Rache für Minarett-Verbot: Islamistische Hacker nehmen Schweiz ins Visier
VON STEPHAN DÖRNER - zuletzt aktualisiert: 03.12.2009 - 11:16Düsseldorf (RPO). Manch einer dürfte sich dieser Tage an die Proteste nach den dänischen Mohammed-Karikaturen 2005 erinnert fühlen. Schon wieder hagelt es Kritik und Boykott-Aufrufe aus der islamischen Welt – diesmal gegen die Schweiz. Auch Schweizer Websites nehmen islamistische Hacker ins Visier. Als Wortführer der Kritik an dem Minarett-Verbot setzt sich die Türkei an die Spitze. Neben viel Zorn hat das Verbot aber auch eine Diskussion über den Umgang mit eigenen Minderheiten in der Türkei ausgelöst.
Nach dem Verbot von Minaretten in der Schweiz haben islamistisch motivierte Hacker eine Cyber-Attacke auf Websiten aus der Schweiz begonnen, wie das schweizerische Nachrichten-Portal "20min.ch" berichtet. Mit religiösen Botschaften rächen sie sich für das per Volksabstimmung erwirkte Minarett-Verbot der Eidgenossen – und nehmen dabei jeden Webseiten-Betreiber mit der Endung ".ch" in Sippenhaftung.
Bereits am Sonntag war dem Bericht zufolge ein Server in der Schweiz geknackt worden, wodurch rund 300 Websites manipuliert werden konnten. Die nun betroffenen Webseiten wie boutiq.ch, fruitcake.ch oder bahnhoefli-bar.ch werden allesamt von der Kreativ Media GmbH in Zürich betrieben. Derzeit sind die Seiten nicht mehr abrufbar. Der oder die Hacker hinterließen Botschaften, die kein Zweifel über das Motiv lassen: "Unser Krieg gegen die Gegner der wahren Religion Islam wird weitergehen".
Schelte und Selbstkritik aus der Türkei
Ähnlich wie die Mohammed-Karikaturen vor vier Jahren sorgt auch das Minarett-Verbot aus der Schweiz in der muslimischen Welt für breite Empörung. An die Spitze der Kritiker setzte sich die Türkei unter Ministerpräsident Recep Erdogan. Kurz nach der Entscheidung sprach er von "Faschismus", am Mittwoch forderte der türkische Europaminister Egeman Bagsis wohlhabende Muslime auf der ganzen Welt auf, ihr Vermögen aus der Schweiz abzuziehen. Staatspräsidenten Abdullah Gül sprach von einer "Schande". Tausende Menschen gingen an zahlreichen Orten des Landes auf die Straße, um gegen die Entscheidung vom vergangenen Sonntag zu protestieren.
Doch neben viel Schelte für die Schweiz hat die Volksabstimmung auch eine differenzierte Debatte über den Umgang mit eigenen Minderheiten in der Türkei ausgelöst. Die Schweiz sei zwar "kalt und ausländerfeindlich" schreibt beispielsweise eine Kolumnistin für die rechtsgerichtete türkische Boulevardzeitung "Tercüman" - aber die Türkei selbst sei in dieser Hinsicht nicht viel besser. Würde ihr Land ein ähnliches Referendum über Kirchtürme abhalten, wäre die Türkei wohl das "Land der Schande", schreibt sie weiter.
"Die Schweiz hat etwas Schlechtes getan", kritisiert auch die liberale Tageszeitung "Radikal". "Aber sind die Kirchen in der Türkei etwa frei?" Tatsächlich gibt es seit Jahren Berichte aus der Schweiz über die staatlich tolerierte Diskriminierung der christlichen Minderheit im Land. "Die christlichen Minderheiten in der Türkei befinden sich in einer miserablen rechtlichen Situation", sagt Holger Nollmann, Pfarrer der deutschen evangelischen Gemeinde in Istanbul. Auch EU und USA kritisieren, dass Nicht-Muslime in der Türkei auf viele Probleme stoßen.
Berichterstattung in Deutschland in der Kritik
In Deutschland nutzten viele Medien ein symbolträchtiges Bild zur Veranschaulichung des symbolgeladenen Streits: Die Yavuz-Sultan-Selim-Moschee vor dem Turm der Liebfrauenkirche in Mannheim. Auf den abgebildeten Bildern erschien die Moschee dabei größer als der Kirchturm, obwohl der Kirchturm etwa doppelt so groß ist wie das muslimische Gotteshaus. Das sei eher ein Abbild der Ängste der Deutschen als ein Abbild der Realität, kritisiert das "Bildblog".
In der Schweiz geht unterdessen die Analyse der für die Regierung überraschenden Abstimmung weiter. Politikwissenschaftler weisen darauf hin, dass vor allem junge Frauen in großer Merhheit für das Verbot stimmten. Bekannte Feministinnen des Landes hatten dazu aufgerufen. Die "Süddeutsche Zeitung" zitiert Sozialwissenschaftler, die darin ein Zeichen der Frauen gegen den starken Machismo sehen, der aus Sicht vieler Frauenrechtlerinnen von Männern mit Migrationshintergrund in der Schweiz ausgehe.
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