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Analyse
Zerrissene Türkei wird zum Terror-Ziel

Istanbul: Zerrissene Türkei wird zum Terror-Ziel
FOTO: dpa, pla sir gab
Düsseldorf. Der Anschlag von Istanbul trifft ein geschwächtes Land. Die Türkei wollte im Nahen Osten die Rolle einer Ordnungsmacht spielen. Statt-dessen ist sie in der Region weitgehend isoliert. Die türkische Wirtschaft stottert, die Gesellschaft ist gespalten. Und im Südosten tobt ein Krieg. Von Matthias Beermann

Sein protziger Palast ist viermal größer als das Schloss von Versailles. Und gelegentlich lässt der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan die Palastwachen in osmanische Kostüme stecken. Erdogan scheint fasziniert von der imperialen Vergangenheit der Türkei, die große Teile des Nahen Ostens, des Mittelmeerraums und sogar Europas beherrschte. Selbstbewusst reklamiert er für sein Land eine regionale Führungsrolle, mit den Großen dieser Welt will er auf Augenhöhe reden. Aber Erdogans "Neue Türkei" ist nur ein Papiertiger. Und damit ein besonders verwundbares Ziel für Terror-Anschläge.

Nach einem Jahrzehnt des Booms ist die türkische Wirtschaft in die Knie gegangen. Die Wachstumsraten reichen nicht mehr aus, um genügend neue Jobs für die wachsende Bevölkerung zu schaffen. Zudem hat der Bürgerkrieg in Syrien mehr als zwei Millionen Flüchtlinge ins Land gebracht, die mit den Einheimischen künftig auf dem Arbeitsmarkt konkurrieren werden, sollte Ankara der europäischen Forderung tatsächlich nachgeben und den eingewanderten Syrern eine Arbeitserlaubnis erteilen. Schlimmer noch: In den Kurdenregionen im Südosten der Türkei tobt ein neuer Krieg, der bereits 200.000 Menschen aus ihren Dörfern und Städten vertrieben hat. Auch politisch ist das Land zutiefst gespalten in Anhänger und Gegner Erdogans sowie seiner konservativ-islamischen AKP.

Für diese Polarisierung trägt Erdogan einen großen Teil der Verantwortung. Er ließ in den vergangenen zwei Jahren Jagd machen auf mutmaßliche Gegner in Justiz und Verwaltung, die Medien wurden massiv eingeschüchtert und Kritiker vor Gericht gezerrt. Nachdem seiner AKP im Sommer 2014 vor allem aufgrund des guten Abschneidens der pro-kurdischen Partei HDP die absolute Mehrheit versagt blieb, ließ Erdogan sogar den Friedensprozess mit den Kurden, den er einst selbst gestartet hatte, kurzerhand platzen. Die PKK und ihr inhaftierter Chef Abdullah Öcalan, eben noch Verhandlungspartner, wurden wieder als Staatsfeinde angeprangert.

Während die türkische Luftwaffe seither PKK-Stellungen vor allem im Nord-Irak bombardiert, wird die Bevölkerung in den türkischen Kurdengebieten mit langen Ausgangssperren drangsaliert. Mehr als 3000 politische Vertreter der Kurden wurden verhaftet, darunter 20 Bürgermeister. Das massive Vorgehen von Armee und Sondereinheiten der Polizei fordert immer wieder auch zivile Opfer. Schon warnen Beobachter vor einer kurdischen Intifada im Südosten, getragen nicht etwa von PKK-Kämpfern, sondern von steinewerfenden Jugendlichen ohne jede Pespektive, die nur der Hass auf den türkischen Staat antreibt.

Im Inneren ist die Türkei zerrissen, und auch außenpolitisch ist sie meilenweit von Erdogans Machtanspruch entfernt. Die Türkei empfinde die gesamte Region zwischen Balkan, Kaukasus und Nordafrika als direkte Interessensphäre, hatte der Präsident noch unlängst getönt. Doch das ist Wunschdenken. In Wirklichkeit ist die Türkei heute so isoliert wie lange nicht. Dabei hatte die türkische Diplomatie jahrelang versucht, den Einfluss Ankaras im Nahen Osten auszuweiten. In zahlreichen Konflikten versuchten die Türken zu vermitteln und dienten sich den Ländern des "Arabischen Frühlings" als Modell einer muslimischen Demokratie an. Mit dem langjährigen Partner Israel brach Erdogan - wohl auch, weil er seine Popularität in den arabischen Ländern steigern wollte.

Aber aus der erträumten Rolle der sunnitischen Ordnungsmacht wurde nichts. Erdogans wichtigste Ziele - die Vertreibung von Syriens Diktator Baschar al Assad und die Verhinderung eines Kurdenstaats in Nordsyrien - haben die Türkei in Konflikte mit anderen Akteuren gestürzt. Mit Syriens Verbündetem Russland sind die Beziehungen seit dem Abschuss eines russischen Bombers durch türkische Jets eisig. Und auch die Nato-Partner sind misstrauisch gegenüber der Türkei. Die USA etwa arbeiten im Kampf gegen den Islamischen Staat (IS) eng mit den syrischen Kurden zusammen, die Erdogan bombardieren lässt. Und bis heute hält sich der Verdacht, dass der türkische Geheimdienst den IS bis in die jüngste Vergangenheit unterstützt hat.

Quelle: RP
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