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Nahost-Konflikt
Israel hat Angst vor blutiger Vergeltung

Krieg im Gaza-Streifen - Tag Zwei
Krieg im Gaza-Streifen - Tag Zwei FOTO: AP
Aschdod (RP). Eine neue Welle der Gewalt überrollt den Nahen Osten. Als Reaktion auf den Raketenbeschuss radikaler Palästinenser hat Israel am Wochenende die massivsten Luftangriffe seit Jahrzehnten gegen den Gaza-Streifen gestartet. Die Hamas kündigte blutige Vergeltung an. Israel fürchtet nun weitere Raketenangriffe. Von Gil Yaron, Karim El-Gawhary und Charles Landsmann

Beer Scheva oder Aschdod – ­das sind Städte, in die sich die Bewohner im Süden Israels immer dann flüchteten, wenn ihre eigenen Wohnorte nahe der palästinensischen Grenze mit Raketen beschossen wurden. Doch die Hamas ändert ihre Taktik: Nun werden auch diese Zufluchtsorte angegriffen.

Knapp eine Million Israelis sahen sich am Sonntag einer neuen Realität gegenüber. Nachdem zwei Katyuschas der Hamas neben der Hafenstadt Aschdod einschlugen, weiß jeder fünfte Israeli, dass er sich in Reichweite palästinensischer Raketen befindet.

Für Lital Diamant aus Aschdod war es eine unfassbare Erfahrung. Am Samstag saß die 29-Jährige mit ihren Eltern am Mittagstisch, man sprach über den Krieg in Gaza. Das Dröhnen der Kampfbomber, die am Himmel auf ihrem Weg nach Gaza donnerten, wurde vom Gemurmel des Fernsehers begleitet, der im Hintergrund lief und Nachrichten zeigte. Plötzlich ertönte eine Luftschutzsirene: "Meine Mutter lief in Panik zum Bunker, doch wir mussten lachen. Der Alarm kam nur aus dem Fernsehen", erinnert sich Lital.

Nur fünf Minuten später heulten die Sirenen wirklich auf. Das Lachen verstummte. Die 200.000 Einwohner der Hafenstadt liefen um ihr Leben: Wenn die Sirenen aufheulen, haben sie 40 Sekunden Zeit, um Schutz zu suchen. Niemand weiß, wo die nächste Rakete einschlagen wird.

Mehr als 300 Projektile gingen in der vergangenen Woche in Israel nieder. Die Hamas hielt ihrerseits den Beschuss israelischer Städte weiter aufrecht. Am Samstag schlugen mehr als 100 Raketen auf israelischem Gebiet ein. Gestern wurde erstmals die Stadt Aschdod, fast 40 Kilometer nördlich von Gaza, Ziel zweier Raketen. Auch in Beer Scheva, der viertgrößten Stadt Israels, wurden die Bewohner dazu angehalten, sich in der Nähe der Bunker aufzuhalten, die Schulferien im Süden des Landes wurden unbegrenzt verlängert. In den Einkaufszentren von Tel Aviv wird man seit Samstag wieder auf Bomben untersucht: die Hamas hatte mit Selbstmordattentaten gedroht.

Die radikale Palästinenserorganisation feuerte auch in der Nacht zum Samstag Granaten und Raketen ab. Selbst Warnungen der ägyptischen Regierung schlug sie in den Wind. Als am Mittwoch mehr als 80 Raketen an einem Tag explodierten, fiel in Israel die Entscheidung: "Wir wollen im Süden die Spielregeln von Grund auf verändern", erklärte Verteidigungsminister Ehud Barak ­ es war die Ankündigung der israelischen Offensive.

Seit einem Monat verteilt das Heimatfrontkommando Informationsblätter in den Städten, in die sich bis vor wenigen Wochen die Bewohner der Stadt Sderot flüchteten. Bisher war sie das Lieblingsziel der Hamas. Städte wie Beer Scheva, Netivot oder Aschdod waren Zufluchtsorte für die gebeutelten Bewohner Sderots, die nahe an ihrem Arbeitsplatz bleiben, aber ihre Kinder aus der Gefahrenzone herausholen wollten. Nun sind auch diese Städte bedroht. "Der Raketenbeschuss muss ein für allemal aufhören", sagt Jizchak Elia. "Solange wir keine Ruhe haben, haben die Menschen im Gaza-Streifen auch keine Ruhe." Elia wohnt in Netivot. Am Samstag schlug hier ein Palästinenser-Geschoss in ein vierstöckiges Wohnhaus und tötete einen 50-jährigen Israeli.

"Am meisten stört mich, dass es in unserem Kindergarten keinen Schutzraum gibt", sagt Lilach Leibenson aus Beer Scheva. Sie spricht Englisch, damit ihre fünfjährige Tochter nichts von der Gefahr mitbekommt, in der sich die Familie nun befindet. Beer Scheva und ihre 180.000 Einwohner sind rund 40 Kilometer von Gaza entfernt. Noch haben die Raketen sie nicht erreicht, die Bewohner wurden aber gewarnt.

"Es ist so unwirklich, von heute auf morgen in einem Kriegsgebiet zu leben", sagt die angehende Frauenärztin. Noch schlafen sie, ihre Tochter und die zweijährigen Zwillinge nicht im Schutzraum, schließlich ist der nicht weit vom Schlafzimmer. Sollten Raketen auch in Beer Scheva einschlagen, will Lilach die Stadt verlassen: "Aber ich habe vollstes Vertrauen darin, dass unsere Armee die Sache in den Griff bekommt."

Dieses Vertrauen haben die Bewohner von Sderot längst verloren. Salli Edri rechnet damit, dass der Beschuss der Hamas noch zunimmt. Deswegen ist der 23-Jährige mit seinem Bruder Amit (acht Jahre) nach Beginn des israelischen Angriffs in Gaza aus Sderot geflüchtet. Eine Familie aus Tel Aviv hat das Bruderpaar bei sich aufgenommen: "Ich habe einfach bei der Stadtverwaltung angerufen. Die hatten schon hunderte Telefonnummern von Leuten parat, die Bewohner aus dem Süden bei sich aufnehmen wollten. Da hab ich unsere Sachen gepackt und bin losgefahren", sagt Salli.

Seine drei Brüder sind bei einer anderen Familie untergekommen. Es ist unklar, wie viele Israelis bereits aus der Umgebung des Gaza-Streifens geflüchtet sind. Doch nach acht Jahren fast pausenlosen Terrors aus der Luft sprechen Schätzungen von Tausenden.

Dabei ist fraglich, ob Tel Aviv viel sicherer ist. Nach einem Jahr der Ruhe waren die Wächter an den Einkaufszentren zuletzt sehr lax. Samstagabend aber bildeten sich erstmals wieder Schlangen auf den Bürgersteigen in der Stadtmitte. Die Wächter untersuchten an den Eingängen jeden sorgfältig auf Waffen und Bomben. Seitdem die Hamas wieder mit Selbstmordattentaten droht, ist man selbst im lebenshungrigen Tel Aviv sehr vorsichtig geworden.

Quelle: RP
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