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Gewalt in Nahost
Die jungen Palästinenser fachen die Unruhen an

Fotos: Unruhen am Tempelberg in Jerusalem
Fotos: Unruhen am Tempelberg in Jerusalem FOTO: afp, HB/EIS
Surda . Sie sind jung, zornig und desillusioniert: Eine neue Generation von Palästinensern treibt die derzeitigen Unruhen und Zusammenstöße mit israelischen Sicherheitskräften an. Eine Generation ohne Hoffnung.

Sie waren noch klein, als Israel den bislang letzten größeren Aufstand niederschlug, können sich kaum an die Härten von damals erinnern. Und sie haben den Glauben daran verloren, auf dem Verhandlungsweg ihren eigenen Staat zu bekommen, sie misstrauen ihren politischen Führern und meinen, dass Gewalt die einzige Sprache ist, die Israel versteht.

Manche wollen auch jenen nacheifern, die in Konflikten mit Israelis getötet oder verletzt wurden - wie Mohannad Halabi. Das ist jener 19-jährige Student aus dem Westjordanland, der am Wochenende zwei Israelis in der Altstadt von Jerusalem erstach, bevor ihn die Polizei dann erschoss. "Wir sind alle beeindruckt von dem, was er getan hat", sagt Malik Hussein, ein 19-jähriger Mitstudent an der Al-Kuds-Universität nahe Jerusalem. "Am Tag nach dem Angriff gingen Studenten auf die Straße und lieferten sich Auseinandersetzungen mit israelischen Soldaten. Mohannads Weg ist der einzige, um Palästina zu befreien."

Trotz derartiger Glut und einem Anstieg der Gewalt ist nicht klar, ob es wirklich zu einem neuen Palästinenseraufstand kommt gegen die israelische Besetzung, die 1967 begann. Der jüngste mit Bombenanschlägen und Schießereien brach 2000 aus und ebbte ab, nachdem Mahmud Ahmad, ein Gegner der Gewalt, den inzwischen verstorbenen Jassir Arafat als Palästinenserpräsidenten abgelöst hatte.

Abbas auf schmalem Grat

Abbas wandert nun auf einem schmalen Grat. Er versucht, eine Eskalation zu verhindern, glaubt, dass die Palästinenser sonst internationale Sympathien einbüßen könnten. Aber er will auch nicht rigoros gegen einen Aufruhr vorgehen, den Palästinenser als legitimen Widerstand gegen Besatzer betrachten. Am Montag wies Abbas seine Sicherheitskommandeure an, die Taktik zu ändern und keine Gewalt anzuwenden, um palästinensische Proteste zu stoppen.

Viel wird von der Härte der israelischen Reaktion abhängen. Bei den jüngsten Attacken waren vergangene Woche vier Israelis getötet worden: die beiden von Halabi erstochenen Männer und ein jüdisches Siedler-Ehepaar, das im Westjordanland erschossen wurde. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat ein hartes Durchgreifen angedroht. Er schickt Tausende zusätzliche Polizisten und Soldaten ins Westjordanland und nach Ost-Jerusalem, um Brandbomben- und Steinewerfern das Handwerk zu legen.

In der Vergangenheit hat ein solches Vorgehen oft eine neue Spirale der Gewalt ausgelöst: mehr palästinensische Opfer, auf die neue Proteste und mehr Blutvergießen folgten. Während des bislang letzten Aufstandes hatte Israel das tägliche Leben in den Palästinensergebieten durch Beschränkungen massiv erschwert. Truppen riegelten Gemeinden ab, viele Palästinenser konnten ihrer Arbeit nicht nachgehen. Lange Wartezeiten an den israelischen Kontrollpunkten wurden gang und gäbe, und in den finstersten Tagen rollten Panzer durch palästinensische Städte, Soldaten nahmen massenweise Palästinenser fest.

Als die Gewalt nachließ, lockerte Israel nach und nach die Fesseln, aber der Zugang zu Jerusalem blieb beschränkt. Viele ältere Palästinenser, die all die Härten miterlebt haben, wollen das nicht noch einmal durchmachen. Sie konzentrieren sich stattdessen auf persönliche Ziele wie gute Jobs und eine gute Ausbildung für ihre Kinder. Aber junge Palästinenser mit wenig Hoffnung auf eine bessere Zukunft schreckt die Vergangenheit anscheinend wenig.

Die Wiederwahl von Hardliner Netanjahu im März hat das Gefühl einer Lähmung bei vielen noch vertieft. Der Ministerpräsident sagt zwar, dass er zu Verhandlungen mit Abbas bereit sei. Aber er lehnt international unterstützte Grundregeln für solche Gespräche ab und treibt den Bau jüdischer Siedlungen in Gebieten voran, die Palästinenser für ihren etwaigen Staat beanspruchen.

Zudem facht der Streit um den Tempelberg in Jerusalem den Zorn an, eine Stätte, die beiden Seiten heilig ist. Viele Palästinenser werfen Israel vor, dass es seine Präsenz dort verstärken wolle - indem der Zugang für Juden ausgeweitet, aber für Muslime eingeschränkt werde. "Was dort vor sich geht, ist unerträglich", sagt Ahmed Halabi, ein 22-jähriger Cousin von Mohannad Halabi, dem Messerstecher in Jerusalem. "Wir müssen handeln."

Im Laufe der vergangen Woche kam es im Westjordanland und Ost-Jerusalem wiederholt zu Auseinandersetzungen zwischen palästinensischen Steinewerfern und israelischen Truppen. Zwei junge Palästinenser wurden von Soldaten erschossen, Dutzende weitere verletzt. Viele der Protestaktionen schienen spontan zu sein oder nur lose via soziale Medien arrangiert, also nicht von den beiden palästinensischen Hauptparteien. Das sind Abbas' Fatah und ihre Rivalin, die militante Hamas.

Ein ranghoher Hamas-Vertreter sagt, seine Organisation ermuntere im Prinzip zu Konfrontationen mit Israel, aber wolle nicht zu viele Aktivisten in die Proteste involvieren, aus Sorge, dass sie von israelischen oder den Sicherheitskräften von Abbas festgenommen werden könnten. Für Dienstag hatten palästinensische Gruppen zu einem Protestmarsch am israelischen Hauptkontrollpunkt zwischen dem Westjordanland und Jerusalem aufgerufen. Keine höherrangigen Fatah-Mitglieder waren anwesend, und Hamas-Vertreter verließen den Ort, bevor Dutzende Jugendliche damit begannen, Steine zu werfen.

Der 21-jährige Demonstrant Bassil Obeida erwartet, dass die Unruhen andauern werden, egal, was die palästinensische Führung entscheide. "Wenn Abbas gegen uns ist...werden wir seine Worte zurückweisen und die Intifada beginnen", erklärt er. "Wir wollen keine Politiker hier haben, um uns zu zeigen, was zu tun ist."

(ap)
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