zur Überschreitung", sagt Hafeneger. "Am Ende der Radikalisierung verlassen manche Jugendliche den innerweltlichen Kontext." So weit kommt es nur bei einem Bruchteil der Angeworbenen, und zu diesem Zeitpunkt haben sie mit ihrem Elternhaus bereits gebrochen, Europa zumeist verlassen. Sie leben in Ausbildungscamps in Syrien oder im Irak.

"Durch die religiöse Konnotation wird die Sehnsucht nach einer neuen Welt auf das Jenseits übertragen", sagt Hafeneger. "Das Glücksversprechen ist rein jenseitig, die Jugendlichen handeln von nun an im Auftrag Gottes." Das schließe ein, dass sie sich über andere erhöht fühlten, wie Märtyrer. Es entstehe eine Todessehnsucht, weil nur mit dem Tod des Märtyrers die Welt gerettet und nach den Regeln des Propheten umgestaltet werden kann. Und weil der Märtyrer nur im Tod seine Belohnung bekommt, das Paradies nämlich. Wer stirbt, ist ein Held.

Jede westliche Jugendkultur, sagt Hafeneger, wurde irgendwann von der Industrie ausgelesen und für ihre Zwecke benutzt, um Geld zu verdienen. Jede Subkultur wurde also irgendwann in den Mainstream überführt und gezähmt. Beim IS sei das nicht möglich, weil er seine Energie aus einem aufs Jenseits gerichteten Rauschzustand beziehe. "Wenn die Jugendlichen erstmal radikalisiert sind, gibt es keine Zugriffsmöglichkeit mehr." Das sei dann ein Fall für die Sicherheitspolitik. Eingreifen könne man nur viel früher, noch in Europa, am besten in der ersten Phase der Agitation. Man müsse diesen Jugendlichen entsprechende Angebote machen, sie so ansprechen, dass sie sich auch verstanden fühlen. Ihnen eine Gemeinschaft in Aussicht stellen, ein Ziel, für das sie sich zusammen engagieren können. "Auslöser sind immer Lebenskrisen, und die gilt es zu erkennen."

Was für Leute sind das also? Am Ende, sagt Klaus Hurrelmann, seien das junge Männer, die sich im Wahn einer Ideologie verloren hätten. Am Anfang aber schlichtweg unzufriedene Jugendliche, die man retten könnte. Das zu schaffen, ist eine Herausforderung der Zukunft.

Quelle: RP
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